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Neue Sicht auf Familienarmut

Studie liefert überraschende Ergebnisse.

Von Martina Jurk, 20.04.11

Braunschweig. Wie leben Familien mit geringem Einkommen wirklich? Wie kommen sie zurecht? Reichen die Hilfsangebote? Eine Studie im Braunschweiger Land liefert überraschende Ergebnisse.

Zwei Jahre lang wurde die Lebenssituation von Familien mit minderjährigen Kindern und geringem Einkommen untersucht, in Auftrag gegeben vom Diakonischen Werk der evangelisch-lutherischen Landeskirche in Braunschweig und der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz. Dazu sind mehr als 300 Interviews im gesamten Braunschweiger Land geführt worden – auf freiwilliger Basis. „Die Ergebnisse stimmen uns nicht fröhlich“, sagte der Direktor des Diakonischen Werks, Dr. Lothar Stempin, vor Medienvertretern. Die wichtigste Erkenntnis: Das Bild, das die Gesellschaft von „armen“ Familien hat, muss sich ändern. Die Studie gibt konkrete Handlungsempfehlungen.
Es ist die bundesweit wohl umfangreichste Untersuchung zum Thema Familienarmut der vergangenen fünf Jahre. Anlass war, dass 15 Prozent aller Kinder in Niedersachsen in Armut leben (Stand 2008). „Die Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz hatte sich aufgrund dieser Tatsache entschlossen, die Studie mit mehr als 120 000 Euro zu unterstützen“, betonte Professor Dr. Friedrich Weber, Landesbischof und Vizepräsident der Stiftung. Es sei klargeworden, dass Armut nicht ausschließlich eine Frage des fehlenden Geldes ist, sondern auch der fehlenden Teilnahme am gesellschaftlichen und sozialen Leben sowie mangelnder Bildungschancen.
Die wichtigsten Erkenntnisse der Studie widersprechen der allgemeinen öffentlichen Einschätzung: • Bei Geldmangel sparen die wenigsten Eltern am Bedarf der Kinder. • Gesundheitsprobleme belasten die Familien, neben einer prekären finanziellen Situation, am meisten. • „Arme“ Familien tun viel, um aus ihrer Situation herauszukommen. Für ein auskömmliches sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis ist häufig Mobilität Voraussetzung, die diesen Menschen fehlt (zum Beispiel der Führerschein). • Zehn Prozent der Kinder aus Familien mit geringem Einkommen besuchen weiterführende Schulen unterhalb des Niveaus der Empfehlung der Grundschule.
Für Dr. Lothar Stempin und alle Beteiligten ergeben sich Konsequenzen aus den Ergebnissen: „Der soziale Absturz der Betroffenen muss gestoppt werden, Hilfsinstrumente müssen in ihrer Wirkung überprüft werden, denn sie greifen nicht ineinander, das eingesetzte Geld ist nicht wirksam genug.“ Gerade ganz aktuell sei die Diskussion über die Umsetzung des von der Bundesregierung beschlossenen Bildungspakets. „Ein administratives Aufblasen“, so Stempin.
Weitere Erkenntnisse: Die meisten betroffenen Familien gehen verantwortungsvoll mit Geld um, sie entwickeln Überlebensstrategien. Es ist nie ein einziges Problem, das die Familien belastet, sondern es ist ein ganzer Problemkomplex. Betroffene haben das größte Problem im Umgang mit Ämtern und Behörden.
Die Studie wurde angefertigt von der Bielefelder Gesellschaft für Organisation und Entscheidung (GOE). „Sie ist mehr als eine Beschreibung von Lebenslagen, sondern gibt Empfehlungen für konkretes Handeln. Zu Antworten kommen wir nur, wenn wir die Wirklichkeit richtig reflektieren“, meinte Uwe Söhl vom Diakonischen Werk. Die druckfrische Broschüre „Wirksame Wege für Familien mit geringem Einkommen im Braunschweiger Land gestalten“ kann von jedem Bürger bestellt oder im Internet eingesehen werden. Bei der Entstehung der Studie sind Städte und Landkreise sowie soziale Akteure einbezogen worden. Die Ergebnisse sind lokal differenziert und sollen auch lokal diskutiert werden. „Der Bundestag wird sie bekommen, und wir werden auch an die Parteien herantreten. Vieles kann aber auch vor Ort initiiert werden ohne politische Entscheidungen“, ist Stempin überzeugt. Hilfsinstrumente müssten überdacht werden. „Vielleicht ist sogar eine Instrumentenreform nötig.“
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