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Ein sicheres Zuhause auf Zeit

Hans-Eberhard Bittner (vorne in der blauen Hose) vom Lokpark führte die Pflegefamilien im Rahmen des von der Stadt veranstalteten Festes über das Gelände. Foto: T.A.

Stadt bedankt sich bei allen Pflegeeltern mit einem Fest – Bedarf an Familien besteht weiter

Von Birgit Leute, 25.08.2013

Braunschweig. Ein fremdes Kind in der eigenen Familie großziehen? Das kann anspruchsvoll sein. Die Stadt bedankte sich am gestrigen Sonnabend mit einem Fest im Lokpark bei allen Pflegeeltern. Bedarf an engagierten Familien besteht aber weiterhin. Ein Gespräch mit Norbert Winkler, Leiter des Fachbereichs Kinder, Jugend und Familie.

?Die Zahl der sogenannten Inobhutnahmen steigt weiter. Inzwischen schlagen die Jugendämter Alarm, weil Pflegefamilien fehlen. Besorgt Sie die Entwicklung?

!Zunächst einmal: Es ist richtig, dass die Zahl der Kinder, die aus ihren Familien genommen werden müssen, steigt. In Braunschweig sind derzeit 237 Kinder in Pflegefamilien untergebracht. Diese Entwicklung ist nicht neu. Bereits seit einigen Jahren beobachten wir eine Zunahme. Durch die öffentlich gewordenen Fälle von Kindesmisshandlung ist die Sensibilität der Bevölkerung , der Kinderärzte und Ämter gestiegen. Fälle von häuslicher Gewalt werden dadurch mehr und früher gemeldet. Der Bedarf an Pflegefamilien besteht deshalb, weil wir vermehrt versuchen, Kinder in einem häuslichen Umfeld unterzubringen. Wir verstehen das als einen Wert an sich. Selbstverständlich spielen aber auch die institutionellen Einrichtungen eine große Rolle, denn sie versorgen einen Großteil der pflegebedürftigen Kinder.

?Was muss ich als Pflegefamilie denn für Qualitäten mitbringen?

!Jemand, der ein Kind aufnehmen will, das Gewalt oder Vernachlässigung erfahren hat, muss sich zunächst bewusst sein: Die Aufgabe ist anspruchsvoll. Mit anderen Worten: Er oder sie muss die Entscheidung bewusst treffen. Dabei ist zunächst einmal egal, ob es sich um eine Familie im klassischen Sinne oder um Alleinerziehende handelt. Wichtig ist, dass jemand auch die Zeit hat, sich eingehend mit dem Kind zu beschäftigen.

?Zeit und guter Wille – das wird nicht alles sein?

!Nein. Die Jugendämter prüfen noch vieles weitere: Haben die Pflegefamilien genügend Wohnraum? Sind sie sozial engagiert? Bringen sie außerdem eine finanzielle Sicherheit mit? Sind sie in der Lage mit den leiblichen Eltern zusammenzuarbeiten? Der Kontakt der Kinder zu den eigenen Müttern und Vätern ist nämlich ausdrücklich gewünscht, und oft kehren die Kinder nach einer Zeit auch in die „richtige“ Familie zurück.

? Gibt es spezielle Schulungen für die Bewerber?

!Ja. Es gibt Gespräche mit einer Diplom-Psychologin, außerdem ein Informationswochenende im Wendland, bei dem erfahrene Pflegefamilien von ihren Erfahrungen berichten, und ein Vorbereitungsseminar.

? Manchmal haben Pflegeeltern mit dem Vorurteil zu kämpfen, dass sie nur deshalb ein Kind aufnähmen, um damit Geld zu verdienen. Was sagen Sie dazu?

!Pflegeeltern erhalten vom Jugendamt eine Unterstützung. Das ist richtig. Aber Reichtümer verdienen sie sicher nicht. Derzeit erhält man für die Versorgung von Kindern bis sechs Jahren 727 Euro im Monat, zwischen sechs und zwölf Jahren 805 Euro und zwischen zwölf und 18 Jahren 891 Euro. Davon müssen sämtliche materielle Aufwendungen für das Pflegekind bestritten werden. Die Jugendämter halten außerdem ein Auge darauf, dass die Pflegefamilien ihre Verantwortung ernst nehmen.

?Wird der Bedarf an solchen engagierten Familien irgendwann rückläufig sein?

!Ich fürchte nicht. Es ist heute viel komplizierter, Eltern zu sein, als noch vor 30, 40 Jahren. Manch einer ist damit einfach überfordert. Zudem gibt es genügend Möglichkeiten, sich ablenken zu können, sich nicht auf das Kind konzentrieren zu müssen. Daraus resultieren dann die Fälle von Vernachlässigungen oder – im schlimmsten Fall – auch von Misshandlungen.
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