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Erst Abitur, dann Argentinien

Khoa Ly hat ein freiwilliges soziales Jahr im Ausland verbracht und Kinder in einem Armenviertel betreut

Von Marion Korth

Braunschweig. Vor einem Monat ist er nach Braunschweig zurückgekehrt: Khoa Ly, 20 Jahre alt, ein Jahr lang hat er in Argentinien gelebt und gearbeitet. „Mein Blick auf die Welt hat sich verändert“, sagt er. „Die Probleme, die wir hier haben, sind für mich kleiner geworden.“

Zentralheizung im ganzen Haus, ein Kleiderschrank voller Sachen, ein großer Fernseher. Daran muss sich Khoa Ly erst wieder gewöhnen. Warmes Wasser aus dem Hahn – für ihn der pure Luxus. Mit 19 hat er sein Abitur am Martino-Katharineum gemacht und wollte danach einfach mal „raus aus Braunschweig“. Statt Zivildienst lieber ein freiwilliges soziales Jahr im Ausland. Seine Wahl fiel auf Argentinien, und so landete er schließlich in der Stadt San Salvador de Jujuy, Hauptstadt einer der ärmsten Provinzen, ganz oben im Norden des Riesenlandes. „Ich kam dort mit drei Worten Spanisch an“, sagt er. Jetzt spricht er diese Sprache, aber auf eine ganz spezielle Art. Sein Spanisch kommt von der Straße, die Kinder im Armenviertel der Stadt haben es ihm beigebracht. „Das ist eben sehr umgangssprachlich“, sagt er.
Die Schere zwischen arm und reich sei extrem. Zwei Welten, die innerhalb der Stadt auch räumlich voneinander getrennt sind. Die Armenviertel oben am Hang oder unten im Tal, die reichen Menschen in der Mitte. „Man besucht sich auch nicht gern im anderen Viertel“, hat er festgestellt. In seiner Zeit in Argentinien habe er eigentlich nur arme Menschen kennengelernt. Bis er eine Austauschschülerin aus Hamburg getroffen hat. „Die lebte in der Familie eines Gouverneurs, und die dachte, dass es in Argentinien nur reiche Leute und keine armen gibt.“
Auch die Armut hat Abstufungen. „Dort herrscht eine dörfliche, keine städtische Armut“, sagt Khoa Ly. Der Vorteil: „Die Kinder sind wenigstens nicht bewaffnet, ich bin froh, dass ich nicht in Buenos Aires war.“ Von einer heilen Welt kann aber auch in der Provinz nicht die Rede sein. Der Abiturient zeigt Bilder aus „seinem“ Viertel. Kleine graue Häuser aus Betonsteinen, Wellblech oben drauf. Er zeigt, wo er gearbeitet, wo er mit den Kindern Theater gespielt hat. „Und hier ist ein Kind auf der Straße vergewaltigt worden. Das waren zwei betrunkene Männer. Keiner hat sich darum gekümmert.“ Gewalt, Drogen, Sex, Internet – diese Dinge würden das Leben der Menschen bestimmen, meint Khoa Ly. 16-jährige Mädchen hätten dort schon zwei Kinder. „Da wird gehauen und nicht viel erklärt. Die Menschen sind arm im Geldbeutel und im Kopf“, sagt er. Ihnen Geld zu geben, hätte keinen Sinn. Nur Bildung ist in seinen Augen der Schritt aus der Armut. Deshalb könne er jetzt seine Eltern, die aus Vietnam als politische Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind, besser verstehen. Die hatten ihn immer ermahnt, die Schule ernst zu nehmen und sich anzustrengen. Bevor er nach Argentinien ging, hatte er Betriebswirtschaftslehre studieren wollen. „Ich hätte auch einen Platz bekommen“, sagt er. Eine funktionierende Wirtschaft sei wichtig, aber nicht nur sie allein. Khoa Ly möchte jetzt Europawissenschaften studieren. „Da geht es um Wirtschaft, aber auch um Kultur und Politik“, erläutert er.
In Argentinien hatte er es von früh bis spät mit Kindern zu tun. 100 kommen jeden Tag in die Einrichtung, erhalten dort Nachhilfe- und Grundschulunterricht, sowie eine warme Mahlzeit. Khoa Ly hat mit ihnen rechnen geübt, hat sich von ihnen die Zeitungen vorlesen und Worte erklären lassen. Sogar als Radiomacher war er tätig. „92,1 – Die Stimme der Kinder“ heißt der kleine Piratensender des Kinderhauses. Reichweite so um die 15 Meter. Am Anfang habe sich nur ein Kind getraut mitzumachen, einen eigenen Text zu schreiben und vorzulesen. „Ich habe nicht viel erwartet, aber es ist beeindruckend, was sich daraus entwickelt hat“, sagt Khoa Ly und übersetzt die mitgebrachten Sendemitschnitte, in denen Kinder auf Spanisch von sich und ihrem Alltag erzählen. „Von ihrem Optimismus“, sagt er, „kann man lernen. Ich habe viel aus Argentinien mitgenommen.“ Ob umgekehrt sein Einsatz den Kindern etwas gebracht hat – Khoa Ly ist da eher skeptisch, aber: „Ich hoffe, dass ich den Kindern ein guter Freund war. Dass sie sagen können: Da hat sich jemand um uns gekümmert.“
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