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Nachgehakt: Rente, Autos, Cannabis

Cannabis – legalisieren oder nicht? Dieses Thema interessierte die Schüler der Otto-Bennemann-Schule besonders. Hier die Debatte mit der Vertreterin der Linken, Cihane Gürtas-Yildrim. Fotos: Fahem
 
Keine Scheu: Die Schüler begegneten den Politikern durchaus kritisch.

Beim politischen Speed-Dating diskutierten Schüler der Otto-Bennemann-Schule mit Kandidaten.

Von Birgit Wiefel, 12.09.2017.

Braunschweig. Sieben Klassen, sieben Braunschweiger Bundestagskandidaten und zwanzig Minuten Zeit, um sich zu beschnuppern: Schüler der Otto-Bennemann-Schule hatten zu einem „politischen Frühstück“ geladen.

Statt einer trockenen Podiumsdiskussion gab‘s ein Speed-Dating: Direkte Fragen hier, möglichst konkrete Antworten dort. „Toll, aber auch ganz schön anstrengend“, atmete CDU-Kandidat Carsten Müller nach gut dreieinhalb Stunden „Dauerbeschuss“ durch.
Kein Wunder, denn trotz Schokokeksen und Softgetränken – die Fragen der rund 170 Berufsschüler an Müller, Carola Reimann (SPD), Gerald Heere (Grüne), Ingo Schramm (FDP), Cihane Gürtas-Yildrim (Linke), Peter Rosenbaum (Parteilos/BIBS) und Mirco Hanker (AfD) waren knallhart. Ob Rente, E-Mobilität oder die Frauen-Quote – viele Themen brannten den 19- bis 20-Jährigen auf den Nägeln.

70 und dann?

„Bis 70 arbeiten und dann noch neben Ausbildung, Familie und Kindern für die Altersvorsorge sparen – wie sollen wir das schaffen?“, wendet sich Armeel Nollmann, angehende Kauffrau für Groß- und Außenhandel, an den CDU-Bundestagskandidaten Carsten Müller. Der versucht zu beruhigen: „Wichtig ist, sich frühzeitig um seine Rente zu kümmern – etwa in dem Sie sich bei einem Betrieb bewerben, der eine Alltagsvorsorge anbietet.“

Eine Tür weiter muss FDP-Kandidat Ingo Schramm beim Thema Bildung Farbe bekennen. „Sind Sie Befürworter oder Gegner der IGS?“ lautet die Frage. Schramm, weißes Hemd, dunkle Hose, sitzt zurückgelehnt – sozusagen auf Augenhöhe – mit den Schülern am Tisch und antwortet bedächtig. „Ich bin dafür. Aber auch der Vorstoß der CDU für eine Oberschule ist gar nicht so schlecht. Sie könnte für alle Schüler sinnvoll sein, die bei der Verteilung der IGS-Plätze leer ausgegangen sind.“

Hupe. Wechsel. Nächster Kandidat.

Gerald Heere (MdL) legt in Vertretung der Kandidatin Juliane Krause die Position der Grünen bei der Umwelt dar. Ja, ein Umdenken beim Thema Auto sei dringend erforderlich, wenn nötig auch mit Druck auf die Konzerne. Doch Heere ist auch Realist. „Es ist ein Prozess, der nicht auf Kosten der Arbeitsplätze in der Region gehen darf“, erklärt er den Berufsschülern.

Klare Kante

So verbindlich geben sich Peter Rosenbaum und Mirco Hanker nicht. Wohin mit dem Atommüll? Für den parteilosen Rosenbaum, der seit zehn Jahren für die BIBS im Braunschweiger Rat sitzt, eine klare Sache. „Wer den Dreck macht, soll ihn auch behalten“, gibt der 67-Jährige eine einfache Antwort auf ein komplexes Problem. Und hält gleich noch einen Vortrag über die Rolle von Bürgerinitiativen. „Die entstehen immer dort, wo Parteien etwas versäumt haben.“
Fest zu seinen Ansichten steht auch Mirco Hanker von der AfD. Warum ist die AfD für die traditionelle Familie? „Weil sie ausdrücklich durch das Grundgesetz geschützt wird“, betont Hanker. Familie müsse viel mehr geschützt werden, „die neoliberale Politik der vergangenen Jahrzehnte hat zu wenig für sie getan.“

Emotionale Debatte

Beide Seiten reden sich warm, die Emotionen steigen. Vor allem beim Thema, „Liberalisierung von Cannabis“, das die Jugendlichen mit Abstand am meisten interessiert. Cihane Gürtas-Yildrim von den Linken begrüßt den Vorstoß, Carola Reimann (SPD) lehnt ihn ab. „Wieso“ wird ihr entgegengehalten. „Tabak und Zigaretten sind auch Drogen und legal“. Reimann lässt sich nicht beirren. „Ich komme vom Niederrhein, da fließt viel Alkohol – und doch ist das nicht das gleiche wie Cannabis. Das ist nicht harmlos.“
Die Politikerin ist im Training. Sie sitzt bereits im Bundestag, ist an Debatten gewöhnt, kann auch Angriff.
Ein Schüler reibt sich an der Frauenquote, findet eine Bevorzugung ungerecht. „Ihr habt viel zu viel Angst, das euch Frauen das Wasser abgraben“, entgegnet die SPD-Bundestagsabgeordnete gelassen.
Hupe. Schluss. Alle lehnen sich zurück. „Ein gutes Format“ sind sich Schüler wie Politiker einig. Ob es allerdings auch zur Entscheidungsfindung beigetragen hat – darüber waren sich die Jugendlichen (siehe Umfrage) nicht so sicher.


Umfrage:

Armeel Nollmann: „Ich fand die Idee eigentlich ganz gut, aber viele Politiker blieben für meinen Geschmack zu sehr im Allgemeinen und gaben mir keine konkreten Antworten auf meine Fragen. Ich bin mit daher noch nicht sicher, ob ich wählen gehe ...“

Luke Reichenbach (22): „Die Idee war eigentlich ganz gut, aber es ist nicht wirklich etwas Neues herausgekommen. Es wird immer so viel versprochen, aber niemand weiß, ob das umgesetzt wird. Ich werde aber trotzdem wählen gehen.“

Kübra Kaplonogla (25): Ich finde es gut, dass mit den Jugendlichen gesprochen wird – auch über das, was sie bewegt. Was ich jedoch nicht gut fand, war, dass viele immer um den heißen Brei geredet haben.“

Jan Drawert (19): „Ich finde es cool, dass die Schule so was macht. Aber 20 Minuten für jeden Politiker waren eigentlich zu kurz. Von den Parteien hat mich keine wirklich angesprochen, allerdings habe ich über die BIBS einen besseren Eindruck bekommen.“
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