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Lässige Tour – starke Botschaft

 
Critical Mass ist, wenn freundliche Fahrradfahrer einmal im Monat die Straßen der Löwenstadt für sich reklamieren.

Fahrrad-Treffen Critical Mass mit einem neuen Teilnehmer-Rekord für Braunschweig.

Von Andreas Konrad, 02.08.2016.

Braunschweig. Es gibt eigentlich nur zwei Voraussetzungen, um gemeinsam mit Hunderten Gleichgesinnten einen schönen Abend zu verbringen: Man benötigt ein Fahrrad und sollte wissen, was corken ist. Einmal im Monat – jeden letzten Freitag – treffen sich Fahrradfahrer zum geplanten Zufall, einer Tour quer durch die Stadt.

Los geht es am Bahnhof. Während die Ersten schon fast den Kennedy-Platz erreicht haben, plaudern andere noch gemütlich über ihre Leidenschaft. Da geht es um Tourentipps, Material und natürlich immer wieder die Autofahrer. Andreas sitzt in einem knallgelben, vollverkleideten Liegerad und erzählt, dass er täglich zur Arbeit von Wolfenbüttel nach Braunschweig pendele. Mit seinem Rad dürfe er auf der Straße fahren, was ihm oft allerdings zu gefährlich sei. Vielen Autofahrern fehle neben der Geduld auch das Verständnis für die Radler.

Die Critical Mass – so nennt sich die Bewegung weltweit – hat inzwischen den Bohlweg erreicht. Paragraph 27 der Straßenverkehrsordnung regelt, dass die Mitglieder einer Gruppe von mehr als 15 Fahrradfahrern zu zweit nebeneinander auf der Straße fahren dürfen und als ein Fahrzeug gelten, die hinteren Radler also eine Kreuzung auch überfahren dürfen, sollte die Ampel inzwischen auf Rot gesprungen sein. Ein temperamentvoller junger Mann in einem betagten, aber sehr gepflegten Kompaktwagen aus Bayern kennt diesen Paragraphen offenbar nicht. An der Einmündung der Georg-Eckert-Straße sitzt er wild rufend und gestikulierend in seinem Fahrzeug, als könnte sein Auto ihm eine eigene Autorität verleihen. Die Radler quittieren das Getöse mit einem freundlichen Lächen.

Weiter geht es über den Steinweg in Richtung Theater. Johannes erzählt, dass für ihn die Critical Mass auch ein bisschen dafür da ist, um zu „zeigen, was man gebastelt hat“. Er ist Stammgast in der Fahrrad-Selbsthilfe-Werkstatt und schraubt dort an seinem Traumbike. Damit scheint er nicht der Einzige zu sein. Neben klassischen Rädern, Liegerädern, Lastenrädern, Rennrädern oder Mountainbikes sind auch viele Oldtimer oder Eigenbauten unterwegs – die Fahrräder sind genauso vielfältig und unterschiedlich wie die auf ihnen sitzenden Fahrradfahrer.

Nach der dritten Runde um das Theater wird es Zeit, dem inzwischen aufgestauten Verkehr die Fahrbahn freizugeben. Der Grat zwischen rechtmäßiger Teilnahme am Verkehr und Provokation wird nicht von jedem Autofahrer als gleich breit empfunden. Die Profis unter ihnen – Buss- und Taxifahrer – quittieren die Critical Mass gelassen und schalten gleich den Motor aus, die anderen Autofahrer werden zur Sicherheit der Radfahrer gecorkt. Dabei blockieren zwei, drei Radler mit ihren Fahrrädern die Zufahrt, damit kein Auto in die Gruppe gerät, was eine massive Gefahr für die Sicherheit darstellen würde.

Nach einer kleinen Ehrenrunde auf der Jasperallee geht es weiter auf dem Ring in Richtung Nordstadt. Obwohl der Radweg hier schmal und oft beschädigt ist, benutzt man als Radfahrer doch selten die Straße. Das findet auch Olaf, der ein Liegerad mit Elektroantrieb fährt, und fordert, dass gerade der Ring-Radweg dringend verbessert werden müsse.

Weiter geht es an der Hamburger Straße vorbei zum Rudolfplatz. Trotz einsetzender Schauer ist die Stimmung irgendwie entspannt – ein ganz besonderer Geist verbindet die Gruppe. Einige Radler haben Boxen montiert, aus denen dezent Musik tönt. Immer wieder winken Menschen aus Häusern oder von den Gehsteigen den Radlern zu.

Noch einmal über Goslarsche und Celler Straße zum Europaplatz, eine Ehrenrunde über Bohlweg und Münzstraße, dann durch das Univiertel zurück zum Ring. An der Hamburger Straße löst sich nach gut zwei Stunden der Verband wieder auf, ein Teil fährt weiter zu einer Party in den Hafen, der Rest taucht in das Dunkel der Stadt. Bis in vier Wochen – dann sieht man sich wieder am Hauptbahnhof mit hoffentlich noch mehr Gleichgesinnten.
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