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Forschung am „ganzen Organismus“

Im neuen Maushaus im Helmholtz Zentrum für Infektionsforschung haben bis zu 35 000 Versuchstiere Platz

Von Martina Jurk

Braunschweig. Nur durch eine Luftschleuse gelangen die Wissenschaftler des Helmholtz-Zentrums in Stöckheim in die Labore des neuen Tierhauses. Kein Krankheitserreger darf hinein gelangen und schon gar keiner heraus. Die Bewohner des Hauses sind Mäuse – im Dienste der Infektionsforschung.

Seit 2006 liegt der Schwerpunkt der wissenschaftlichen Arbeit im Helmholtz-Zentrum auf der Infektionsforschung. Weil dafür eine größere Anzahl von Versuchstieren benötigt wird, wurde für etwa 20 Millionen Euro eines der modernsten Tierhäuser Europas gebaut und eingeweiht. Der 9200 Quadratmeter große Bau ist bezugsfertig für bis zu 35 000 Tiere.
Dr. Hermann Riedesel, Leiter der Tierexperimentellen Einheit, erklärt, warum die Forschung nicht ohne Tierversuche auskommt. „Um ein komplexes Krankheitsbild zu simulieren, ist ein ganzer Organismus notwendig. Er liefert Erkenntnisse darüber, welche genetischen Faktoren entscheidend für eine Infektion und deren Abwehr sind. Dies ausschließlich an Zellkulturen zu erforschen, ist unmöglich.“
Riedesel, von Haus aus Tierarzt, ist als Facharzt für Versuchstiere und Tierschutzkunde ein absoluter Experte. Die Argumente der Tierschützer und Gegner von Tierversuchen versteht er. „Aber wenn sie konsequent sein wollen, dann müssten sie im Krankheitsfall auch auf neueste medizinische Therapien verzichten, denn deren Wirkungsweise wird an Tieren getestet“, sagt er. Medizinische Fortschritte auf der Basis von Tierversuchen, wie beispielsweise die Entwicklung von Antibiotika oder von Impfstoffen – für Menschen und Tiere, seien unbestritten.
Dennoch ist das Thema emotional geladen und Inhalt von Diskussionsrunden, wie zuletzt in der Reihe „Forschung unter der Lupe“ im Haus der Wissenschaft, wo es um das Pro und Contra Tierversuche ging. Dass die Haltung von Versuchstieren den Regeln des Tierschutzes entspricht, darüber wacht Hermann Riedesel. Er verbürgt sich für einen hohen Hygienestandard im Maushaus. Speziell ausgebildete Tierpfleger würden die Mäuse betreuen. „Tierversuche müssen vom Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit genehmigt werden. Jedes Experiment mit Tieren wird ethisch bewertet“, sagt er. Warum gerade Mäuse? „Sie vermehren sich extrem schnell: sechs bis acht Nachkommen pro Wurf, und das alle drei bis vier Wochen.“
Krankheitserreger, die durch Nachlässigkeit oder einen Störfall ins Freie gelangen – ein Horrorszenario. Im Tierhaus des Helmholtz Zentrums gibt es deshalb verschiedene Sicherheitsstufen bei gentechnischen Experimenten. Stufe zwei für Influenza, Stufe drei bei Experimenten mit Tuberkulose. Oberste Priorität: die Gefährdung der Öffentlichkeit ausschließen.
Der vollständige Ersatz von Tierversuchen durch die Förderung intelligenter Teststrategien und tierversuchsfreier Alternativen ist das Ziel von Bündnis 90/Die Grünen. „Beim Maushaus kritisieren wir insbesondere die Versuche mit genmanipulierten Tieren und die Vernachlässigung tierversuchsfreier Forschung“, sagt Christian Meyer, Sprecher für Landwirtschaft, Verbraucherschutz, Natur- und Tierschutz der grünen Landtagsfraktion. Würde das Maushaus allein mit 20 Millionen Euro Bundesmitteln gefördert, stünden nur 30 Millionen für tierversuchsfreie Methoden zur Verfügung. „Wir wollen vor allem die tierversuchsfreie Forschung etwa an Zellkulturen, in-vitro-Systeme oder durch epidemiologische Studien fördern, wie sie das Helmholtz-Zentrum ebenfalls betreibt“, so Meyer. Auch Zellkulturen seien komplexe Gebilde, entgegnet er dem Argument von Dr. Riedesel, dass ein ganzer Organismus für die Forschung nötig sei.
Das Staatsziel Tierschutz habe in Niedersachsen und in Deutschland mittlerweile Verfassungsrang und sei mit der Forschungsfreiheit abzuwägen. „Als ersten Schritt setzen wir auf die Reduzierung der Zahl der Tierversuche, die Minderung des Leids der Versuchstiere und die immer stärkere Ersetzung durch tierversuchsfreie Alternativen.“
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