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Lernen – ohne Rollentrennung und Extratisch

Seit 18 Jahren werden an der IGS Franzsches Feld „normale“ und Förderschüler unterrichtet – Ein Besuch in der sechsten Klasse.

Von Birgit Leute, 11.07.2012.

Braunschweig. Mittwochmorgen an der IGS Franzsches Feld. Auf dem Stundenplan der Klasse 6 steht an diesem Tag Gesellschaftslehre – die Römer. 20 Schüler studieren aufmerksam die gelben Aufgabenblätter. Für Ahmed, Lisa, Mia und Denise (Namen geändert) sind sie extra groß beschrieben.

Die vier sind Schüler mit dem Förderschwerpunkt Lernen – so die offizielle Bezeichnung. Übersetzt heißt das ganz einfach: Die Zwölfjährigen sind langsamer im Begreifen von Zusammenhängen als ihre Altersgenossen. Vor 20 Jahren hätte es für sie nur eine einzige Schulform gegeben: die Förderschule. An der IGS nehmen sie am ganz normalen Unterricht teil – nicht an einem Extratisch, nicht abgesondert, sondern Seite an Seite mit gleichaltrigen „normalen“ Schülern.
Lisas Thema ist die Kleidung der Römer. „Wer trug Tunika und Toga?“ steht als Titel auf ihrem Arbeitsblatt. Darunter erklärende Zeichnungen, ein kurzer Text. Lisa, eine stille und fleißige Schülerin, überträgt die Fakten auf eine gelbe Karteikarte, um sie später im Unterricht vorzutragen.
„Hast du die Aufgabe verstanden?“. Gudrun Stieglitz zieht eine Stuhl heran und beugt sich zu ihr hin. Die Sonderpädagogin unterrichtet an diesem Tag im Tandem mit Jens Siebert, Lehrer für Deutsch und Gesellschaftslehre an der IGS. Stieglitz schaut, wo’s hakt, stupst an, wo‘s nötig ist und hat „ihre“ vier Kinder immer im Blick. Drei Wochenstunden pro Kind nimmt sie am Unterricht teil. „Ich stehe aber auch für die anderen Schüler der Klasse zur Verfügung“, betont Stieglitz. Eine Rollentrennung zwischen ihr und Siebert – das gibt es nicht.
Eine Stunde später: Lisa hat inzwischen ihre Kärtchen ausgefüllt, die Fakten sorgfältig mit verschiedenen Farben geordnet und zum Teil mit einem Lineal unterstrichen. Auch Ahmed, der etwas mehr Hilfe und Anstöße braucht, hat dank Stieglitz die Materialliste zusammen, mit der er ein Aquädukt nachbauen und in der Klasse vorstellen soll.
„Jeder gibt sein Bestes“ – der Spruch an der Stirnseite des Klassenzimmers könnte Programm sein für die Integrationsklassen, die schon ein großer Schritt in Richtung Inklusion sind. An der IGS Franzsches Feld gibt es sie seit 18 Jahren, seit mehr als zehn Jahren gibt es an Braunschweiger Grundschulen das „Lernen unter einem Dach.“ „Differenzierter Unterricht? Das ist schon immer Teil unseres Konzeptes“, blickt Gesamtschullehrer Jens Siebert dem Thema Inklusion denn auch gelassen entgegen. „Schüler sind nie alle gleich – auch die ‚normalen’ haben ein unterschiedliches Leistungsniveau, auf das eingegangen werden muss“, erklärt er.
Natürlich kennt er die Bedenken seiner Kollegen. „Die haben das Gefühl, jetzt ins kalte Wasser springen zu müssen, führen räumliche und personelle Hindernisse ins Feld, befürchten Konflikte in den Klassen.“ Siebert versucht solche Befürchtungen und Einwände zu entkräften. „Man muss sich mal von der Vorstellung lösen, dass ein I-Kind der schwerst mehrfachbehinderte Rollstuhlfahrer ist, dem regelmäßig die Windeln gewechselt werden müssen“, sagt er und fügt an. „Das sind ganz normale Menschen, die einfach an einer Stelle ein Defizit haben“.
Auch Stieglitz kann die Einwände nicht verstehen: „Durch das Regionale Integrationskonzept, das in den Braunschweiger Grundschulen schon seit 2001 Alltag ist, sind die Schüler an Gleichaltrige mit Handicap gewöhnt – und umgekehrt. Wir sind da schon viel weiter als andere Städte in Niedersachsen“, betont sie.
Außer Stieglitz unterrichten noch vier weitere Förderschullehrer an der Gesamtschule, pro Jahrgang werden fünf bis sechs Schüler mit den verschiedensten Behinderungen aufgenommen, darunter auch geistig Behinderte.: „Der Austausch und die Zusammenarbeit unter den Kollegen klappt ausgezeichnet“, loben beide Lehrer. Siebert sieht allerdings auch die Grenzen: „Die Gesamtschulen können nicht noch mehr Förderschulkinder aufnehmen“, wehrt er sich gegen Pläne, die Inklusion zunächst dort umzusetzen. „Wir geben gerne unsere Erfahrungen weiter, können Hospitationen anbieten, aber alle Schulen im gegliederten Schulsystem sollten sich öffnen“, fordert er.
Mit der Brechstange ließe sich die UN-Konvention sowieso nicht durchsetzen. „Es geht nicht, dass die Landesregierung sich hinstellt und zu den Lehrern sagt: Jetzt macht mal. Ein solcher Paradigmenwechsel muss personell und konzeptionell begleitet werden – etwas, was bisher verschlafen wurde. Und: man muss auch mal in Ruhe ausprobieren können, was geht und was nicht“, fordert der Gesamtschullehrer.
Dass es geht, davon ist Stieglitz überzeugt: „Wir hatten eine Gruppe geistig behinderter Schüler, die ein Referat über die Stahlherstellung gehalten hatten – glauben Sie mir: man hätte eine Stecknadel in der Klasse fallen hören können.“
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