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Lobbyismus den Kampf ansagen

Das Ärzte-Netzwerk Mezis setzt sich gegen die Beeinflussung der Ärzte durch Pharmafirmen ein

Von Jens Radulovic, 27.12.2009

Braunschweig. „Ich war bei einem Vortrag mit anschließendem Essen, bei dem ein Kollege die Vorzüge eines Präparates vorstellte. Am nächsten Tag kam die Pharmareferentin zu mir, nach dem Motto ‚Wir waren nett zu dir, jetzt sei Du nett zu uns‘. Danach bin ich nie wieder zu einer solchen Veranstaltung gegangen“, sagt Hausartzt Dr. Wolfgang Schneider-Rathert.

In kaum einer anderen Branche wird der Lobby-Einfluss so hoch eingeschätzt wie im milliardenschweren Gesundheitssektor. So warnte auch Ulla Schmidt bei der Amtsübergabe im Bundesgesundheitsministerium ihren Nachfolger, Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler, vor dem großen Einfluss der Lobbyisten in Berlin.
Der Braunschweiger Allgemeinmediziner Dr. Schneider-Rathert hat nur wenig eigene Erfahrungen mit dem Lobbyismus der Pharmaindustrie, aber er setzt sich intensiv mit dem Thema auseinander. Ein Ergebnis dieser Auseinandersetzung ist seine Mitgliedschaft bei Mezis („Mein Essen zahl ich selbst“). Mezis, ein 2007 gegründetes Ärzte-Netzwerk, setzt sich gegen die Beeinflussung durch die Pharmahersteller ein. Ziel ist laut Satzung „Schaden für Patientinnen und Patienten durch unzweckmäßige Arzneiverordnungen abzuwenden und die derzeit vorhandene intransparente und irreführende Beeinflussung des Verordnungsverhaltens offen zu legen“. Die Pharmaunternehmen versuchten massiv, Ärzte in ihrem Verordnungverhalten zu beeinflussen, so Schneider-Rathert.
Ein Instrument dazu sei unter anderem die sogenannte Anwendungsbeobachtung (AWB). „Der Pharmaberater kommt in die Praxis und bittet den Arzt, die Erfahrung mit einem bestimmten Medikament zu dokumentieren. Dafür erhält der Arzt dann eine Aufwandsentschädigung“, erklärt er. „Anwendungsbeobachtungen sind Untersuchungen, mit denen wichtige Zusatz-Informationen aus der Praxis über bereits zugelassene Arzneimittel gewonnen werden können“, hebt das Bundesgesundheitsministerium in einer Pressemitteilung vor allem den möglichen medizinischen Nutzen der AWB hervor. Allerdings wird auch im Ministerium die Gefahr des Missbrauchs als Marketingmaßnahme erkannt: „Der Gesetzgeber hat in den vergangenen Jahren die Gesetzeslage verschärft. Damit wurden insbesondere der ärztlichen Selbstverwaltung Möglichkeiten gegeben, die Qualität von Anwendungsbeobachtungen zeitnah zu bewerten und entsprechend zu handeln. Jetzt ist die Selbstverwaltung gefordert”, sagt der Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium Dr. Klaus Theo Schröder.
Ziel der Pharmahersteller sei jedoch nicht, Informationen über mögliche Nebenwirkungen zu erhalten, sondern vor allem, das Verordnungsverhalten der Ärzte zu beeinflussen, glaubt Schneider-Rathert. „Meine einzige AWB war für ein Nasenspray. Ich notierte die aufgetretenen Nebenwirkungen korrekt, aber daran war der Pharmavertreter nicht interessiert. Er warf die Unterlagen vor meinen Augen in die Tonne“, erzählt der 39-Jährige. Für Arzneimittelbeobachtungen gäben die Pharmaunternehmen etwa eine Milliarde Euro pro Jahr aus.
„Der nicht sachgerechte Gebrauch von Medikamenten, verursacht durch Marketingmaßnahmen der Pharmahersteller sorgt für enorme Mehrkosten im Gesundheitswesen“, sagt der Arzt, „auch deshalb bin ich bei Mezis.“
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