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Fünf Tage, die über Jahre entscheiden

Wer nach langem Weg in die Landesaufnahmebehörde kommt, hat seine Heimat hinter sich gelassen – und eine ungewisse Zukunft vor sich..

Von Marc Wichert, 29.01.2012

Braunschweig. Landesaufnahmebehörde, Haus 4. Hier warten an diesem Wintermorgen 33 Menschen auf Einlass in ein besseres Leben. In der vergangenen Nacht sind sie angekommen, um Asyl zu beantragen. Wie Tausende andere. 2011 wurden so viele Anträge wie seit acht Jahren nicht gestellt.

Geteerte Wege, links und rechts erstrecken sich die Trakte der Landesaufnahmebehörde, verputzt in eierschalenweiß. Vor den Eingängen fegen Männer ein paar Blätter zusammen. „Eigentlich ist es hier viel lebendiger“, sagt Christine Möricke-Abifade. Jetzt aber, im Winter, wo es kalt ist und grau, blieben die Bewohner lieber in ihren Zimmern. Die Fachberereichsleiterin für Unterkunft, Aufnahme und Betreuung hat sich warm eingepackt an diesem Morgen. Gemeinsam mit dem Leiter des Sozialdienstes, Ralf Schulte, führt sie durch die ehemalige Bundeswehrkaserne, die heute Heim auf Zeit für Menschen aus mehr als 30 Nationen ist. Vereinzelt sieht man Familien, Frauen mit Kinderwagen, einzelne junge Männer, die mit gesenktem Kopf und schnellem Schritt über das Gelände huschen.
„Guten Morgen“, Möricke-Abifade grüßt freundlich jeden, der vorbeikommt. Viele grüßen zurück, halten kurz Augenkontakt, dann wieder der Blick nach unten. „Die Menschen, die hier untergebracht sind, haben schlimme persönliche Geschichten hinter sich“, sagt sie. Geschichten, die so schlimm sein müssen, dass Menschen ihre Heimat verlassen; ob sie Serbien, Iran oder Somalia heißen mag. Die Freunde und Verwandte zurücklassen. Und die Strapazen einer ungewissen Flucht mit offenem Ende auf sich nehmen. Manche kommen aus wirtschaftlicher Not, manche werden verfolgt. Weil sie dem falschen Glauben angehören oder der falschen Idee. Weil sie Frau sind oder Mann. Gründe allesamt, die es ihnen unmöglich machen, ein menschenwürdiges Leben zu führen.

Für die Flüchtlinge ist der Ablauf genau geregelt. Morgens, neun Uhr. Dicht an dicht sitzen und stehen die Neuankömmlinge der vergangenen Nacht vor Zimmer 114 in einem der langen, zweistöckigen Gebäude. Es ist warm, einige Kinder schlafen, die Erwachsenen warten wortlos. In diesem Zimmer wird jeder Flüchtling zum Asylbewerber, bekommt seine persönliche Heimausweiskarte. Auf der Karte sind Piktogramme in kleinen Kästchen aufgedruckt. Sie strukturieren die nächsten Tage: Gesundheitsamt am ersten Tag, am nächsten Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), Tag vier Sozialamt – hier gibt es das monatliche Taschengeld von 40,90 Euro und einen Bekleidungsgutschein. Die Termine werden vom Sozialdienst eingetragen. Einen Stock tiefer kümmern sich acht Sozialarbeiter um die Asylbewerber – Verfahrensangelegenheiten, aber auch menschliche Nöte werden hier besprochen.
„Wir arbeiten wie Sozialarbeiter im normalen Leben auch“, sagt Leiter Ralf Schulte. Die Mitarbeiter beraten bei Familienkonflikten, versuchen Probleme aufzuarbeiten, die jeder Flüchtling auf seine Weise mitbringe. Erschwerend für alle seien oftmals kulturelle Unterschiede. „Und innerhalb der Asylbewerber gibt es große soziale Unterschiede. Auch die Bildungsherkunft ist unterschiedlich.“ Vom einfachen Landarbeiter bis zum Akademiker seien hier alle Schichten vertreten. So wird auch bei der Unterbringung geschaut, wer mit wem am Besten kann.
In den Häusern der Landesaufnahmebehörde in der Boeselagerstraße sind momentan 550 Menschen untergebracht, maximal drei Monate bleiben sie. Danach haben sie entweder einen Status als Asylbewerber, sind vor Abschiebung geschützt oder müssen Deutschland verlassen. Das entscheidet sich an Tag fünf, wenn die Asylbewerber dem „Einzelentscheider“ des Bundesministeriums ihre Geschichte erzählen. Im vergangenen Jahr wurden viele Geschichten erzählt. Mehr als 45 000 Menschen haben in Deutschland einen Erstantrag gestellt, so viele wie seit 2003 nicht. „Das ist aber nichts im Vergleich zu den Neunzigern, als teilweise über 100 000 Menschen einen Asylantrag gestellt haben“, sagt Christine Möricke-Abifade. „Von einer Flut, wie manchmal zu lesen ist, sind wir weit entfernt“, ergänzt Ralf Schulte. „Flüchtlinge gibt es überall auf der Welt. Teilweise viel mehr als hier in Europa.“ Laut BAMF-Statistik erkannte Deutschland von den 45 000 Erstantragsstellern lediglich 652 als asylberechtigt an, 9000 Menschen wurde Abschiebeschutz gewährt. Eine Flut sieht anders aus.

Mittlerweile ist es zwölf Uhr. Auf unserem Weg zu einer der Unterkünfte laufen mit schnellen Schritten Frauen und Männer an uns vorbei, an der Hand eine Plastiktüte, aus der ein großes Tablett guckt. Ralf Schulte klärt auf: „Die Bewohner sind auf dem Weg zur Kantine. Die Tabletts sind für das Abendessen, das sie dann auf ihre Zimmer mitnehmen“.
Ein kurzer Abstecher in die Kantine. An den Eingangstüren kleben Faltblätter. In neun Sprachen und mit Bildern weisen sie auf den Bahnübergang Steinriedendamm hin, der ein paar Fußminuten entfernt ist, und wo innerhalb kurzer Zeit zwei Menschen starben, und eine Frau lebensgefährlich verletzt wurde.
Vor der Essensausgabe herrscht großer Andrang. Die meisten Tische bleiben frei, viele nehmen ihr Mittagessen – Reis und Kartoffeln, Brokkoli und Hühnchen – mit auf ihr Zimmer. Die Abendration besteht aus Würstchen, Fladenbrot, Paprikaschoten und Joghurt und wird in der Tüte verstaut. Auch hier gilt: Kulturelle Unterschiede werden berücksichtigt. „Inder essen kein Rind, Moslems kein Schwein“, erklärt Möricke-Abifade.
Es gab Zeiten, da war die Landesaufnahmebehörde nicht nur Drehkreuz und Erstaufnahmeeinrichtung, sondern auch Gemeinschaftsunterkunft. Nach 2003 gab es eine leichte Entspannung bei den Asylbewerberzahlen. „Manche der Flüchtlinge waren ein, zwei oder sogar fünf Jahre hier“, sagt Möricke-Abifade. Die Flüchtlinge hätten sich dann ihre Zimmer auch etwas wohnlicher einrichten können, mit schönen Dingen vom Flohmarkt etwa.
Heute sind die Zimmer spartanisch-praktisch. Hinter den Türen, die von den langen, neonlichtbeschienenen Gängen abgehen, warten ein Spind, ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl auf jeden Neuankömmling. Hier ist die Kaserne noch ganz Kaserne. Für ihre Bewohner aber für kurze Zeit ein Zuhause.
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