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Studenten im „Feldversuch“

Interview mit TU-Präsident Dr. Hesselbach über verkürzte Bachelor- und Masterstudiengänge

Von Marion Korth, 18.11.2009

Braunschweig. Das Audimax ist seit gestern besetzt – auf unbestimmte Zeit. Seitdem es in vielen Fächern die verkürzten Bachelor- und Masterstudiengänge gibt, hagelt es Kritik. Die Studenten beschweren sich über vollgestopfte Lehrpläne, über Leistungsdruck, starre Strukturen. Die nB sprach mit TU-Präsident Dr. Jürgen Hesselbach.

? Was ist bei der Umstrukturierung schiefgelaufen?

! Eine solche Umstellung verlangt Ressourcen. Man muss doch erst einmal überlegen: Wie machen wir das? Aber das erste Ziel bei den Vorgaben war die Verkürzung der Studienzeit, sechs Semester für den Bachelor, vier für den Master. Es wäre gut gewesen, das neue System in Pilotmodellen erst einmal für unterschiedliche Fächer auszuprobieren und Erfahrungen zu sammeln. Stattdessen machen wir jetzt einen bundesweiten Feldversuch mit ganzen Studentenjahrgängen. Es war auch nicht richtig, alle Studienfächer über einen Kamm zu scheren.

? Es gibt also Unterschiede in den einzelnen Fächern?

! In den Geisteswissenschaften hat die stärkere Strukturierung des Studiums geholfen, weniger Studierende wechseln oder brechen ab. In vielen Ingenieurstudiengängen hatten wir es dagegen schon mit einem sehr stark strukturierten und verschulten System zu tun. Das ist jetzt noch verschärft worden. Wir hatten früher im Maschinenbau eine Abbrecherquote von 30 Prozent in drei Jahren. Jetzt liegt sie nach eineinhalb Jahren schon bei 40 Prozent – das heißt, das ist in dieser Form nicht mehr studierbar.

? Also Kommando zurück?

! Nein. Das Schlimmste wäre jetzt alles zu ändern. Aber man muss reparieren. Zum Beispiel die Betreuungs- und Beratungsintensität erhöhen. Die Studenten müssen sich in viel kürzerer Zeit zurechtfinden. Hier an der Hochschule sind weniger Leitplanken eingebaut als in der Schule. Um die Orientierung zu erleichtern, haben wir Studiengangskoordinatoren eingesetzt. Außerdem werden aus Mitteln der Studienbeiträge 35 zusätzliche Stellen für wissenschaftliche Mitarbeiter, die lehren, sowie eine zusätzliche Lehrprofessur geschaffen. Natürlich kann ich das Abitur in zwölf Jahren haben und den Bachelor in sechs Semestern, aber dafür brauche ich mehr Lehrer.

? Die Studenten beklagen sich über den enormen Leistungsdruck. Aber ist es denn überhaupt möglich, diesen Druck zu mindern und ihnen trotzdem in verkürzter Zeit alles Wichtige beizubringen?

! Ja, das kriegt man hin, indem man Studienpläne entrümpelt. Die Frage ist ja, was muss ein Bachelor eigentlich können, was braucht er alles, worauf kann man verzichten? Das muss man auf der Fächerebene regeln.


? Die Studierenden protestieren auch gegen die Studienbeiträge von 500 Euro je Semester. Wie stehen Sie dazu?

! Als Familienvater mit vier studierenden Kinder wäre ich auch für die Abschaffung. Aber aus Sicht des Hochschulpräsidenten muss ich sagen: Wir brauchen das Geld – jetzt erst recht. In der Studienkommission entscheiden wir hier an der TU gemeinsam mit den Studierenden darüber, wie das Geld verwendet wird.
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