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Neues AOK-Behandlungskonzept läuft an

Seit April können sich Patienten freiwillig für das Hausarztmodell entscheiden.

Von Jens Radulovic, 14.07.10

Braunschweig. Die AOK hat mit Hausärzten der Region einen sogenannten Hausarztvertrag geschlossen. AOK-Patienten können nun an der hausarztzentrierten Versorgung teilnehmen, die die Rolle des Hausarztes als Lotse im Gesundheitssystem stärken soll. Die Teilhabe am Verfahren ist für Hausärzte und Patienten freiwillig, die Vor- und Nachteile sind umstritten.

„Der Gesetzgeber verpflichtet die Krankenkassen seit 2007, ‚ihren Versicherten eine besondere hausärztliche Versorgung anzubieten‘. Die AOK hat mit der Vertragsgemeinschaft aus den Hausärzteverbänden Niedersachsen und Braunschweig sowie der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen einen entsprechenden Vertrag nach §73b SGB V geschlossen“, sagt Klaus Altmann, Pressesprecher der AOK-Niedersachsen.
In §73b des Sozialgesetzbuches V regelt der Gesetzgeber verpflichtend die Rahmenbedingungen für das Zustandekommen von Modellen der hausarztzentrierten Versorgung. Neben der AOK bieten auch andere Krankenkassen dieses spezielle Modell an beziehungsweise arbeiten an solchen Verträgen. Im SGB V werden allerdings nur die Mindestanforderungen formuliert, die konkrete Ausgestaltung liegt bei den Vertragspartnern.
Bei dem neuen Versorgungkonzept soll der Hausarzt stets der erste Ansprechpartner des Patienten sein und auch die weitergehende Behandlung bei Fachärzten oder im Krankenhaus steuern.
Der AOK-Vertrag richte sich an alle Versicherten der AOK mit Wohnsitz in Niedersachsen, die das 15. Lebensjahr vollendet haben, so die Krankenkasse. Diese müssten sich einen teilnehmenden Hausarzt wählen und ihre Teilnahme schriftlich erklären. Versicherte seien an den gewählten Hausarzt mindestens ein Jahr gebunden.
Die Ärzte verpflichten sich beim Hausarztmodell, eingeschriebene Versicherte über Angebote der AOK zu informieren, erklären sich bereit, die Wartezeit für diesen Patientenkreis bei vorab vereinbarten Terminen auf 30 Minuten zu begrenzen und wöchentliche Abend- und Wochenendsprechstunden anzubieten.
Unbestritten ist: Die teilnehmenden Hausärzte können bei Patienten, die am Hausarztmodell der AOK teilnehmen, zusätzliche Pauschalen und leistungsabhängige Honorare abrechnen, also an den angeschlossenen Patienten mehr Geld verdienen. „Das Geld kommt aus dem Haushalt der AOK Niedersachsen“, erklärt Altmann. Er verweist darauf, dass per Gesetz Leistungen nach diesem Vertrag „aus Einsparungen und Effizienzsteigerungen“ finanziert werden könnten. Ein Zusatzbeitrag werde dadurch nicht erforderlich.
Umstritten sind unter Ärzten dagegen die Folgen einer Teilnahme an der hausarztzentrierten Versorgung auf Grundlage des AOK-Vertrages und deren Nutzen für die Patienten.
Dr. Friederike Speitling, selbst Hausärztin, nahm an einer Ärzte-Informationsveranstaltung der AOK teil. „Die anwesenden Kollegen waren alle begeistert“, erinnert sich Speitling. Sie ist es nicht, befürchtet gravierende Nachteile für Ärzte und Patienten.
„Wir bekommen das Geld von der Krankenkasse, damit wir die Daten unserer Patienten weiterreichen“, glaubt Speitling, die Mitglied bei „Ärzte in sozialer Verantwortung“ ist. Mit dem Vertrag verpflichteten sich die Ärzte zur Anschaffung spezieller Software. Durch diese hätten private EDV-Dienstleister Zugriff auf sensible Patientendaten, so Speitling.
„Ein Praxis-Datenverarbeitungs-System, das die elektronische Führung der Patientenakten, die Speicherung der Befunddaten und ähnliches sicherstellt, ist heute schlichtweg die Norm in Arztpraxen“, entgegnet Altmann.
„Sie (die Ärzte, Anm. d. Red.) verpflichten sich im Rahmen der wirtschaftlichen Verordnung von Arzneimitteln, die in den wissenschaftlichen Leitlinien genannten Wirkstoffe zu beachten“, führt die AOK zum neuen Versorgungskonzept aus. „Damit sind die von der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (Degam) veröffentlichten Leitlinien gemeint. Darüber hinaus existieren mehrere interdisziplinäre Leitlinien. Sie geben wertvolle Unterstützung bei der Behandlung häufig auftretender Krankheitsbilder in der Hausarztpraxis“, so Altmann.
Für Speitling kommt das einer Entmündigung gleich: „Die Krankenkasse legt fest, wie jemand mit einer bestimmten Krankheit zu behandeln ist. Ich dagegen denke, Medizin ist etwas individuelles und kann nicht standardisiert werden.“ Sie sehe darin eine Industrialisierung der Medizin. Langfristig würden so kleine Praxen ersetzt durch medizinische Versorgungszentren mit angestellten, wechselnden Ärzten, die ihre Patienten nach „Schema F“ behandelten.
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