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„Es ändert sich sowieso nichts“

Befragung zur Sozialstudie des Diakonischen Werkes zeigt beunruhigende Entwicklung

Von Martina Jurk, 02.12.2009

Braunschweig. Wer arm ist, resigniert und ist hoffnungslos – und sagt nichts. Bei der aktuellen Befragung „Und wie kommen Sie klar?“ von Familien und Alleinerziehenden mit geringem Einkommen, die das Diakonische Werk für das Braunschweiger Land in Auftrag gegeben hat, zeigt sich dieses beunruhigende Phänomen.

„Die Betroffenen sind sehr zurückhaltend und reagieren mit Resignation. Es ändere sich sowieso nichts, ist die Auffassung vieler. Das haben wir so noch nicht erlebt“, sagt Dr. Lothar Stempin. Der Direktor des Diakonischen Werkes sieht darin ein tiefgreifendes gesellschaftliches Problem.
Die Interviews sind Bestandteil der „Handlungsorientierten Sozialberichterstattung für das Braunschweiger Land“ – ein bundesweit einmaliges Projekt. Ein großer Kreis von Interviewern befragt Betroffene in allen Städten und Landkreisen, wie es ihnen geht, aber vor allem, wie sie die Situation bewältigen. Herauskommen sollen im Frühjahr Handlungsempfehlungen an die Kommunen und Landkreise, ihr Hilfeengagement gegebenenfalls zu überdenken oder zu verändern.
Geplant waren 2000 Interviews, lediglich 400 bis 600 sind geführt worden. „Eine belastbare Aussage ist dennoch möglich, aber keine erhoffte Differenzierung nach einzelnen Kommunen und Landkreisen. Die Tiefe der kleinräumigen Entwicklung fehlt“, räumt Uwe Söhl vom Diakonischen Werk ein. Je ärmer ein Stadtteil sei, desto weniger Menschen würden wählen und an Befragungen teilnehmen. „Die Crux ist“, so Söhl, „dass die Politik nur auf diejenigen reagiert, die etwas sagen. Wer nichts sagt, kann nicht gehört werden.“
In der Mehrzahl türkische Familien hat Nurten Hübner bislang befragt. Sie führt die Interviews in türkischer Sprache. Was ihr die Betroffenen erzählten, höre sich an wie ein Teufelskreis. Wenn am 20. des Monats kein Geld mehr da ist, seien Freunde und Verwandte die rettenden Engel. „Von Hilfsangeboten wissen viele gar nichts“, sagt Nurten Hübner. Viele würden gern arbeiten, aber es fehle die Kinderbetreuung, andere dürften hier in ihren Berufen nicht arbeiten und suchen Putzstellen. „Sie schämen sich dafür, nehmen nicht mehr am sozialen Leben teil, ziehen sich zurück.“
Stefan Roblick hat bei seinen bisher geführten Interviews im Landkreis Goslar ähnliche Erfahrungen gemacht. Die betroffenen Familien seien hoffnungslos, misstrauisch gegenüber Behörden, schämten und isolierten sich. „In den Harztälern und ländlichen Gegenden kommen die sozial benachteiligten Menschen schlecht zu Hilfsangeboten wie Tafeln oder Beratungsstellen“, sagt Roblick. Nach seiner Erfahrung resignierten mehr Männer als Frauen, prozentual hätten sich mehr Mütter an den Interviews beteiligt. Eine Zunahme der Resignation in ärmeren Stadtteilen hat Roblick ebenfalls festgestellt.
„Eine Handlungsempfehlung steht damit bereits fest“, betont Dr. Lothar Stempin, „Maßnahmen zu ergreifen, die einer Gettoisierung entgegenwirken.“
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