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Spiele auf Englisch und Mathe ab drei – Alltag in den Kitas

„Dort oben auf dem Berge, eins, zwei, drei ...“: Fingerspiele in der Kita „Kinderstall“. Andrea Grashoff (2.v.l.) und Manuela Ensfelder arbeiten seit vielen Jahren als Erzieherinnen und wünschen sich mehr Anerkennung. Foto: Thomas Ammerpohl

An Erzieher werden heute hohe Anforderungen gestellt – Verständnis für Streiks.

Von Birgit Leute, 02.04.2014.

Braunschweig. Geringes Image, geringe Bezahlung und immer mehr „Bildungspläne“: Man muss schon viel Enthusiasmus mitbringen, um heute den Beruf der Erzieherin zu ergreifen. Das jedenfalls meinen Andrea Grashoff und Manuela Ensfelder und zeigen Verständnis für die aktuellen Streiks.

Eigentlich haben die beiden nichts zu beklagen: Andrea Grashoff und Manuela Ensfelder arbeiten in einem freien Kindergarten, getragen von einer Elterninitiative und sind „heilfroh“, nicht dem Druck ausgesetzt zu sein, der auf Erzieherinnen in städtischen Kitas lastet.
„Die Erwartungen, die an uns als Berufsgruppe inzwischen gestellt werden, sind immens“, sagt Grashoff. Kindergärtnerinnen sollen nicht nur die Erziehungsfehler der Eltern ausbügeln. „Viele von uns müssen ganze ’Bildungspläne‘ abarbeiten, die überprüfen, ob ein Kind bestimmte Kriterien schon erfüllt – oder eben auch nicht“, berichtet die 46-Jährige aus dem Alltag in den Kitas.
Spiele auf Englisch, Mathematik ab drei, soziale Anleitung und Integration von Migrantenkindern – in den Kitas weht inzwischen ein strenger Wind.
„Kinder werden heute von früh an für den Wettbewerb trainiert“, sagt Grashoff über ein System, das sich in ihren Augen viel zu sehr an Ländern wie den USA, Frankreich oder China ausrichtet und weniger an den skandinavischen Modellen, die mehr Freiraum zulassen. „Den Erziehern bleibt eigentlich keine Zeit mehr, auf das einzelne Kind einzugehen, seine individuellen Begabungen zu fördern“, sagt Grashoff.
Stattdessen müssten sie die Kinder vor allem dahin bringen, am Ende der Kita-Zeit die „Schulreife“ zu erfüllen. Kann das Kind einen Kopffüßler malen? Super. Schafft es das nicht? Schlecht – für Kind und Erzieher gleichermaßen. „Die Eltern reagieren inzwischen hochgestresst, wenn ihre Kleinen die vorgegebenen Ziele nicht hundertprozentig erfüllen“, sagt Ensfelder kopfschüttelnd.
Honoriert werden diese erhöhten Anforderungen nach Ansicht beider Frauen allerdings nicht.
Vier Jahre dauert in der Regel die Ausbildung. In dieser Zeit verdienen die angehenden Kindergärtner nichts. Alles in allem liegt der Durchschnittsverdienst einer Erzieherin in Deutschland bei 2195 Euro brutto im Monat. „Davon kann man keine Familie ernähren“, sagt Grashoff. Viele griffen deshalb zu einem Zweitjob. „Ich habe nebenher in einer Fahrschule gearbeitet, an Urlaub war gar nicht zu denken“, erzählt Ensfelder von manchen Elf-Stunden-Tagen.
Hinzu kommt das Image, das hartnäckig an den Kindergärtnerinnen klebt. „Wir gelten immer noch als eine Gruppe Cappuccino trinkender Frauen, die plaudernd neben der Sandkiste sitzen“, sagt Ensfelder. Keine gute Werbung für den Nachwuchs. „Gerade Männer, die ja vermehrt in den Erzieherbereich sollen, winken bei solchen Perspektiven ab“, sagt die 47-Jährige.

Info:

Rund elf städtische Kitas waren in den vergangenen Wochen vom jüngsten Verdi-Streik betroffen. Die Gewerkschaft fordert schon lange mehr Ausbildungsplätze und eine bessere Bezahlung für Erzieher – vor allem vor dem Hintergrund eines steigenden Bedarfs durch den Ausbau der Betreuung.
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