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„Ja was ist denn, wenn kein Öl mehr da ist?“

Die Energiewende muss gelingen, sonst sieht‘s düster aus, meint Matthias Brennecke vom Energieforum – und widerspricht der FDP.

Von Marc Wichert, 12.12.2012.

Braunschweig. Ab Januar soll Strom teurer werden, unter anderem, weil die Umlage für erneuerbare Energien steigen wird. Der FDP-Bundestagsabgeordnete Florian Bernschneider hat zuletzt im nB-Interview kritisiert, dass die Energiewende zu teuer sei. „Alles Quatsch“, sagt Matthias Brennecke vom Energieforum. Strom müsste sogar jetzt schon billiger sein.

Eine Energiewende muss es geben, darüber herrscht in Deutschland zwar mittlerweile Einigkeit. Doch über das „Wie“ wird gestritten. So kritisierte der FDP-Bundestagsabgeordnete Florian Bernschneider jüngst im nB-Interview das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) als unsozial, planwirtschaftlich und zu teuer.
Anlass war die Nachricht, dass die EEG-Umlage um fast 50 Prozent auf knapp über fünf Cent je Kilowattstunde steigen wird. Das macht für einen Durchschnittshaushalt zwar nur 60 Euro an Mehrkosten im Jahr aus, wird aber nicht nur von der FDP als zu hohe Belastung für Geringverdiener und arme Familien angesehen. „Wer die Energiewende will, der muss höhere Preise hinnehmen – erst mal jedenfalls.“ Das sagt Matthias Brennecke, selbstständiger Energie- und Verfahrensingenieur und Mitglied im Energieforum Braunschweig (siehe Kasten). Er schüttelt dabei leicht mit dem Kopf und zuckt mit den Schultern, als könne etwas anderes gar nicht infrage kommen. Ohne die Wende gehe es nicht. „Warum? Ja was machen die Menschen denn, wenn kein Öl mehr da ist? Und was ist, wenn eines der Untergangsszenarien tatsächlich stattfindet?“
Und dann spricht er vom Klimawandel, der mittlerweile von den Meisten als real und menschengemacht anerkannt wird und die vielen Katastrophenszenarien nährt – je nachdem, ob sich die weltweite Durschnittstemperatur „nur“ um zwei, oder vielleicht sogar um vier Grad erhöht. Die Szenarien beschreiben eine Erhöhung des Meeresspiegels, untergehende Inseln, die Versandung ganzer Regionen und überflutete Küsten. In der Folge Verteilungskämpfe um die letzten fruchtbaren Böden, Konflikte um Wasser, die Emigration von Hunderten Millionen Menschen. Matthias Brennecke, als Ingenieur für die Energieversorgung von Gebäuden zuständig, spricht ruhig, überlegt kurz vor jedem Satz. Er weist nachdrücklich auf die Selbstverständlichkeit dessen hin, was im Moment und schon seit Jahren die Gemüter erhitzt: die Zwangsläufigkeit einer Wende im Umgang mit Energie, mit Verbrauch von Ressourcen. Für ihn rechtfertigen die Untergangsszenarien einen höheren Preis für Energie allemal.
Er sagt aber auch, und das ist der vielleicht wichtigste Punkt in einer Diskussion, in der die Kosten für den Verbraucher wichtigstes Kriterium sind: „Der Strom wird günstiger werden. Er müsste jetzt schon viel billiger sein. Außerdem müssten für konventionellen Strom eigentlich mindesten zehn Cent mehr bezahlt werden, wenn man alle Kosten hinzurechnet.“ Die neuen Energien sollen also nicht nur grüner, sondern auch noch günstiger sein? Eine Studie des Forums Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft im Auftrag von Greenpeace legt dies nahe. „Hätten die Atomenergiebetreiber (…) in der Aufbauphase auch nur einen relevanten Teil der Kosten selbst tragen müssen, wäre diese Technologie nie eingeführt worden. Die hohen vergangenen Förderungen haben die heutige Marktposition der Atomenergie überhaupt erst ermöglicht“, heißt es in der Studie mit dem Titel „Staatliche Förderungen der Atomenergie im Zeitraum 1950 - 2010“. Atomstrom müsste also tatsächlich deutlich teurer sein, würden sich alle Kosten, die als finanzielle Hilfen durch den Bund getragen werden, im Endpreis niederschlagen. Als Beispiele werden genannt: Kosten für die Atommüllendlager und die Stilllegung der ostdeutschen Atommeiler, Steuervergünstigungen in der Energiebesteuerung. Matthias Brennecke nennt einen weiteren Punkt: Weil immer mehr erneuerbare Energie produziert werde, verbillige sich an der Strombörse der Preis. „Die großen Verbraucher profitieren doppelt.“ Deswegen solle die Ausnahmeregelung, die erst in diesem Jahr noch ausgeweitet und von Florian Bernschneider verteidigt werde, wegfallen.
Und was ist mit dem immer wieder prognostizierten Blackout, wenn an dunklen und windarmen Wintertagen nicht genug erneuerbare Energie produziert wird? Matthias Brennecke sagt, dass die Wende ja nicht von heute auf morgen vonstatten gehe, ein solcher grundlegender Wandel brauche natürlich Zeit.
„Und grundsätzlich muss man den Verbrauch senken“, ebenso sei die Energiespeicherung ein Thema der Zukunft. Auch beim Thema Netzausbau sieht der Ingenieur kein wirkliches Problem, den Strom vom Norden, wo die meisten Windparks stehen, in die Ballungsgebiete Süddeutschlands zu transportieren. Seine Devise: dezentrale Förderung. Es gebe im Norden mehr Wind, im Süden doch aber mehr Sonne. Einer hundert Prozent regenerative Energieversorgung sei möglich, schon heute gelinge dies in einigen kleinen Landkreisen.

Das Energieforum, ehemals Umweltwerkstatt, ist ein gemeinnütziger Verein, der es sich nach eigenen Angaben zur Aufgabe gemacht hat, „Informationen zum Thema neutral und transparent an Bürger und Entscheidungsträger (…) zu vermitteln.“ Als Erfolg verbucht das Forum für sich, dass kommunale Dächer an Betreiber von Photovoltaik-Anlagen verpachtet werden. Der Verein selber betreibt ebenfalls eine solche Anlage. Regelmäßig gibt es Veranstaltungen zu den Themen Verkehr, Energie und anderen.
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