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Erster Stadtrat: „Vorhandenes ausbauen, Vorsicht bei zusätzlichen Angeboten“

Sport, Grün und Finanzen – für die Planung hilft mitunter der Blick von oben. Foto: mediaconcepts
 
Christian Geiger. Foto: oh

Christian Geiger ist seit gut einem Jahr im Amt – Bäder, Nahverkehr, Kitas, Sport und mehr gehören zu seinen Aufgaben.

Von Ingeborg Obi-Preuß, 06.06.2015.

Braunschweig. Das Bäderthema ist ihm direkt nach Amtsantritt vor die Füße gefallen – und wird noch immer heftig hin- und herbewegt. Und das ist nicht der einzige „dicke Brocken“, den Christian Geiger als Erster Stadtrat zu bewältigen hat. Zur Zwischenbilanz nach gut einem Jahr kann er sich bei der Frage nach seinem Eindruck über „Die Braunschweiger“ ein leichtes Lächeln nicht verkneifen. „Hier wird leidenschaftlich diskutiert, aber zugleich auch immer sehr ernsthaft um gute Lösungen gerungen.“

„Meine Heimatstadt Göttingen beispielsweise hat rund 123 000 Einwohner – und nur ein richtiges Hallenbad“, vergleicht er. „Das scheint dort in Ordnung zu sein.“ In Braunschweig ist die Versorgung mit Hallenbädern dagegen ein Thema, das mitunter größere Teile der Bevölkerung in Aufregung versetzt. Geiger, als Dezernent zuständig für Finanzen, Stadtgrün und Sport, sieht das eher nüchtern: „Rein rechnerisch ist Braunschweig jetzt mit aktuell drei Hallenbädern zumindest ordentlich versorgt.“
Die Kapazitäten reichten aus, da ist er sicher, seine Zahlen basieren auf eingehender Analyse. Denn erstmals liegen für die Stadt systematische Bestands- und Bedarfserhebungen vor. Im Rahmen der Sportentwicklungsplanung wurden in den letzten Monaten Themenschwerpunkte und Prioritäten für die nächsten Jahre vorgeschlagen, im nächsten Schritt sollen die Ergebnisse von den Ratsgremien diskutiert und bewertet werden. „Viel Sport fürs Geld“, könnte aus seiner Sicht der Arbeitstitel lauten, „wir versuchen, Vorhandenes umzubauen, günstige und gute Lösungen zu entwickeln.“
Neue Trendsportarten
Eine Reaktion auf Veränderungen, auf demografische Entwicklungen, aber auch auf den Zeitgeist. „Es gibt neue Trendsportarten, für die ein Oberzentrum ein Angebot haben sollte.“ Schwer vermittelbar sei, wenn kleine Sportgruppen große Sporthallen zu den besten Zeiten belegten, während zum Beispiel beliebte Ballsportarten mit großem Flächenbedarf oder Gymnastikkurse mit vielen Teilnehmern keine passenden Räumlichkeiten fänden. Generell müssten Nachfrage nach Räumen und vorhandene Kapazitäten gezielter aufeinander abgestimmt werden. Ein effektiveres Belegungs- und Hallenmanagement sei ebenso nötig wie die punktuelle und bedarfsgerechte Ergänzung der vorhandenen Sportstätten.

„Wenn wir uns überdurchschnittlich viel leisten wollen, müssen wir auch überdurchschnittlich viel
von den Bürgern
nehmen.“
Christian Geiger

Die richtungsweisende Standortrochade einer Reihe von Sportvereinen (unter anderem waren MTV, 1. FFC, Eintracht und die städtischen Sportanlagen Westpark und Ölper einbezogen) habe bereits vor seiner Amtszeit begonnen und zeige zum Beispiel bei der Entwicklung des Nachwuchsleistungszentrums von Eintracht im Kennelbereich hervorragende Ergebnisse.
„Kleine Sportvereine sollten Kooperationen und möglicherweise auch Zusammenschlüsse in Erwägung ziehen, um attraktiver zu sein, schlagkräftiger zu werden und letztlich vielfältige und zeitgemäße Sportangebote dauerhaft zu ermöglichen“, macht Geiger deutlich. Das gelte angesichts des tiefgreifenden Wandels im Ehrenamt übrigens nicht nur für den Sport, sondern entsprechend auch für alle anderen Vereine.
„Mit der nun fast abgeschlossenen Sportentwicklungsplanung haben wir die Fakten zum Bestand, wir kennen die Wünsche und die Anregungen“, erklärt Geiger. So kam beispielsweise ein deutlicher Mangel an Gymnastikräumen mit dieser Analyse ans Licht.
Ein gutes Beispiel für die Sinnhaftigkeit des Sportentwicklungsplanes ist auch das Thema Inklusion. „Wir machen gerade einen Inklusionscheck bei unseren Sportvereinen“, sagt Geiger, „das ist bundesweit fast einzigartig.“ Demnach gibt es noch eine Menge zu tun. Zwar sei die „Hardware“ in Form von Rampen, Einstiegen und ähnlichen Baumaßnahmen in Teilen schon vorhanden und werde bei baulichen Maßnahmen weiter verbessert, „aber die Software, also die Organisation der Teilhabe, fehlt uns an einigen Stellen noch“ , erklärt Geiger. „Wie beziehen wir behinderte Menschen mit ein?“ – das sei so eine Frage, die noch klarer beantwortet werden müsse. Auch gezieltere Angebote für verschiedene Bevölkerungsgruppen wie zum Beispiel ältere Mitbürger, die heutzutage ganz anders und viel länger im Leben Sport trieben, müssten weiter entwickelt werden.
Anreize richtig setzen
Bäder, Nahverkehr, Kitas – nur einige der „dicken Brocken“, die im städtischen Haushalt finanziert werden müssen. Er als Finanzdezernent könne die Wünsche nach mehr und qualitativ besseren Angeboten nachvollziehen, zumal die Stadt ja noch immer mit soliden Finanzen punkten könne. Aber gerade solche Wünsche nach Ausweitung der Infrastruktur würden auf Jahrzehnte hohe Kosten nach sich ziehen, die den Haushalt belasten.
Und: „2014 hatten wir trotz ordentlicher Konjunkturlage erstmals wieder ein Minus im Haushalt“, sagt Geiger. „Nur“ 20 Millionen Euro, denen immerhin rund 200 Millionen Euro Rücklagen gegenüberstehen, aber „wir müssen eine nachhaltigere Art des Wirtschaftens entwickeln“, mahnt der Stadtrat. In den guten Jahren müssten stärker Rücklagen gebildet werden: „Sparen für schlechte Zeiten.“
Schließlich gehe es um den Einsatz von Steuergeldern. „Wenn wir uns überdurchschnittlich viel leisten wollen, müssen wir auch überdurchschnittlich viel von den Bürgern nehmen“, warnt er vor einer Erhöhung von Abgaben, Steuern oder Gebühren.
Zusätzliche Angebote sollten mit Vorsicht erwogen werden, „besser ist es, erst einmal die vorhandenen Strukturen umfassend zu nutzen“, meint Geiger und setzt dabei, wo immer möglich und sinnvoll, auf Anreize. Die Höhe der Hallennutzungsentgelte pro Stunde beispielsweise sei so ein Steuerungsinstrument „oder auch die Angleichung der den Vereinen bei der Nutzung vergleichbarer Freianlagen entstehender Kosten“, erklärt Geiger.
„Wenn die Anreize richtig gesetzt sind, dann werden die Sportstätten genau von den Vereinen besonders intensiv genutzt, die sie am dringendsten benötigen“, beschreibt er seinen Weg.
Bislang ist er mit seiner Herangehensweise gut gefahren, die Politik als auch die Interessengruppen hätten viele Vorschläge mitgetragen. „Transparenz, systematische Vorgehensweise und nachvollziehbare Begründungen für Entscheidungsvorschläge sind Voraussetzung für den wünschenswerten kommunalpolitischen Konsens“, sagt Geiger.
Bedenken ausräumen
Ein Beispiel: die Privatisierung des dauerdefizitären Krematoriums. Anfänglich war der Gegenwind groß. „Aber wir haben ganz viel Sorgfalt angewendet, umfassende Wirtschaftlichkeitsberechnungen durchgeführt, wichtige Bedenken ausgeräumt und am Ende den ausverhandelten Entwurf eines Erbbaurechtsvertrages vorgelegt“, so Geiger. Das hat zu einer leidenschaftlichen, aber sehr ernsthaften Diskussion im Rat geführt, wo ihm eine Mehrheit schließlich gefolgt ist.
Ein dicker Brocken weniger – aber Christian Geiger hat ja auch gerade erst angefangen; für acht Jahre ist er gewählt und hat bereits bewiesen, dass er die leidenschaftlichen Braunschweiger zu nehmen weiß.
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