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Für den Alltag

Präventionsarbeit der Polizei setzt tief an.

Von Marion Korth, 20.03.2013.

Braunschweig. Einem Elfjährigen wird auf der Straßenbahnfahrt nach Völkenrode das Smartphone entrissen. Der Täter flüchtet beim nächsten Halt. Alltag in Braunschweig? Nein, die Ausnahme, sagt die Polizei.

Handy war gestern, internetfähiges Smartphone ist heute. Das Statussymbol der Jugendlichen kostet ein kleines Vermögen und ist begehrt – auch als Diebesbeute. „Eltern sollten sich schon die Frage stellen, ob es unbedingt ein Smartphone sein muss“, sagt Polizeipressesprecher Wolfgang Klages. Und die Nutzer sollten sich fragen, ob sie tatsächlich immer und überall auf den Tasten herumtickern müssen. Der Spruch „Gelegenheit macht Diebe“ gelte noch immer, sagt Klages, ohne etwas verharmlosen zu wollen. Meistens handele es sich um Täter, die spontan „zugreifen“.
Die Präventionsarbeit der Polizei für Kinder, Jugendliche und Erwachsene setzt aber viel tiefer an, dort, wo das „Alltagsleben tobt“ und wir ständig entscheiden müssen, wie wir uns am besten verhalten.
Für drei Jahre und zehn Monate muss ein 21-Jähriger in Haft, nachdem er mit zwei Kumpanen Raubüberfälle auf zwei Kinder und einen 19-Jährigen verübt hatte. Seine Opfer hatte er zuvor massiv bedroht. Aber wie können Kinder und Jugendliche sich vor Gewalt schützen, was können Erwachsene tun? Die nB sprach mit der Braunschweiger Polizei.
„Wenn jemand so massiv vorgeht und gewaltbereit ist, dann können die Opfer nichts tun, vor so etwas kann man sich nicht schützen“, sagt Claudia Czerwinski klipp und klar. Aber: „Solche Fälle sind nicht der Alltag, die Gefahren lauern anderswo.“ Nämlich im engsten Umfeld.
Mit ihrem Kollegen Oliver Heyms vom Präventionsteam der Braunschweiger Polizei ist Claudia Czerwinski in Schulen unterwegs, versucht aufzuklären, vorzubeugen. Für die Fälle, in denen Vorbereitung tatsächlich etwas nützt. Diese „Fälle“ kommen meist harmlos daher, unangenehm sind sie trotzdem: Der Mann, der dem Mädchen im Bus zu nahe rückt, die pöbelnden Jugendlichen, die einem auf der Straße entgegenkommen, der Betrunkene auf der Parkbank. Das ist der Alltag.
Eines haben die Präventionsexperten in ihrer Arbeit festgestellt: „Je älter wir werden, desto mehr trainieren wir uns unser Bauchgefühl ab“, sagt Heyms. Wer ein ungutes Gefühl hat, soll darauf hören, die nächste Straßenbahn nehmen, die Straßenseite wechseln, seine PIN nicht am Geldautomaten eingeben.
„99,6 Prozent der Täter suchen sich gezielt schwächere Opfer aus“, sagt Czerwinski. Manchmal aber sind es nur Nuancen, die einen Menschen, egal ob alt oder jung, zum Opfer machen. Wer in sich zusammengesunken in der Straßenbahn hockt, den Blick schüchtern nach unten gerichtet, werde eher zur Zielscheibe, als derjenige, dessen aufrechte Haltung Aufmerksamkeit und Selbstsicherheit vermittele. Deutlich werden, laut werden, das helfe, um jemandem zu zeigen, dass er eine Grenze überschritten hat und um nach außen zu signalisieren, dass sich gerade eine ungewollte Situation ergibt. Und es stellt Öffentlichkeit her. Czerwinski: „Macht kann ich aber nur im Stillen und Geheimen ausüben, nicht wenn alle im Bus auf mich starren.“ Ganz wichtig: das „Sie“ in der Anrede. „Gerade wenn ein Kind einen Erwachsenen duzt, könnten Umstehende sonst denken, es ist der Vater“, erläutert Heyms. In den Präventionsseminaren werden Kinder ermuntert, klar ihre Meinung zu sagen, auch wenn es ihnen nicht gefällt, von Oma oder Tante zur Begrüßung abgeküsst zu werden. Außerdem lernen sie, sich in Alltagssituationen Hilfe zu organisieren und Erwachsene gezielt anzusprechen, zum Beispiel, weil der Freund gerade mit dem Fahrrad gestürzt ist und sich verletzt hat. Eltern sollten mit ihren Kindern nicht nur den Schulweg trainieren, sondern ihnen auch zeigen, wo sie „Rettungsinseln“ finden: der belebte Marktplatz etwa oder die schon morgens geöffnete Bäckerei. Ein Rat gilt für Kinder wie für Erwachsene: Im Zweifelsfall die 110 oder 112 wählen.
Und was ist mit Pfefferspray als Schutz vor den 0,4 Prozent der Fälle, in denen uns tatsächlich jemand etwas Böses will? Czerwinski: „Davon halten wir gar nichts.“ Pfefferspray zückt niemand so schnell wie der Cowboy im Western die Pistole, schon gar nicht in einer Stresssituation. Die Gefahr, dass der Täter den Spieß umdreht, sei viel zu groß.
Wenn überhaupt, dann sei eine Filmdose, gefüllt mit einem Pfeffer-Sand-Gemisch, deren Deckel man aufschnippt, die bessere Form der Gegenwehr. Aber auch dabei sei es mehr der psychologische Aspekt, der (vorbeugende) Wirkung hat. „Wenn ich mich sicherer fühle, dann trete ich auch selbstsicherer auf“, sagt Czerwinski.
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