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„Hast du was, bist du was“

Die SPD-Ratsfrau Kate Grigat im Gespräch über die Ausschreitungen in ihrer Heimat England.

Von Marc Wichert, 14.08.2011.

Braunschweig. Die heftigen Krawalle in England machen fassungslos. Ein kleiner Funke genügte, um einen Flächenbrand der Gewalt zu entzünden. Ein Gespräch mit Kate Grigat, geboren in London und seit über 30 Jahren Braunschweigerin.

Kate Grigat legt ihren Block vor sich auf den Tisch des Cafés, in dem wir uns verabredet haben. Sie habe sich Notizen gemacht für unser Gespräch, sagt sie. Später wird sie ihren Block kaum brauchen.
Was sie über die Ausschreitungen in England denkt, möchte ich von ihr wissen. Was hat sich verändert, dass es zu diesen Krawallen und Plünderungen kommen konnte?
Kate Grigat, SPD-Ratsfrau und seit über 30 Jahren in Braunschweig, wurde in London geboren, ist aufgewachsen im 40 Kilometer entfernter Hemel Hempstead. Zum Studieren kehrte sie zurück nach Brixton, einem Stadtteil der Hauptstadt. „Es gab auch damals so etwas wie eine perspektivlose Jugend“, sagt Grigat. „Gerade in den Achtzigern unter Premierministerin Thatcher wurden viele Jobs abgebaut und Gewerkschaften entmachtet.“ Aber so etwas wie jetzt hätte es nicht gegeben. Sie sucht nach Worten für das, was in ihrer Heimat passiert ist. Für die Gewaltausbrüche, die vielen Jugendlichen, manche erst zwölf Jahre alt, die offenbar keinerlei Unrechtsbewusstsein hätten. Die Bilder von brennenden Autos und ausgebrannten Häusern seien gar nicht das Schlimmste. „Es tut weh zu sehen, dass die Jugendlichen ohne Erbarmen sind“, sagt sie und knetet ihre Hände.
Die Gewalt begann in London, weitete sich rasch auf Manchester und andere Städte aus. Warum dieser Flächenbrand maßloser Gewalt? Grigat, Mutter eines erwachsenen Sohnes, überlegt lange, blickt immer wieder in die Ferne. „Es ist schwierig als junger Mensch, eine Perspektive zu haben. Mein Sohn hat Jura studiert, macht aber etwas völlig anderes. Bei mir war das einfacher. Ich wollte Lehrerin werden und wurde Lehrerin.“ Heute könne niemand mehr langfristig planen. Perspektivlosigkeit, das Wort scheint für sie die Proteste im Ansatz zu erklären. Aber auch die Konsumgesellschaft mit ihrem Markenfetischismus ist für sie eine Ursache. Viele der Jugendlichen hätten das Gefühl, vom Rest der Gesellschaft abgehängt zu sein. Gerade die Ärmsten hätten keine Chance, sich überhaupt etwas aufzubauen. „Man hat ja gesehen, was dort geplündert wurde. Statussymbole.“ Es gehe um das Motto: Hast du was, bist du was.
Könnte so etwas auch in Deutschland passieren? In England seien zwar Jugendarbeitslosigkeit höher und soziale Durchlässigkeit niedriger als hier. „Aber es wäre blauäugig zu denken, dass das hier nicht passieren kann.“ Wichtig seien vor allem Investitionen in Bildung, in die Zukunft der Jungen. Die Krawalle seien eine Warnung. „Wir können davon lernen.“ Jetzt wünscht sie sich vor allem Ruhe für England. Für ein Land, dessen Bürger sich fassungslos die Augen reiben.
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