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Nicht erst 1933 brannten Bücher auf dem Braunschweiger Schloßplatz

Prof. Dr.h.c. Gerd Biegel, Institut für Braunschweigische Regionalgeschichte an der TU Braunschweig, schreibt zur Erinnerung an den 10. Mai 1933.

Am 9. März 1933 brannte auf dem Ackerhof in Braunschweig ein Scheiterhaufen, der mit Akten, Büchern, Fahnen, Zeitungen und Flugblättern den Kampf der Nationalsozialisten gegen Andersdenkende in seiner ganzen Brutalität zum Ausdruck brachte. Selbst vor Mord waren die Nazi-Schergen beim vorangegangenen Sturm auf das Volksfreundhaus in der Schlossstrasse 8 nicht zurückgeschreckt. Ihr Ziel war, die politischen Gegner der Sozialdemokratie und Gewerkschaften zu vernichten, den Volksfreund Verlag als geistigen Träger sozialistischen Gedankenguts seiner Wirkung zu berauben und die Erinnerung im »Gedächtnis der Bücher « zu löschen. Am 10. Mai 1933 brannten dann auf dem Braunschweiger Schloßplatz die Bücher bei jener Aktion der Nationalsozialistischen Deutschen Studentenschaft, bei der sich Heinrich Heines Vision in erschreckender Realität zu erfüllen begann: »Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende Menschen«. Von der Technischen Hochschule ging die Bücherverbrennung aus, von dort marschierten am 10. Mai 1933 die Bannerträger gegen den undeutschen Geist zum Schloßplatz, viele Menschen begleiteten das Ereignis, der Rektor der Technischen Hochschule befand sich an der Spitze, eine »große Menschenmenge« hatte sich am Schloßplatz eingefunden, dazu Behördenvertreter sowie Vertreter der Berufsfeuerwehr einschließlich einer aktiv tätigen Löschmannschaft.
Doch 1933 war keineswegs der Anfang der Bücherverbrennungen im nationalsozialistisch regierten Braunschweig. Bereits am 22. März 1930 am »Tag des Buches«, den der Börsenverein des Buchhandels unter dem Motto »Jugend und Buch« veranstaltete, hatte man sich in Braunschweig eine besonders »volkstümliche« Variante der Durchführung einfallen lassen. Veranstaltet von Jugendgruppen, Verbänden, Buchhandlungen und Verlagen in Braunschweig wurden »Das gute Buch« beworben und »Schundliteratur« bekämpft. Der damals bekannte und beliebte Schauspieler des Landestheaters, Hermann Mesmer (1869-1953), war als Symbolfigur Till Eulenspiegel Schirmherr der Veranstaltung. Er fuhr mit einem »Schundkarren« durch die Stadt, auf den die Bevölkerung »mit Begeisterung« alle »zur Säuberung ihrer Buchregale« gesammelte »Schundliteratur«, »alles was nur einen Anschein von Schund hatte« warf. Auch aus den Buchhandlungen wurde der Karren reichlich gefüllt. Diese Bücher wurden am Abend bei einem Volksfest auf dem Platz vor dem Braunschweiger Residenzschloß aufgeschichtet und der Bücherberg -von Till Eulenspiegel mit fröhlichen Sprüchen begleitet- schließlich angezündet. »Herrmann Mesmer als Eulenspiegel ließ alle bösen Geister in schlechten Büchern den Feuertod sterben«, berichtete die Presse am 24. März 1930.
Ein »Ketzergericht« als »Schwur zur Reinheit«, ein »Treugelöbnis für die deutsche Zukunft« fand in dieser Form als Bücherverbrennung der Nazis erstmals in Deutschland am 22. März 1930, dem »Tag des Buches« an Goethes Todestag auf dem Schloßplatz in Braunschweig statt. Dabei erinnert man sich unwillkürlich an Goethes Notiz im vierten Buch des ersten Teils von »Dichtung und Wahrheit«, wo er berichtet, wie er als junger Mensch in Frankfurt »Zeuge von verschiedenen Exekutionen« sein mußte, und, so stellte er fest, »es ist wohl wert zu gedenken, daß ich auch bei Verbrennung eines Buches gegenwärtig gewesen bin. (...) Es hatte wirklich etwas Fürchterliches, eine Strafe an einem leblosen Wesen ausgeübt zu sehen«. Wie auch Heinrich Heine in »Almansor« oder William Shakespeare im »Sturm« assoziierte Goethe die Vernichtung von Buch und Mensch. Am 22. März 1930 brannten auf dem Braunschweiger Schloßplatz Bücher und die konservative Presse zog als Fazit des Tages: » Der Tag des Buches stand in Braunschweig unter einem günstigen Stern«.
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