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Generation „Youtube“ in Polen

Gregor Kaluza vom deutsch-polnischen Kulturverein: „1. September als Zukunftsimpuls“

Von Ingeborg Obi-Preuß

Braunschweig. „`Youtube’ und `Facebook’ interessieren die jungen Menschen in Polen heute mehr als der Überfall der Deutschen“, sagt Gregor Kaluza, „und das finde ich auch gut so.“ Gregor Kaluza ist einer von rund 20 000 Braunschweigern mit polnischen Wurzeln.

Erinnerungstage seien wichtig – aber vor allem als Impulse, um die Zukunft zu gestalten. Gregor Kaluza ist stellvertretender Abteilungsleiter der Baugenossenschaft Wiederaufbau und er ist Vorsitzender im Deutsch-Polnischen Kulturverein.
Kaluza und seine Frau kamen 1987 als junges Paar nach Braunschweig. „Wir sind mit falschen Papieren vom Schwarzmarkt über die Grenze geflohen“, blickt er zurück, „alle jungen Leute wollten damals in den Westen“, erzählt er, „dieses Leben hinter dem eisernen Vorhang hatte keine Perspektive für uns.“
Heute hat er zwei Pässe und zwei Heimatländer. Und so wie die Lebensbedingungen und Gesellschaftsformen habe sich auch der Blickwinkel auf die Geschichte geändert: Gab es früher im Schulunterricht nur die „bösen Deutschen“ und die „guten Russen“, werde heute auch in Polen die Geschichte differenzierter betrachtet.
Aber eins bleibt: Der Überfall der Deutschen auf Polen am 1. September 1939 steht für ein beispielloses Massenmorden, für Unterdrückung und Zerstörung in deutscher Verantwortung. Und für den Beginn des Zweiten Weltkriegs.
„Ich komme aus Oberschlesien, unsere Familien waren deutsch und polnisch“, erzählt Kaluza von eigener Betroffenheit. Der Großvater aus der Familie seiner Frau beispielsweise sei im Konzentrationslager Buchenwald umgebracht worden, der andere Großvater hatte auf Seiten der Wehrmacht gekämpft. ‘In Breslau sprechen die Steine noch deutsch’ sage der polnische Volksmund, und das zeige die historisch enge Verbindung zu Deutschland.
Heute, 70 Jahre nach dem Kriegsbeginn, sei das Thema im Alltag kaum vorhanden. „Die meisten polnischen Menschen stehen den deutschen Nachbarn positiv gegenüber“, sagt Kaluza, aber – besonderes in Zentralpolen – seien auch Vorbehalte gegenüber Deutschen spürbar.
Die Gegenwart jedoch sei auch in Polen wichtiger als die Vergangenheit. „Gerade habe ich eine Umfrage in einer großen polnischen Tageszeitung gelesen“, erzählt Kaluza, „danach halten nur 16 Prozent der Befragten das Thema Zweiter Weltkrieg für wichtig.“ Vor 25 Jahren seien es noch 70 Prozent der Befragten gewesen.
„Eine neue Generation soll auch neu anfangen können“, sagt Gregor Kaluza, dafür allerdings sei die Aufarbeitung der Vergangenheit wesentliche Voraussetzung. „Zeitzeugen im Dialog“ heißt eine Reihe der Stiftung niedersächsischer Gedenkstätten, dabei die Gedenkstätte Schillstraße mit einer Ausstellung über Zwangsarbeiterinnen in Braunschweig (wir berichteten). Mehr zum Programm unter www.stiftung-ng.de
Vom 18. bis 25. Oktober organisieren Gregor Kaluza und sein Verein wieder eine deutsch-polnische Kulturwoche mit Musik, Vorträgen und Kabarett. Respekt und Verständnis zwischen den Kulturen will der Verein fördern, Vorurteile abbauen. Schließlich habe fast die gesamte Weststadt polnische Wurzeln. „Viele Zwangsarbeiter waren nach dem Krieg staatenlos und sind hiergeblieben“, weiß Kaluza. Er lädt ein, sich mit der Geschichte zu beschäftigen, um das Heute zu verstehen. Der 1. September sei da ein gutes Datum.

Info: Der Beginn des Zweiten Weltkriegs: Am 1. September 1939 marschierte die deutsche Wehrmacht ohne vorherige Kriegserklärung in Polen ein. Am 3. September erklärten Frankreich und Großbritannien im Rahmen ihrer Beistandsverträge mit Polen Deutschland den Krieg. Gemäß dem geheimen Zusatzprotokoll zum Deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt vom 24. August 1939 marschierte am 17. September die Rote Armee in Ostpolen ein.
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