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POC21

Millemont (Frankreich): Chateau Millemont |

… ist keine neue Creme, POC21 steht für „Proof of Concept“,

was so viel heißt wie „na bitte, es geht doch“ und erbringt einen Nachweis der Machbarkeit. Denn während sich Paris auf die 21. Klimakonferenz im November dieses Jahres vorbereitet, auf der 194 Staaten sich wieder einmal mit dem Ziel treffen, ein internationales Klima-Abkommen abzuschließen, sind hier echte Vorkämpfer und Schrittmacher am Werk, die ganz erfrischend mal nicht quatschen, sondern im Vorfeld schon echte Innovationen abliefern. Das Wortspiel mit der 21. UN-Klimakonferenz – Conference of the Parties (COP21) ist natürlich kein Zufall. Und so treffen sich – auch das ist kein Zufall – in Paris 100 Macher und Visionäre, die 12 ausgewählte Projekte für einen sauberen Planeten in 5 Wochen auf Schloss Millemont, einem Barockschloss in der Nähe von Paris, entwickeln und präsentieren und damit allen eine lange Nase zeigen.

Ich habe mich schon oft gefragt, was die regelmäßigen Klimagipfel außer einem enormen logistischen Aufwand, teuren Sicherheitsvorkehrungen, edlen Banketten, standesgemäßen Hotels und außerordentlichen Reisekosten an echten Ergebnissen gebracht haben. Daniel Kruse, einer der fünf Gründer von POC21, sagt: "In 20 Jahren und 20 Klimagipfeln haben sich die weltweiten Emissionen mehr als verdoppelt. Wir denken, es braucht jetzt neue Formate und frische Köpfe, um endlich fassbare Ergebnisse für die breite Bevölkerung zu entwickeln". Organisiert wird das Innovationscamp von den Initiativen OuiShare aus Paris und OpenState aus Berlin. Vom 15. August bis zum 20. September entwerfen Frickler und Designer, alles junge freidenkende kreative Köpfe, unter freiem Himmel die Prototypen für eine neue Zukunft. Zur Abwechslung mal ein erfreulich anzuschauendes Newtopia.

Mal ehrlich, als Pippi 1968 erstmals „ich mach` mir die Welt, wie sie mir gefällt“ sang, wollten wir alle so frei sein wie Pippi. Geworden sind wir dann aber so abhängig wie Tommy & Annika. Vom Öl, vom sauberen Trinkwasser, vom Strom, von Rohstoffen. Aber eben auch vom Konsumzwang, nicht aus einer Macke heraus, sondern weil es wirtschaftlich nicht von Nutzen ist, Konsumartikel zu produzieren, die ewig halten. Dabei haben wir Verbraucher es in der Hand! So wie die Gruppe in Paris an Gerätschaften und Ideen arbeitet, unseren Konsum zu minimieren, können Verbraucher durch ihr Einkaufsverhalten die Produktpalette und ihre Qualität bestimmen. Solange wir den Song nicht so interpretieren wie Frau Nahles 2013, besteht aber noch Hoffnung, denn das Gegenmodell zum Klimagipfel soll engagierte BürgerInnen motivieren, sich ab sofort eine klimaneutrale Zukunft und bessere Welt ressourcenschonend selbst zu bauen.

Unter den mehr als 200 Bewerbungen wurden nach einem internationalen Aufruf von den Organisatoren 12 Projekte ausgewählt: u.a. eine Windturbine für 25 EUR aus recyceltem Material, kostenlose Baupläne für Hilfsmittel zur Herstellung von eigenen Lebensmitteln (AKER), ein Open-Source-Filtersystem zur Produktion von sauberem Trinkwasser. Das System soll sich zum Stückpreis von 1US-Dollar mit einem 3D-Drucker produzieren lassen (Faircap), ein OpenSource-Strommessgerät (OpenEnergyMonitor) oder ein Projekt zur Entwicklung eines mobilen Solarkraftwerks, das eine Alternative zu Dieselgeneratoren bieten soll (SunZilla).

Weg vom Konsum- und Profitdenken ermöglichen die POC21-Pioniere eine neue Art von Produktion. Baupläne, die kostenlos und patentfrei heruntergeladen werden können, Crowdsourcing („wisdom of the crowd“ = Die Weisheit der Vielen), bedeutet eine Auslagerung von Teilaufgaben z. B. über das Internet. Lokale Herstellung – kopierbar und reparabel, weltweit umsetz- und einsetzbar. Die Entwicklung, die wir in den Industriestaaten mittlerweile eingeschlagen haben, defekte Geräte sofort zu ersetzen, ist nicht nur kostspielig, sondern auf Dauer gefährlich. Für die 50 Millionen Tonnen Elektroschrott, die jährlich weltweit entstehen, ist bald kein Platz mehr. Der neue, in die Zukunft investierende Trend setzt auf gemeinschaftlich entwickelte Güter, ressourcenarm und zukunftsfähig.
Entwickler der neuen Produkte sollen im Camp ihre Ideen weiter ausarbeiten, innerhalb der Ideenstadt wird Beratung und Unterstützung angeboten, die Campteilnehmer haben nicht nur Technik und Werkzeug zur Verfügung, sondern es gibt auch Ingenieure und Spezialisten, die ihre Hilfe anbieten. Es geht aber nicht nur um Produkte, sondern auch um Ideen, Menschen in die Lage zu versetzen, sich selbst zu versorgen. Etliche Förderer und Partner finanzieren das Projekt, Universitäten, Stiftungen, Softwarefirmen oder eine französisch-britische Baumarktkette. Denn wenn das Zeltcamp am 20. September endet, müssen die Ideen in die Haushalte getragen werden. Verbraucher müssen animiert und angeleitet werden, Projekte nachzubauen, nach kostenlosen und leicht verständlichen Bauplänen aus dem Internet.

Die Ergebnisse werden in einer Ausstellung im Grand Palais in Paris öffentlich präsentiert, nach einem passenden Ausstellungsort wird auch in Berlin noch gesucht. Vergeblich sucht man auf der Seite unseres Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit einen Hinweis auf POC21, schade eigentlich! Daniel Kruse will die Resultate der beiden Open-Source-Initiativen den Teilnehmern des UN-Klimagipfels zukommen lassen. Wäre ich Repräsentant meines Landes als Teilnehmer des UN-Klimagipfels säße ich allerdings ab dem 15. August mit Daniel Kruse und den anderen Gründungsmitgliedern an einem Tisch.

Das Camp startete einen Aufruf und warb um Freiwillige, die beim Aufbau und der Organisation und später während der Ausstellung helfen, unentgeltlich versteht sich, bei eigener Anreise zum Selbstkostenpreis. Sie versprachen keinen Lohn, viel Arbeit, aber auch viel Spaß. Innerhalb weniger Wochen reisten so viele Helfer an, dass POC21 um Verständnis bat, keine weiteren Teilnehmer aufnehmen zu können.

Na bitte, es geht doch!
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