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„Minna war eine unheimlich mutige Frau“

Wer war Minna Faßhauer? Am Erinnerungsort wird eine Annäherung an die Revolutionärin und Ministerin versucht. Fotos: Korth
 
Der Künstler Tobias Vergin hat sich (s)ein Bild von Minna Faßhauer gemacht. Die dünne Akten- und Faktenlage war dabei eine Herausforderung.

Revolutionärin, Ministerin, Verfolgte: Erinnerungsort für Minna Faßhauer (1875 - 1949) im Gewerkschaftshaus eröffnet.

Von Marion Korth, 16.11.2016.

Braunschweig. Sie war unbeugsam, streitbar, klar in ihrer Haltung – doch trotz aller Recherche bleibt viel Nebel um die Person der Minna Faßhauer (1875 - 1949). Eines war sie ganz unbestritten: Sie war die erste Frau Deutschlands, die ein Ministeramt bekleidete. Im Gewerkschaftshaus in der Wilhelmstraße wurde am Donnerstag der „Erinnerungsort Minna“ eröffnet.

Der Raum, der nun ihren Namen trägt, kann für Versammlungen oder Bildungsveranstaltungen genutzt und gebucht werden. Die im Gewerkschaftshaus ansässige Agentur Design und Distribution gab die Anregung dazu. Die Büste auf dem Sockel vor der Tür hat Mechthild Hartung gestaltet, eine naturalistische Darstellung der Minna und darunter eine Säule, auf der prägende Situationen ihres Lebens symbolhaft dargestellt werden: Sie als Rednerin der Novemberrevolution 1918 oder ein Mann, der verzweifelt vor einem leeren Tisch mit einem leeren Teller sitzt. „Friede, Brot, Freiheit“, war Minna Faßhauers zentrale Forderung gewesen.
In einer Broschüre haben Heide Janicki und andere zusammengetragen, was sich an Fakten und Dokumenten über Minna Faßhauer finden ließ. Nicht viel. „Immerhin haben wir die Zahl der vorhandenen Fotos verdoppelt – nun gibt es zwei“, sagte Peter Frank (Design und Distribution).

Revolutionärin

Minna Faßhauer stammte aus ärmsten Arbeiterverhältnissen und hatte sich in Braunschweig als Dienstmagd verdingt, später arbeitete sie als Wäscherin. Richtig lesen und schreiben lernt sie erst als Erwachsene, als sie sich Zugang zu der Bildung verschafft, die ihr als Kind und Halbwaise allzu früh versagt wurde. Die Ungerechtigkeit vor Augen, die desaströsen Lebensumstände der Arbeiter, die Kinder, die unternährt waren oder an Tuberkulose litten, all das war Antrieb für Minna Faßhauer, die Mitglied der SPD, später des Spartakusbundes und der KPD wurde. Nach der Novemberrevolution, der Herzog hatte am 8. November 1918 auf Druck der Massen abgedankt, wurde Minna Faßhauer zur „Volkskommissarin für Volksbildung“ ernannt und damit erste Ministerin. In ihrer kurzen Zeit im Amt schaffte sie die kirchliche Schaulaufsicht ab und schuf damit die Grundlage für die offene, weltliche Schule von heute.

Die politische Lage blieb instabil, schon bald wurden die Aktiven, die die Novemberrevolution vorangetrieben hatten, selbst zu Verfolgten. Beweise gibt es dafür bis heute nicht, doch angeblich war Minna Faßhauer an zwei Sprengstoffattentaten beteiligt und wurde deshalb zu neun Monaten Haft verurteilt. Schwer erkrankt wurde sie vorzeitig entlassen, doch später tauchten die Vorwürfe wieder auf, nun war es Hitlers Gestapo, die sich an ihre Fersen heftete. Mit weiteren Antifaschisten wird sie schließlich festgenommen und ins Frauen-KZ Moringen überführt. 1949 starb sie während einer Frauenversammlung an einem Hirnschlag, Minna Faßhauer wurde 74 Jahre alt. Ihre Grabstelle war 2010 wiederentdeckt und von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregmimes aufgekauft worden.

„Eine mutige Frau“

„Minna Faßhauer ist eine unheimlich mutige Frau gewesen. Aber es geht nicht nur darum, an sie zu erinnern, sondern darum zu zeigen, dass die Welt veränderbar ist“, sagte Werner Hense, der an der Broschüre mitgewirkt hat. Mehrere Versuche, der Kommunistin ein Denkmal zu setzen, blieben erfolglos, aber Die Linke und nicht zuletzt der Deutsche Gewerkschaftsbund wollen dranbleiben. Regionsgeschäftsführer Michael Kleber: „Ihre Büste soll an ihrem Grabstein aufgestellt werden.“

Mit der Büste ist nicht Mechthild Hartungs Werk gemeint, sondern die Bronzebüste des Künstlers Tobias Vergin. Die steht derzeit noch im Foyer des Gewerkschaftshauses und schaut wild entschlossen nach draußen.
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