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Jugendämter greifen durch

Mehr Kinder werden in Obhut genommen.

Von Birgit Leute, 20.07.2011

Braunschweig. Bedrückende Zahlen: Immer mehr Kinder werden vom Jugendamt aus ihren Familien genommen. 30 Prozent mehr „Inobhutnahmen“ gab es in den vergangenen fünf Jahren in Braunschweig; bundesweit sind es sogar 42 Prozent.

Norbert Winkler, Leiter des Jugendamtes in Braunschweig, spricht von einem zweischneidigen Schwert. „Auf der einen Seite sind wir froh, dass sich eine ‚Kultur des Hinsehens‘ entwickelt hat. Nachbarn, Erzieher und Ärzte also früh an uns herantreten und warnen. Auf der anderen Seite zeigt es aber auch, dass auf den Familien ein großer Druck lastet. Eltern müssen heute zunehmend allein Erziehung und Beruf unter einen Hut bringen, ohne dass eine Oma oder eine Tante einspringen kann“, berichtet er von dem Wandel sozialer Familienstrukturen.
Die aktuellen Daten legte jetzt das Statistische Bundesamt für das Jahr 2010 vor. Präventionsmaßnahmen sollen nun helfen.
Wenn ein Kind von amtswegen aus der Familie genommen wird, ist das der stärkste Eingriff. Damit es gar nicht erst soweit kommt, baut die Stadt ihre Hilfsangebote weiter aus.
Familienzentren wie das Schwedenheim in der Hugo-Luther-Straße unterstützen und beraten Eltern in schwierigen Situationen, ebenso die Allgemeine Erziehungshilfe des Jugendamtes, für die mehr als 30 Sozialarbeiter im Einsatz sind. „Eine große Belastung stellen Trennungen oder Scheidungen dar, ebenso Situationen, bei denen ein Elternteil ins Krankenhaus muss oder arbeitslos wird“, nennt Norbert Winkler Beispiele aus der täglichen Arbeit. Für solche Fälle gibt es unter anderem eine Kinderbetreuung, aber auch Hilfen in finanziellen Fragen.
„Für uns als Jugendamt liefert die Einrichtungen wertvolle Informationen, wo es noch hakt, was verbessert werden kann“, sagt Winkler. Insgesamt haben die so genannten ambulanten Hilfen in den vergangenen vier Jahren um 55 Prozent zugenommen.
Doch was passiert, wenn es doch zum Äußersten kommt, die Behörde ein Kind wegen eine akuten Gefahrensituation aus der Familie nehmen muss? „Dann ist das in aller Regel eine befristete Maßnahmen“, sagt Winkler. 2010 musste das Jugendamt 272 Mal auf diese Weise einschreiten – das sind 22 „Fälle“ mehr als noch 2009. Wenn möglich werden die Kinder, insbesondere die unter sechs Jahren, in Pflegefamilien untergebracht. Die Stadt hat diesen Bereich ausgebaut und ist noch einmal verstärkt auf die Suche nach geeigneten Familien gegangen. „Was Kindesmisshandlungen betrifft, ist die Öffentlichkeit viel sensibler geworden. Nachbarn oder Erzieherinnen meldet schneller, wenn ihnen etwas verdächtig vorkommt“, so Winkler. Positiv sieht er in diesem Zusammenhang die Arbeit des „Koordinierungszentrums Kinderschutz“ – ein Modellprojekt, in dem Ärzte, Erziehungseinrichtungen und das Jugendamt eng zusammenarbeiten. Der Rat der Stadt hat inzwischen beschlossen, das Projekt auf Dauer weiter zu fördern. Für den Jugendamtsleiter ein kleines Licht am Horizont: „Wir sind noch weit weg von Entspannung.“
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