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Flutkatastrophe in Pakistan trifft die Ärmsten

Die Braunschweiger Organisation „Shelter Now“ versorgt Opfer der Flutkatastrophe in Pakistan.

Von Jens Radulovic, 18.08.2010

Braunschweig. Die Wassermassen haben in Pakistan mehr als 900 000 Häuser zerstört oder schwer beschädigt und rund 20 Millionen Menschen obdachlos gemacht. Im Flutgebiet steigt der Unmut über die schleppend anlaufende Hilfe. Vorgestern kündigte die Bundesregierung an, die Soforthilfe von fünf auf 15 Millionen Euro anzuheben. Udo Stolte, Direktor der Braunschweiger Hilfsorganisation „Shelter Now“, war für eine Woche im Krisengebiet, um Maßnahmen mit den anderen Hilfsorganisationen vor Ort zu koordinieren und den Bedarf zu erfragen.

„Ich habe einen großen See mit Dörfern in der Mitte gesehen. Von den Häusern ragten nur noch die Dächer aus dem Wasser – solche Bilder verfolgen mich in meinen Träumen“, sagt Udo Stolte, Direktor der Hilfsorganisation „Shelter Now“. Er war eine Woche lang vor Ort im pakistanischen Flutgebiet. „Ich habe es mir nicht so schlimm vorgestellt, wie ich es dann selbst erlebt habe“, erzählt Stolte. Die Ausmaße der Flutkatastrophe sind tatsächlich kaum zu begreifen: Nach Angaben der pakistanischen Katastrophenschutzbehörde NDMA sind der Flut bislang 1463 Menschen zum Opfer gefallen, mehr als 2000 wurden verletzt. 900 000 Häuser wurden zerstört oder schwer beschädigt.
Insgesamt 20 Millionen Menschen seien durch die Flut obdachlos geworden, berichtet Stolte. „Die Zahlen sind Statistik, was ich erlebt habe, sind Menschen in überfluteten Dörfern, die aus lauter Verzweiflung unseren Lkw stürmen wollen, um an Essen zu kommen“, erinnert sich der Braunschweiger Lehrer. Die Zustände seien noch sehr chaotisch.
Die fehlende Koordination der Hilfsmaßnahmen, die längst noch nicht alle Bedürftigen erreicht haben, führt zu einem anderen Problem: Islamistische Gruppen versuchen, die Bevölkerung durch Hilfsbereitschaft zu radikalisieren. Das mangelnde Krisenmanagement der Regierung in Islamabad könnte langfristig zu einer Destabilisierung der Atommacht Pakistan führen. „In der globalisierten Welt ist nichts mehr weit weg“, mahnt Stolte deshalb zur Hilfe für das „ferne“ Pakistan.
Die Spendenbereitschaft in Deutschland ist allerdings verhalten. „Viele Leute befürchten, dass die Gelder durch Korruption in Pakistan versickern und nicht den Notleidenden zukommen“, vermutet der Direktor von „Shelter Now“. Seine Organisation arbeite allerdings schon seit 27 Jahren in Pakistan und sei gut vernetzt.
Die in Braunschweig ansässige Hilfsorganisation versorgt seit zwei Wochen 2000 Betroffene in der Provinz Khyber-Pakhtunkhwa mit einer täglichen warmen Mahlzeit, einem einfachen in Pakistan üblichen Reisgericht. „Wir haben ein Restaurant gefunden, dass uns diese Menge Essen kocht und in Plastikbeutel verpackt. Vormittags holen wir die Mahlzeiten mit unserem Laster ab und fahren sie in die Dörfer.“
„Shelter Now“ kauft alle Lebensmittel auf dem pakistanischen Markt, investiert damit in die gebeutelte Binnenwirtschaft, sagt Stolte. Dass die Hilfsorganisation damit die bereits stark angestiegenen Lebensmittelpreise weiter in die Höhe treiben könnte, glaubt Stolte nicht: „Wir kaufen ja nur kleine Mengen.“
Bei seinen Touren sah der 57-Jährige viele Momentaufnahmen des Elends. „Da gehen Menschen durch knietiefes Wasser, um ihren Hausrat in Decken gehüllt aus ihrem einsturzgefährdeten Haus zu retten. In einem Haus stand das Wasser im ersten Stock einen Meter hoch: Das gesamt Inventar war zerstört, alles mit einer dicken Schlammschicht überzogen.“ Angesichts dieser Eindrücke versuche er, seine Gefühle noch auszusperren. „Das könnte ich sonst alles nicht ertragen“, sagt er.
Mittlerweile wälze sich die Flut durch das Landesinnere. „Die Monsunzeit endet in Pakistan Ende August, aber das heißt nicht automatisch, dass damit sofort die Flutgefahr gebannt ist.“
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