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Mit sanfter Stimme Feuer ans System gelegt

Grundeinkommen für alle: ein Kulturimpuls zur Befreiung der Arbeit – Autorin Adrienne Goehler las im Staatstheater.

Von Thomas Grigolait, 07.12.2011.


Braunschweig. Erwachsen geworden ist sie, die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens. „Lange Haare, aber gepflegt!“, hätte man früher gesagt. Kürzlich wurde diese Tochter aus gutem Hause sogar im Staatstheater präsentiert.

Autorin Adrienne Goehler las aus ihrem Buch „1000 Euro für jeden. Freiheit, Gleichheit, Grundeinkommen“ und legt mit sanfter Stimme Feuer: 1000 Euro für jeden. Bedingungslos ausgezahlt. Jeden Monat bar auf die Hand.
Konzentriert trägt Goehler aus ihrem Werk Grundzüge der Idee eines Einkommens vor, das in zu vereinbarender Höhe – „1000 Euro sind erstmal eine Setzung, die kann niedriger, sie kann auch höher ausfallen“ – die materielle und kulturelle Existenz eines jeden Menschen angstfrei sichern könnte. Wer das bezahlt? Und ob dann überhaupt noch jemand arbeiten geht? Mit dummen Fragen fängt bekanntlich jede Revolution an.
Das Publikum beteiligt sich früh mit Anmerkungen. Man nimmt erstaunt zur Kenntnis, dass ein Drittel allen Geldes für Sozialtransfers in der Bundesrepublik allein für die Verteilung dieses Geldes gebraucht werde. Den Anteil könne man doch schon einmal besser verwenden.
Überhaupt scheinen die Zuhörer, das wird aus der Diskussion deutlich, vertraut zu sein mit dem Gedanken, dass vieles, was ‚schon immer so war’, irgendwann einmal als Idee erst entstanden ist und dann verwirklicht wurde: Sozialversicherung, Wahlrecht, Umweltgesetze, die Wiedervereinigung. Nun sei das Grundeinkommen dran.
Alles andere als Spinner
Hier denken keine Spinner, hier denken die Bürgerin und der Bürger selbst: Was würde ich tun, wenn für mein Einkommen gesorgt wäre? Was würden die Anderen tun? Aus der humoristischen Tatsache, dass 80 Prozent der Menschen selber gern weiter arbeiten würden, aber genau diese 80 Prozent gleichzeitig glauben, dass 90 Prozent der Anderen sich mit Sicherheit auf die faule Haut legten, erwächst im Laufe des Abends die Erkenntnis: Dass man Vertrauen haben könnte in die freie Entscheidung der Anderen – wie man Vertrauen haben kann in sich selbst. „Wir spürten das schon ganz gut, doch wir sammeln noch die Vorstellungskraft“, so Goehler.
Sie selbst sieht die größte Gefahr für die Umsetzung der Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens nicht etwa in dann möglicherweise unerledigter Arbeit oder nicht bezahlbaren Kosten. Sondern darin, „dass wir uns dann nicht mehr herausreden können vor dem, was wir eigentlich im Leben machen wollten. Wenn das Geld da ist, dann könnte man es wirklich tun!“
Frei sein, „nein“ zu sagen
1000 Euro erlauben keine großen Sprünge. Aber sie würden die weit verbreitete und grundlegende Angst, von und mit der eigenen Arbeit nicht leben zu können, beseitigen. Und sie würden die Freiheit geben, auch einmal „nein“ zu sagen. Zu etwas, was man unter Umständen nicht will. Ein Grundeinkommen würde die Lebensbedingungen verändern. Es würde jedem einzelnen Menschen Würde verleihen in jeder Lebenssituation, einfach weil er da ist.
Man entdeckte den Anderen wie sich selbst als Menschen. Denn er bezöge genau wie man selbst ein Grundeinkommen, das eigenes Wirtschaften und gemeinsames Unternehmen erlaubte. „Ein solches Einkommen belohnt nicht Arbeit, sondern ermöglicht sie!“
„Warten Sie nicht auf Politiker und Parteien, wir leben in einer Postparteienkultur. Politiker sprechen über das Grundeinkommen nur zähneknirschend. Es beraubt sie ihrer Macht, das Geld nach Gutdünken selber zu verteilen. Politiker verlieren mit dem Grundeinkommen an Macht.“ Ein guter Onkel oder eine spendable Tante wären also nicht mehr so gefragt. Ein Grundeinkommen gewährten wir uns selbst. Als Souverän und gegenseitig – aus der Produktivität einer Gesellschaft, an der Jede und Jeder beteiligt ist, und die nicht arm ist an Gütern und Ideen, so Adrienne Goehler.
Wann es soweit sei, mit der Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens? „Ich will das noch erleben!“, beschloss eine vergnügt verjüngte Autorin nach zwei Stunden Lesung und Diskussion. Mit denen im besten Sinne des Wortes das Theater einmal Universität des Volkes war.
Mit Adrienne Goehler diskutierten auf der Bühne des Kleinen Hauses der Intendant des Staatstheaters, Joachim Klement, und die Künstlerin und Kuratorin Anne Müller von der Haegen sowie im Parkett circa 40 Zuhörer.
Das Buch „1000 Euro für jeden. Freiheit, Gleichheit, Grundeinkommen“ von Adrienne Goehler und Götz Werner ist 2010 im Econ-Verlag erschienen und kostet 18 Euro.
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