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Es geht um mehr als ein paar Quadratmeter

Michael Brennecke verliert den Platz für seine Lkw-Ladestraße. Einen Mitarbeiterraum und einen Teil eines Gewächshauses wird er komplett abreißen müssen. Fotos: Korth
 
Michael Bludau hofft, dass es doch noch zu Verhandlungen kommt und sich eine Zufahrtsmöglichkeit über das von der Nibelungen gepachtete Nachbargrundstück organisieren lässt.

Baugebiet Nordstadt: Die Wodanstraße soll breiter werden, die ansässigen Unternehmen fühlen sich im Stich gelassen.

Von Marion Korth, 19.07.2017.

Braunschweig. Wut ist das falsche Wort. Es ist eher eine Mischung aus Ärger, Enttäuschung und, ja, auch aus Hilflosigkeit, die die beiden Geschäftsleute Michael Bludau und Michael Brennecke nun schon seit Monaten umtreibt. Der Ausbau der Nordstadt führt über ihre Köpfe und Grundstücke hinweg. Da geht es um mehr als ein paar Quadratmeter für die neue, breitere Straße, die das neue Baugebiet mit dem Bienroder Weg verbinden soll. „Das ist mein Land, meine Arbeit, mein Leben, das ich hier weggeben soll“, sagt Michael Brennecke.

„Ihn trifft es besonders hart“, sagt Bludau, der seine Autoklinik auf der anderen Seite der Wodanstraße in dritter Generation – die vierte arbeitet ebenfalls schon im Betrieb – führt. Sechs Meter in der Tiefe, Richtung Osten noch etwas mehr, soll er abgeben, insgesamt 315 Quadratmeter. Brennecke auf einer Länge von mehr als 100 Metern fünf Meter. 22 Euro je Quadratmeter sollen die Firmenchefs als Ausgleich erhalten, außerdem Entschädigungsleistungen für Zäune und eine Zisterne, die versetzt werden müssen. Nicht alles eine Frage des Geldes: Die Regale unter freiem Himmel, in denen der Gärtner mit Baumschule und Landschaftsbau die Erden lagert, müssen weg, die „Mannschaftsbude“, der Aufenthaltsraum für seine Mitarbeiter, ebenso, die Einfahrt muss er verlegen und vorn zur Einmündung in den Bienroder Weg ein Teil eines Gewächshauses abreißen. Um wie viel es verkleinert werden muss, weiß Brennecke nicht. Die Scheiben können nicht irgendwo durchtrennt werden, sondern nur abschnittsweise, passend zur Dachkonstruktion. Wenn 3,20 Meter nicht ausreichen, dann ist der nächste Einschnitt erst wieder bei 6,40 Metern möglich. Bitter ist das.

„Hier stehen abends zehn bis zwölf Lkw, sagt er und zeigt die jetzt leere Ladegasse. Platz, der für die Straße gebraucht wird. Mit rund einem Hektar Fläche ist sein Betriebsgrundstück nicht eben klein, aber nur mit „Umparken“ ist es nicht getan. Die bisherigen Wege- und Organisationsstrukturen würden zerrissen. „Die Nähe fehlt, die Synergieeffekte sind dann weg“, sagt Brennecke. Rechts die Regale mit Erdsubstraten und Rindenmulch, links die Maschinenhalle mit Rasenmäher und Fräse und die Lastwagen in der Mitte – so ging das Auf- und Abladen vergleichsweise schnell. Damit ist es vorbei, wenn die Lkw woanders stehen. Brennecke: „Ich muss eine komplett neue Betriebsplanung machen.“ Der Aufwand dafür tauche in keiner Rechnung auf.

Gespräche mit der Stadt habe es durchaus gegeben, nur: „Was kam dabei heraus?“ fragt Brennecke und gibt gleich selbst die Antwort: „Nichts.“ „Es wird mit einem geredet wie mit einem kranken Gaul, ohne sich in die Tiefe hineinzudenken“, sagt er. Und den Satz „Wir prüfen das“, mag er schon gar nicht mehr hören. Auf dem Papier werde eine Lösung gefunden, die in der Praxis aber nicht funktioniere. Die „Lösung“ für ihn sehe so aus: „Sie haben genügend Platz.“ Er selbst habe sich um Ausgleichsflächen bemüht, sogar etwas gefunden, aber 100 Euro für den Quadratmeter, das sei einfach zu teuer.

Michael Bludau von gegenüber hat ähnliche Erfahrungen gemacht. Auch mit ihm habe man sich zusammensetzen wollen, darauf warte er noch heute. Das Ganze ziehe sich jetzt seit zwei Jahren hin, nichts Genaues weiß man nicht. „Die Mitarbeiter der Stadt berufen sich auf die Bürgerbeteiligung, aber unter ’einbeziehen‘ stelle ich mir etwas anderes vor“, meint er. Geltend gemachte Einwände im Planverfahren hätten letztendlich nichts an den Plänen geändert. Er hat Einspruch eingelegt, ob er klagt, wusste er bei unserem Gespräch noch nicht. Bludau: „Man ist denen ausgeliefert.“

„Ich habe eine relativ großzügige Hoffläche“, sagt er. Die brauche er aber auch: für Mitarbeiter-, Kunden- und Ersatzfahrzeuge, für Liefer- und Lastwagen und nicht zuletzt den Abschleppwagen, der Rangierfläche benötigt. Vor zehn Jahren war der Betrieb noch kleiner, da wäre alles kein Problem gewesen, jetzt sieht sich Bludau zu einer knallharten Kalkulation gezwungen: „Weniger Fläche heißt weniger Kapazität, heißt weniger Mitarbeiter.“ 16 waren es, jetzt sind es noch 14. Der Betrieb wird kleiner, bevor die Bauarbeiten überhaupt begonnen haben, nachdem die Bemühungen um eine Ausgleichsfläche nebenan im Sande verlaufen sind. „Mit zwei, drei Leuten weniger kann ich wohl weitermachen“, sagt Michael Bludau.
Was sich allerdings hinter der Ankündigung „kurzfristiger Sperrungen“ in der Bauphase verbirgt, weiß er nicht. „Geht es da um Stunden oder Monate?“

Gespräche und Zusagen hat es gegeben, passiert ist nichts – „Falsch!“, sagt die Stadt

Gespräche mit der Stadt im Zuge des Planverfahrens habe es gegeben, auch Zusagen wie „Wir setzen uns noch zusammen“, passiert sei aber nichts. Der Vorwurf: Die Stadt habe sich nicht wirklich um eine Lösung bemüht. Was sagt die Stadtverwaltung dazu? Hier die Antworten von Pressesprecher Rainer Keunecke.

!Die geschilderte Darstellung des Sachverhalts trifft nicht zu. Insbesondere die Behauptung, außer Zusagen „wie ’Wir setzen uns noch zusammen‘“ sei nichts passiert, ist falsch. Das Gegenteil ist richtig.
In einer Reihe von Gesprächen hat die Verwaltung im Blick auf den beabsichtigten Bau der Stadtstraße Nord gemeinsam mit den Unternehmern nach Lösungsmöglichkeiten gesucht und konkrete Vorschläge gemacht. So hat die Verwaltung zum Beispiel eine Alternative für die Aufteilung der Parkplätze des Unternehmens Bludau entworfen. Auch mit der Firma Brennecke wurden unter Teilnahme des Stadtbaurats Gespräche über die Möglichkeit von Alternativplanungen und Ausgleichsflächen geführt. Weitere Gespräche sind vereinbart. Ziel der Verwaltung ist es, dass die betroffenen Betriebe weitergeführt werden können. Die Verwaltung ist frühzeitig auf die betroffenen Anlieger zugegangen, einschließlich einer allgemeinen Informationsveranstaltung.

? 22 Euro je Quadratmeter hört sich wie ein Witz an, wie berechnet sich die Höhe der Entschädigungsleistung?

! Die Höhe der Entschädigungsleistung für die anzukaufenden gewerblichen Bauflächen hat der Gutachterausschuss des Landesamtes für Geoinformation und Landvermessung Niedersachsen ermittelt, die in dieser Frage zuständige, unabhängige und anerkannte Behörde. Die genannte Summe bezieht sich allerdings auf den reinen Bodenwert. Dieser liegt an der Wodanstraße bei 22 Euro je Quadratmeter für erschließungsbetragspflichtiges Gewerbebauland, um das es sich bei den Kaufflächen handelt. Für zu entfernende Nebenanlagen oder Gebäudeteile kommen ebenfalls vom Gutachterausschuss ermittelte, entsprechend höhere Entschädigungsleistungen hinzu.

? Sind die Unternehmer an der Wodanstraße selbst schuld, weil sie wussten, dass über ihre Flächen zunächst die Verlängerung der A 392 geplant war und damit schon immer eine Straßenausbaumaßnahme möglich gewesen ist?

!Die so genannte Nordtangente (A 392) wurde erst 2012 aus dem Flächennutzungsplan der Stadt Braunschweig herausgenommen. Planungen der Stadt zu einer Verkehrsverbindung in diesem Bereich bestehen bereits seit den 1950er Jahren, fanden dann Einzug in die Flächennutzungsplanung und waren insofern auch den ansässigen Unternehmen bekannt.
Allerdings ist festzuhalten: Die nun geplante Stadtstraße hat einen wesentlich geringeren Querschnitt und benötigt deutlich weniger Fläche als die in den früheren Planungen vorgesehene, autobahnähnliche Nordtangente.

? Was hat die Stadt aus ihrer Sicht für die ansässigen Unternehmen getan und was will sie noch tun?

! Zusätzlich zu den Gesprächen bestand die Möglichkeit für alle Betroffenen, im Rahmen des Planfeststellungsverfahrens für die Stadtstraße Nord ihre Einwände und Interessen zu äußern. Von dieser Möglichkeit haben auch die beiden genannten Eigentümer Gebrauch gemacht. Im Zuge des Planfeststellungsverfahrens wurden die vorgebrachten Interessen der Anlieger mit den Inhalten der Planung abgewogen.

? Wann beginnen Bauarbeiten zur Verbreiterung der Wodanstraße?

! Der Baubeginn für die Stadtstraße Nord ist für 2018 geplant.
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