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Polizei rät: In jedem Fall Anzeige erstatten

Einwirkung auf andere Menschen ist ein Haftgrund – auch für Kinder und Jugendliche

Von Martina Jurk, 24.02.2010

Gabriele Butte ist seit 20 Jahren bei der Braunschweiger Polizei im Bereich der Prävention tätig und seit zehn Jahren Jugendbeauftragte. Die 53-Jährige, die die Polizeiarbeit von der Pike auf gelernt hat, entwickelt spezielle Programme, die fit machen nicht nur für die Bewältigung von Streitsituationen, sondern auch Alltagsproblemen.

Sind Eltern in einer Situation wie der beschriebenen ohnmächtig oder können sie aktiv etwas tun?

!Sie sollten auf jeden Fall Anzeige erstatten. Die Polizei geht mit diesem Thema sehr sensibel um. Sie macht den Tatverdächtigen klar, dass Einwirkung auf andere Menschen ein Haftgrund ist. Bei Bedrohungslagen geht die Polizei sogar ganz massiv vor. Sie geht sofort in die Schule und in die betroffene Klasse und klärt darüber auf, welche Folgen und strafrechtlichen Konsequenzen ihr Verhalten hat. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Tatverdächtigen Ruhe geben, sobald die Polizei eingeschaltet wurde und die Eltern informiert sind. Wir arbeiten intensiv mit den Schulen zusammen, auch präventiv. Jede Schule hat einen polizeilichen Ansprechpartner.

?Sie entwickeln für solche Situationen Programme. Können Sie ein Beispiel nennen?

!Sehr gut bei den Schülern kommt das Planspiel Gewalt an. Es richtet sich an Fünft- und Sechstklässler. Wir führen das Planspiel bereits im vierten Jahr durch und erreichten bislang rund 540 Schüler.

?Wie läuft das Planspiel Gewalt genau ab?

!Die Schüler werden in drei Gruppen aufgeteilt. Sie spielen die Rollen von Tätern und Opfern, bereiten sich darauf vor, versetzen sich in die Rollen hinein. In Gruppe eins provoziert Kevin Lukas, der daraufhin zurückschlägt und Kevin das Nasenbein bricht. Lukas als Täter muss zur Öffentlichen Versicherung gehen, wo ihm mitgeteilt wird, dass er die Krankenhauskosten zahlen muss – und dass die Versicherung die Schadenskosten 30 Jahre lang einfordern kann. Anschließend muss Lukas zur Polizei. Er wird vernommen, ihm werden die Konsequenzen seiner Tat klargemacht. Mit Lukas und Kevin wird in der Schule ein Schlichtungsgespräch geführt. Beide schließen einen Vertrag, wie sie in Zukunft miteinander umgehen.
Bei der zweiten und dritten Gruppe geht es um räuberische Erpressung („Gib Zigaretten raus, sonst gibt‘s Schläge“). Die Mittäter müssen zur erkennungsdienstlichen Behandlung (Lichtbild, Fingerabdrücke), zum Jugendamt, wo ihnen auch Hilfen angeboten werden. Das 13-jährige Opfer, das raucht und erpresst wird, muss zum Rektor der Schule und sich offenbaren.

?Wie fühlen sich die Schüler bei dem Planspiel und was nehmen sie mit?

!Alle, die bis jetzt daran teilgenommen haben, beurteilen es von gut bis sehr gut. Mitgenommen hätten sie viel bis sehr viel. Sie sind beeindruckt, wenn sie von der Versicherung oder der Polizei zurückkommen. Das ist ja echt. Mit dem Planspiel wird ihnen klargemacht, dass sie Gewalttaten oder -androhung öffentlich machen müssen. Sie erfahren, welche Möglichkeiten die Jugendberatungsstelle hat. Wichtig ist, dass die Schüler wissen, welche Verhaltensweisen es gibt, damit Situationen gar nicht erst eskalieren können, und wenn doch, woher sie Hilfe bekommen.

?Können Sie sagen, ob das Programm in der Realität Wirkung zeigt?

!Gewaltdelikte bei Schülern sind insgesamt rückläufig – als Ergebnis aller Präventionsmaßnahmen und nicht eines einzelnen Programmes. In Braunschweig läuft Prävention vernetzt, das heißt, Stadt, Schule, Jugendamt und Polizei arbeiten zusammen.

?Das hört sich gut an. Warum trauen sich aber viele Eltern nicht, zur Polizei zu gehen?

!Sie trauen sich nicht, weil sie Angst haben. Das ist aber falsch. Im Übrigen ist auch die Schule zur Anzeige verpflichtet, wenn auf ihrem Gelände Gewalttaten geschehen.

?Kann es sein, dass die Erwachsenen resignieren, wenn sie von einem Fall wie in München hören, bei dem der Mann mit Zivilcourage getötet wurde?

!Wir lehnen es ab, sich als Einzelperson in Gefahr zu bringen. Wenn man sich einer gewalttätigen Gruppe gegenübersieht, sollte man weitere Personen um Hilfe rufen.
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