Anzeige

Hebammen schlagen Alarm

Stefanie Müller ist seit 25 Jahren freiberufliche Hebamme und sorgt sich um ihre Zukunft. Foto: Anne-Sophie Wittwer
Versicherungen steigen aus dem Schutz aus – „Doch ohne Haftpflicht dürfen wir nicht arbeiten“. Von Birgit Leute, 05.03.2014.
Braunschweig. Schlechte Zeiten für Hebammen: Mindestens eine Versicherung will ihnen 2015 keinen Schutz mehr bieten. „Ohne Haftpflicht dürfen freiberufliche Hebammen aber gar nicht arbeiten“, beschreibt Stefanie Müller das Problem.

Müller ist seit 25 Jahren freiberufliche Hebamme und beobachtet schon seit Längerem, dass die Arbeitsbedingungen für sie und ihre rund 30 Kolleginnen in Braunschweig schwieriger werden. „Vom Gesetzgeber her sind wir verpflichtet, eine Haftpflichtversicherung abzuschließen. Diese betrug vor 20 Jahren noch
700 DM im Jahr, heute kostet sie für den gleichen Zeitraum 5000 Euro“, rechnet Müller vor. Viele Hebammen hätten aus diesem Grund bereits ihren Beruf an den Nagel gehängt. „Vor allem auf dem Land wurden Praxen geschlossen. Schwangere müssen deshalb für eine Versorgung in der Klinik auch schon mal eineinhalb Stunden Fahrzeit in Kauf nehmen“, so Müller.

Nürnberger steigt aus

Die Ankündigung der Nürnberger Versicherung – eine von drei Einrichtungen, die überhaupt noch freiberufliche Hebammen versichern – ihre Angebote im Sommer 2015 einzustellen, hat die Situation noch einmal zugespitzt. „Ohne Versicherung können wir nicht arbeiten: weder als Geburtshelfer zu Hause noch im Geburtshaus oder als Beleghebamme in Kliniken. Das heißt: Auf die fest angestellten Hebammen in den Krankenhäusern und auf die Gynäkologen kommt erheblich mehr Arbeit zu. Ein Anstieg, auf den die Krankenhäuser und Ärzte weder personell noch von der Ausstattung her vorbereitet sind“, warnt die 48-Jährige.

Über die Gründe des Ausstiegs kann auch sie nur mutmaßen. „Vermutlich sind den Versicherungen die Kosten für eventuelle Geburtsschäden zu hoch. Vielleicht macht aber auch die Pharmaindustrie Druck, denn Kliniken nehmen erheblich mehr und erheblich teurere Produkte ab“, sagt Müller.
In jedem Fall sieht die Hebamme die Entwicklung mit Sorge, denn Deutschland sei mit seiner Betreuung für Schwangere und junge Mütter Vorbild in Europa und darüber hinaus. „Neuseeland wirbt derzeit dafür, dass deutsche Hebammen bei ihnen arbeiten“, sagt Müller. Freiberufliche Hebammen würden eben nicht nur bei der Entbindung helfen, sondern junge Mütter intensiv vor und nach der Geburt begleiten. „Das ist wichtig, denn in den Kliniken müssen sie nach wenigen Tagen wieder nach Hause.“ Auch die Jugendämter arbeiteten eng mit den Hebammen zusammen und erhielten über sie frühzeitig ein Signal, wenn es in der Familie zu Problemen kommt.

Hilfe von der Politik

Im aktuellen Fall hat die Bundesregierung den Hebammen Hilfe zugesagt. Für den Sommer sei zunächst eine kurzfristige Lösung erarbeitet worden, um die Kosten für die Haftpflichtversicherung auszugleichen, so die Präsidentin des Deutschen Hebammenverbandes, Martina Klenk, nach einem Treffen mit Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU). Eine Arbeitsgruppe will in Kürze auch ihren Abschlussbericht zur Hebammenversorgung vorlegen. Dieser soll laut Gesundheitsministerium Grundlage für langfristige Maßnahmen sein.
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.