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Kluge Kinder scheitern an der Bürokratie

Integrationslehrerin: „Wir brauchen Sonderregelungen, damit ausländische Schüler die Hauptschule schaffen können“

Von Ingeborg Obi-Preuß

Braunschweig. Emran macht ein Praktikum im Restaurant Tandure. Der Chef würde den Jungen aus dem Iran gern ausbilden. Aber dazu braucht Emran einen Hauptschulabschluss. Und da wird es schwierig, denn Emran ist erst seit zwei Jahren in Deutschland. Jetzt büffelt er mit seiner Lehrerin Marianne Thier-Englisch fast täglich für sein großes Ziel: eine Lehre als Kellner.

„Klasse International“ heißt die bunt gemischte Gruppe an der Hauptschule Heidberg. Hier ist Marianne Thier-Englisch im Einsatz. Seit fast 20 Jahren fördert die Lehrerin junge Menschen aus aller Welt, zieht und schiebt sie durch Sprachunterricht, Haupt- und Nebenfächer mit immer nur einem Ziel vor Augen: dem Hauptschulabschluss.
Zur Zeit gehören 40 Jugendliche aus 15 Nationen in ihre Klasse. Flüchtlinge, Migranten, Russlanddeutsche – die Lebensgeschichten der Schüler sind grundverschieden, aber eines verbindet sie: Fremdsein in Deutschland.
Rivalitäten ausgleichen
„Je mehr verschiedene Nationalitäten in einer Klasse sind, umso besser ist die Atmosphäre“, weiß Thier-Englisch. Denn dann glichen sich Rivalitäten aus, Aggressionen und Vorbehalte lösten sich gegenseitig auf.
„90 Prozent von diesen jungen Menschen sind ganz tolle Schüler“, erzählt die Lehrerin. Häufig seien sie dankbar für die Chance, überhaupt eine Schule besuchen zu dürfen und begeistert vom Lernen. Das färbe auch positiv auf die deutschen Mitschüler ab. Schon nach kurzer Zeit, wenn die Grundbegriffe der deutschen Sprache sitzen, machen die jungen Ausländer den normalen Unterricht mit, daneben besuchen sie die Förderstunden bei Marianne Thier-Englisch. „Wenn die Kinder relativ jung zu uns kommen, gibt es selten Probleme“, sagt die Lehrerin.
So wie bei Daniel. Der Junge aus Polen ist seit drei Monaten in Braunschweig, wirkt zurückhaltend, spricht leise die ersten Worte in Deutsch. „Da mache ich mir gar keine Sorgen“, sagt Thier-Englisch und lacht dem Jungen zu, „in einem Jahr hast Du den Anschluss geschafft.“
Anders bei Emran. Der 18-Jährige kam vor zwei Jahren aus dem Iran, sein Deutsch ist sehr gut, er ist intelligent, bemüht, aufmerksam. „Und dennoch ist es unmöglich, innerhalb von zwei Jahren den ganzen Stoff nachzuholen, der für einen deutschen Hauptschulabschluss nötig ist“, klagt die Lehrerin.
Seit langem fordert sie von der Landesregierung Sonderprüfungen für ihre Schützlinge. „Wir treiben sie sonst in die Isolation“, erklärt sie. Fächer wie Mathematik, Physik oder Chemie würden die Kinder aus aller Welt meist schnell beherrschen, „aber wie um Himmels Willen sollen sie in Sozialkunde, Politik oder Geschichte den gleichen Stand wie ihre deutschen Mitschüler erreichen können?“, fragt die Lehrerin. Und auch die Deutschprüfung ist die gleiche wie für die heimischen Schulkameraden. Was dazu führt, dass manche ausländischen Schüler wieder und wieder die Abschlussprüfung machen – und durchfallen. „Das ist frustrierend“, sagt Thier-Englisch, „und gefährlich.“ Mit Sorge beobachtet sie besonders die Gruppe junger russischer Männer. Manche kehrten Deutschland enttäuscht den Rücken, ohne Schulabschluss gerieten sie zurück in Russland schnell auf die schiefe Bahn.
Eine echte Chance geben
Thier-Englisch fordert vom Kultusministerium eine Sonderregelung für die Abschlussprüfungen. Für Klassenarbeiten gibt es so eine Ausnahmeregelung bereits, da kann bei Bedarf Grammatik und Sprache aus der Bewertung genommen werden. „Das muss auch beim Abschluss möglich sein“, fordert die Lehrerin. Außerdem sei kostenloses Arbeitsmaterial und kostenloser Deutschunterricht nötig.
Und dann ist da noch etwas: „Ich wünsche mir Paten für die Kinder“, sagt die Pädagogin. Grundsätzlich verfüge Braunschweig über ein gutes Netzwerk zwischen Stadt, Schulen und Hilfsorganisationen wie der Caritas. „Aber der private Bezug zu einer deutschen Familie und die ganz direkte Unterstützung in persönlichen Fragen, das könnte diese jungen Menschen wirklich weiterbringen – und das wäre dann ein echter Gewinn für uns alle“, sagt die Lehrerin.
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