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G20, die Krawalle und der schwarze Block

Kathleen Radeck vor einer Karte von Hamburg. Mit ihrer Verkehrssicherungseinheit hat sie die Krawalle rund um den G-20-Gipfel hautnah erlebt. Foto: Erik Beyen
 
Randalierer schieben Mülltonnen auf die brennenden Barrikaden, um das Feuer weiter anzufachen.

Die Polizeihauptmeisterin Kathleen Radeck aus Helmstedt war in Hamburg dabei – Jetzt spricht sie über den Einsatz.

Von Erik Beyen, 21.07.2017.

Helmstedt. Derart viel Gewalt habe sie in 25 Jahren Dienst bei der Polizei noch nicht erlebt. Kathleen Radeck aus Helmstedt, Polizeihauptmeisterin in Sachsen-Anhalt, war als Teil einer Verkehrssicherungseinheit am Einsatz rund um den G-20-Gipfel in Hamburg mitten drin im Geschehen. Was keine Zahl verrät und bislang kein Bericht erwähnt hat, meint sie, sei das, was der Einsatz mit der Seele eines jeden Beamten gemacht hat. Hier schaut sie zurück.


Dienstag, 4. Juli
: Anreise. Sammelpunkt ist der Überseehafen, für alle und alles, Beamte und Fahrzeuge, in ihrer Zahl derart geballt, dass die erfahrene Polizistin nachdenklich wird: „So viele Beamte und Einsatzfahrzeuge hatte ich bis dahin noch nicht gesehen“, erzählt sie. Eine erste Ahnung beschleicht sie. Vom Sammelpunkt geht es mit einem zivilen Bus der öffentlichen Verkehrsbetriebe zur Unterkunft, einen Steinwurf von den Brennpunkten entfernt – und immer auf wechselnder Route. „Man konnte ja nie wissen“, sagt Radeck.

Mittwoch, 5. Juli: Einsatzbesprechung am Sammelpunkt. Immer wieder fällt der Begriff „Eigensicherung“. Radecks Nachdenklichkeit wird zur Sorge: „Jetzt konkretisierte sich die Vorstellung von dem, was auf uns zukommen würde“, sagt sie.

Donnerstag, 6. Juli: Die G-20-Teilnehmer rollen an, der schwarze Block formiert sich. Am Nachmittag landet Donald Trump. „Ab diesem Tag standen alle Polizisten ununterbrochen unter Strom“, sagt Radeck. Um 15.30 Uhr läuft die „Welcome to hell“-Demo. Alle Befürchtungen werden übetroffen. „Hubschrauber, Sirenen, Knalle, Gebrüll, Feuerwehr, die Kollegen.“ Nüchtern zählt die Polizistin auf, was ihr – ihre Einheit hatte zu diesem Zeitpunkt Pause – und allen anderen in der Nacht von Donnerstag auf Freitag den Schlaf geraubt hat. „Einfach nur unfassbar. Das alles spielte sich in Sicht- und Hörweite von uns ab.“

Freitag, 7. Juli: Dienstbeginn um zwei Uhr. Per Funk erfährt Radecks Einheit die Zahl der bis dahin verletzten Polizisten. Über 200 in einer Nacht. Um vier Uhr demonstrieren 100 Menschen im Gängeviertel. Radecks Einheit sperrt eine Kreuzung. Vor ihnen: ein aufblasbarer Block mit der Aufschrift: „Nur ein Schwarzer Block ist ein guter Block.“ „Beklemmend“, kommentiert Radeck.

Um sechs Uhr tritt ein Demonstrations- und Versammlungsverbot in Hamburg in Kraft. Die Demonstranten marschieren an den Polizeikräften vorbei. „Da wird einem eiskalt, ein ganz fürchterliches Gefühl. Wir hatten immer den Schwarzen Block vor Augen.“ Dessen Mitglieder seien unter Zivilisten nicht auszumachen gewesen. Aber sie waren da. „Mehrere Tausend ganz sicher. Die sind an Streugutkästen und Mülltonnen gegangen und waren im Handumdrehen vermummt.“ Ein Gegner, den man nicht ausmachen kann.

Die Einheit wechselt regelmäßig den Standort. Sie fahren durch Altona: Autos brennen, der schwarze Block hat Barrikaden aufgebaut. Immer wieder muss die Polizei umkehren, dem Block ausweichen. Per Funk hört Radecks Einheit, wie Kollegen gesicherte Kreuzungen nicht mehr halten können.

Auch sie selber weichen vor dem Block zurück. Dann wieder Meldungen über Verletzte. „In dem Moment schaltest du alle Emotionen ab, schickst ein Stoßgebet in den Himmel und bist fassungslos“, sagt die Ehefrau und Mutter. Das, was sie da sahen, konnte unmöglich Hamburg sein. Es habe eher einem Kriegsschauplatz geglichen.

Am Abend gerät Radecks Einheit zwischen die Fronten: rechts 1000 Personen, links 500 – alle vom Schwarzen Block, und das direkt vor der Unterkunft der Polizeibeamten. Der Busfahrer, der sie dort hinbringen sollte, will da nicht reinfahren. Die Beamten müssen aussteigen, Unterkunft und den Block in Sichtweite. Sie sind zu diesem Zeitpunkt ungeschützt, aber in Uniform, als Polizei erkennbar.

Für einen Moment herrscht Hilflosigkeit. „Nur ruhig bleiben, bloß nicht einzeln loslaufen, das hätten wir nicht überlebt“, kommentiert Radeck. Kollegen kreisen sie ein und begleiten sie an den Hintereingang. Jetzt ist sie sicher: Die Gewalt richtet sich alleine gegen die Polizei. Die hat gar nichts mit G 20 zu tun. „Die haben uns entmenschlicht, zur Sache erklärt“, sagt Radeck, „der Block hat keinen Zivilisten angegriffen.“ Im Internet hätten Bilder von Beamten kursiert. Der Schwarze Block habe sie hochgeladen, Polizisten zur Jagd freigegeben – auf der ganz großen Bühne vor der internationalen Presse.

Samstag, 8. Juli: Die Anspannung bleibt. Eine große SEK-Einheit hat die Lage bereinigt, wie es in Polizeideutsch heißt. „Diese Einheiten greifen äußerst konsequent durch, etwa wie bei Entführungen und Geiselnahmen“, erklärt Kathleens Mann, Gerhard Radeck, selber lange im Polizeidienst gestanden. Bis auf wenige Zwischenfälle ist es ruhig.

Sonntag, 9. Juli: Der Einsatz ist vorbei. Per WhatsApp steht Kathleen Radeck immer wieder mit ihrem Mann in Kontakt. Der liest eine Chronologie des Schreckens, etwa dies: „Hamburg brennt, Kollegen werden vom Schwarzen Block mit Eisenstangen bearbeitet, ein Kollege hat einen Beindurchschuss mit einer Eisenkugel erlitten, die sind alle krank hier.“ Krank, sagt Gerhard Radeck dazu, seien auch Angehörige der Beamten geworden – aber vor Angst.

„Wie die Bilder auf Kinder und Partner gewirkt haben, bedenkt niemand. Da sind Steine auf die Menschen niedergeprasselt, das konnte man am Fernsehbildschirm verfolgen. Ohne Schutzkleidung und Helm wären die Beamten in den ersten Reihen tot.“ Das werde Spuren in den Seelen hinterlassen. Die Zahl derer, die noch lange psychisch unter dem Einsatz leiden, sei nicht abzusehen.

„Die Bilder kehren wieder, die Menschen schlafen nicht mehr, bekommen Panik“, sagt Gerhard Radeck. Niemand könne den Tätern des Schwarzen Blocks zugute halten, dass die Beamten Schutzkleidung getragen haben. Und Kathleen Radeck: „Ich kann mit meinem Mann reden, das tut gut“, sagt sie.
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4 Kommentare
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Hans-Jürgen Hain aus Braunschweig - Innenstadt | 21.07.2017 | 14:06  
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Klara Fall aus Braunschweig - Innenstadt | 21.07.2017 | 16:01  
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David Janzen aus Braunschweig - Innenstadt | 22.07.2017 | 13:18  
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Ralf Kumbartzky aus Rüningen | 31.08.2017 | 14:44  
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