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Studie: Immer mehr Menschen sind obdachlos

Beratungseinrichtungen schlagen Alarm: Immer mehr Menschen in Niedersachsen haben keine Wohnung und durch den angespannten Markt auch wenig Chancen, eine zu finden. Foto: Getty

Zentrale Beratungsstelle Niedersachsen schlägt Alarm: Mehr als 1500 Personen suchten 2011 Hilfe.

Von Birgit Leute, 30.10.2013.

Braunschweig. Zu sehen sind sie kaum im Stadtbild und doch – es gibt sie. Mehr als 1500 Menschen in Braunschweig suchten im Jahr 2011 Rat bei der Wohnungslosenhilfe. Die Zentrale Beratungsstelle (ZBS) Niedersachsen, die die Erhebung durchführte, schlägt jetzt Alarm, denn die Zahl der Personen ohne Wohnung steigt.

Das Diakonieheim am Jödebrunnen: Rund 50 Plätze gibt es hier für Menschen, die aus den verschiedensten Gründen ihre Wohnung verloren haben. Betreut werden sie von Sozialarbeitern, die versuchen, sie wieder in die Gesellschaft zurückzuführen. Doch – so die Statistik – ein Viertel der so Betreuten ist schon länger als fünf Jahre ohne eigenes Zuhause.
„Immer mehr Menschen wenden sich an die Beratungsstellen der Wohnungslosenhilfe“, ordnet Uwe Söhl, Leiter der Regionalvertretung Braunschweig der ZBS, ein. Suchten 2009 noch 1341 Personen Unterstützung, so waren es 2011 schon 1522.

Teurer Wohnraum

Für den Anstieg macht Söhl zwei Gründe aus: Zum einen steige die Zahl der jungen Menschen unter 25 Jahren, die keine Wohnung haben, zum anderen werde es immer schwieriger, passende – dass heißt bezahlbare – Wohnungen für die Betroffenen zu finden. „Im Jahr 2004 lag der Anteil der jungen Obdachlosen im Bezirk Braunschweig noch bei 17,2 Prozent; im Jahr 2011 zählten wir schon 23,4 Prozent“, rechnet Söhl vor. Schuld daran seien unter anderem die Auflagen des Hartz-IV-Gesetzes. „Es sieht vor, dass jugendliche Leistungsbezieher im elterlichen Haushalt wohnen müssen, das Jobcenter übernimmt also nicht die Miete für eine eigene Wohnung. Da es aber häufig Probleme, auch Gewalt in den Familien gibt, hauen die Jugendlichen irgendwann ab und leben auf der Straße“, schildert Söhl.
Der angespannte Wohnungsmarkt macht es Hilfseinrichtungen wie der Diakonie nicht einfacher, Obdachlose wieder „unterzubringen“. „Wir arbeiten ja dafür, dass die Besucher unserer Tagestreffs oder die Bewohner unserer Heime wieder alleine zurechtkommen, doch gerade in Universitätsstädten wie Braunschweig stehen sie in der Warteschlange für Wohnungen ganz hinten“, erzählt Maik Gildner, Geschäftsführer der Diakonischen Gesellschaft Wohnen und Beraten, aus seiner Arbeit.

Kooperation wichtig

Er wie auch Uwe Söhl wünschen sich mehr bezahlbare Wohnungen und auch ein Kontingent von Wohnungen, für Leute „die es so nicht schaffen“. Gildner: „Der soziale, das heißt vom Staat oder Land bezuschusste Wohnungsbau mit einer Deckelung der Miete ist stark zurückgegangen, bei vielen bestehenden Wohnungen läuft die Sozialbindung aus. Hier müssten wieder mehr Mittel zur Verfügung stehen. Gleichzeitig wäre es wünschenswert, wenn Jobcenter, die städtische Wohnungslosenhilfe und Vermieter enger zusammenarbeiten würde.“
Auch das Personal für die ambulanten Beratungsstellen müsste nach Ansicht von Söhl und Gildner aufgestockt werden. „Insbesondere in den beiden großen Städten wie Braunschweig und Hannover mit weit mehr als 500 Ratsuchenden im Jahr 2011, reicht eine halbe Stelle für das Basisangebot, das heißt die Prüfung, ob ein Hilfebedarf besteht, nicht aus“, stellt Söhl klar.
Dass sich Unterstützung auszahlt, kann Maik Gildner bestätigen. Immerhin ein Viertel aller durch die Diakonie betreuten Obdachlosen findet wieder eine Wohnung. Gildner wehrt sich gegen ein beliebtes Klischee: „Hilfe für Obdachlose ist nicht die sozialstaatliche Subvention von Lustlosigkeit.“ Oft seien es traumatische Erlebnisse wie der Tod eines Partners, Gewalt in der Familie, eine problematische Scheidung, die Menschen aus der Bahn werfen würden. „Obdachlose – das sind nicht die Menschen mit Rauschebart und Rucksack, sondern Menschen, von denen man es nicht vermuten würde, die nicht danach aussehen, und die auch nicht unbedingt auf der Straße zu finden sind.“
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