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Harte Arbeit, karger Lohn

Ehemaliger Tankwart klagt über Arbeitgeber

Von Jens Radulovic, 07.04.2010

Braunschweig. Marthin Brislinger entkam der Arbeitslosigkeit als Tankwart bei einer Shell-Tankstelle. Allerdings nur kurz: Die Arbeitsbedingungen dort enttäuschten ihn.

Brislinger ärgert sich: „In der aktuellen Diskussion werden Hartz-IV-Empfänger so dargestellt, als wollten sie nicht arbeiten. Dabei bin ich motiviert und habe mir aktiv Arbeit gesucht.“ Er fand sie als Servicekraft bei einer Shell-Tankstelle der M. Staudinger GmbH. „Es gibt viele Kunden, die zu Shell kommen, weil man sich dort von einer Servicekraft helfen lassen kann und dabei die Arbeitsplätze der Tankwarte sichert“, sagt Brislinger. Er hatte vor kurzem an einer Shell-Tankstelle der M. Staudinger GmbH als „Fahrbahn-Servicekraft“ angefangen. „Die Menschen werden über die tatsächlichen Arbeitsbedingungen mit Absicht getäuscht“, meint Brislinger.
Er habe laut Arbeitsvertrag 650 Euro brutto Grundgehalt plus Provision erhalten sollen. „Der Chef sagte, dass ich am Ende des Monats mit etwa 900 bis 1000 Euro nach Hause gehen könne. Am ersten Arbeitstag erzählten mir dann Kollegen, dass ich tatsächlich etwa 700 Euro verdienen würde“, erzählt Brislinger. Brislinger sollte von Montag bis Freitag sowie jeden zweiten Samstag jeweils acht Stunden arbeiten. Provision sollte er für jeden Kunden erhalten, der für den geleisteten Service einen Euro an der Kasse bezahlt. Er habe dafür den genauen Wortlaut der Kundenansprache auswendig lernen müssen. Unter anderem sollte er sagen: „Wenn Sie mit meinem Tankwart-Service zufrieden waren, bitte ich Sie, diesen Euro für mich an der Kasse mitzubezahlen“, so Brislinger. Er habe aber von dem Euro nach Abzügen nur 25 Cent erhalten. Als er zwei Mal auf die Frage von Kunden, ob der Euro eine freiwillige Zahlung sei, dies bejaht habe, sei er von seinem Chef ermahnt worden, er dürfe das so nicht zugeben, der Kunde solle den Euro zahlen.
Die angegriffene M. Staudinger GmbH widerspricht Brislinger: „Für den Tankwart bei Shell gibt es eine klare Vorgabe von Shell, die aus fünf bestimmten Sätzen besteht. Der von Herrn Brislinger wiedergegebene Wortlaut ist nicht korrekt.“
Der Euro sei selbstverständlich für den Kunden freiwillig. Es habe auch niemand Brislinger ermahnt, etwas anderes zu behaupten. „Ohne die Bezahlung des Euro für die Kundenbedienung ließe sich der Tankwart aber für den Pächter nicht rechnen und die neugeschaffenen Arbeitsplätze würden keinen Bestand haben können“, erklärt der Tankstellenpächter.
Die Tankwarte seien Angestellte der Pächter, nicht der Shell Deutschland. Somit sei es dem Einzelnen überlassen, wie die Angestellten entlohnt würden. „Da wir Vorreiter in Braunschweig waren und diese neuen Stellen angeboten haben, haben wir uns an die von Shell vorgeschlagene Entlohnung gehalten. Somit erhalten unsere Tankwarte, die alle lange Zeit arbeitslos waren, ein Festgehalt und Provision“, sagt Staudinger. „Herr Brislinger hat 50 Cent brutto, wie im Vertrag festgelegt, von dem gezahlten Euro erhalten.“ Auch habe niemand Brislinger gesagt, er hätte am Ende des Monats 1000 Euro. „Es kann niemand die Provision im Voraus kennen, und nur ein Lohnbuchhalter kennt die persönlichen Abzüge eines Angestellten, die ja nach Steuerklasse und Familienstand völlig unterschiedlich sein können“, erklärt Staudinger.
Auch Shell-Sprecherin Cornelia Wolber legt Wert darauf, dass der Euro eine freiwillige Leistung des Kunden ist. Sie bestätigt, dass die Tankwart-Servicekräfte Angestellte der Pächter sind.
„Wir empfehlen eine Bezahlung nach Tarif“, sagt Wolber. Für Niedersachsen könne sie diesen nicht nennen, für Baden-Württemberg sei dies etwa 1500 Euro brutto im Monat. Man dürfe bei den Servicekräften aus Sicht der Pächter nicht nur den einen Euro sehen. „Über den Tankwart findet eine Verkaufssteigerung statt, beispielsweise beim Motoröl. Außerdem ist er ein wichtiges Instrument zur Kundenbindung“, erklärt die Shell-Sprecherin.
Staudinger gibt zu bedenken: „Es ist weitgehend egal, wie man die Tankwarte entlohnt. Wichtig ist, generiert ein Tankwart nicht einen gewissen Umsatz, kann sich kein Chef dessen Gehalt leisten und die neugewonnenen Jobs wären wieder weg.“
Eberhard Buschbom, Gewerkschaftssekretär bei Verdi für Südostniedersachsen, sieht den Fall in einem anderen Licht: „Shell nimmt sehr wohl über ihre Regionalbetreuer Einfluss auf das Vorgehen der Pächter.“ Dass es die geschilderten Arbeitsverhältnisse so gebe könne er bestätigen: „Uns haben allein in den letzten zwölf Monaten zwei Verfahren über mobbingähnliche Verhältnisse bei Shell-Pächtern in Königslutter und sittenwidrige Behandlung von langjährigen Mitarbeitern in Salzgitter erreicht.“
Bei der korrekten Bezahlung sei immer auf den beruflichen Werdegang des Betroffenen abzustellen, so Buschbom. Bei nicht tarifgebundenen privaten Pächtern käme eine sittenwidrige Bezahlung nach § 612 BGB immer bei Unterschreitung des ortsüblichen Lohnes um mehr als 20 Prozent in Frage und stelle insoweit die gesetzliche Untergrenze fest.
„Der ortsübliche Lohn für Vollzeitkräfte im Helferbereich, beispielsweise in der Zeitarbeitsbranche, liegt in Braunschweig bei 1000 bis 1200 Euro monatlich“ erklärt Timo Kobbe, Mitarbeiter im Arbeitgeber-Service der Agentur für Arbeit, auf Anfrage.
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