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„Ein letzter Hauch von Kreuzberg“

Hinterhofidylle in der Kalandstraße: Noch klimmt wilder Wein an den Rückfassaden der 1923 gebauten Häuser empor. T.A.
 
Die Häuser 6-9 in der Kalandstraße wurden 1923 erbaut, jetzt sollen sie modernisiert werden. Die verbliebenen Bewohner sorgen sich wegen der zu erwartenden Mieterhöhungen. Fotos: privat
 
Mit Worten schwer zu beschreiben: In der Kalandstraße hat sich eine Hausgemeinschaft mit besonderen zwischenmenschlichen Qualitäten entwickelt. Die „Soziale Stadt“ ist hier gelebte Realität.

Die Häuser 6-9 in der Kalandstraße sollen saniert werden – Bisherige Bewohner haben Sorge wegen steigender Mieten.

Von Marion Korth, 11.07.2015.

Braunschweig. Die Hausbesichtigung beginnt im Wohnzimmer. „Einfach durch die Haustür durch und dann hinten in den Hof“, hatte Matthias Witte den Weg dorthin beschrieben. Tatsächlich, im Sommer ist der Hof das Wohnzimmer. Und das Esszimmer mit Grill. Und das Fernsehzimmer mit Sesseln, Beamer und Projektionswand. „Hier wohnen viele Fußballspieler …“

Auch an diesem Abend sind die Hausbewohner auf dem Hof zusammengekommen. Doch die Schar wird immer kleiner. 36 Wohnungen, zwölf Mietparteien, hinter den meisten Fenstern herrscht schwarze Leere. Krisenstimmung in der Kalandstraße, die Tage dieser ganz besonderen Haus- und Hofgemeinschaft sind gezählt. „Ein letzter Hauch von Kreuzberg in Braunschweig“, sagen die Menschen, die hier leben. Und: „Hier wohnen die Künstler, die bei Festen zeigen, wie lebendig die Stadt ist.“
Künstler und Lebenskünstler, die jeden Tag beweisen, dass man zum Glücklichsein keine Zentralheizung und auch keine hartschaumstoffisolierte Hauswand braucht. Der wilde Wein vor rotem Backstein sieht viel schöner aus.
Jeder hat sich auf seine Art eingerichtet – mit der Duschkabine in der Küche, mit der nachträglich vorgesetzten Scheibe vor den einfachverglasten Fenstern, mit einem Mini-Bad auf nicht einmal 1,5 Quadratmetern, mit einem 100-Watt-Solarpanel an der Hauswand, mit einem topmodernen Pelletofen. „92 Prozent Wirkungsgrad – mehr geht nicht“, sagt der Besitzer. „Aber die Kamine sollen auch stillgelegt werden.“ Das wäre es dann gewesen mit den Einzelöfen, die im Winter wohlige Wärme verbreiten. Und dann diese andere Wärme von Menschen, die sich so nehmen, wie sie sind. „Hier wohnen Leute, die sind arm, und welche, die ein Einkommen haben, aber das ist wurscht“, sagt Hartmut Jolie. Zusammenhalt ja, Gruppenzwang nein. Wer lieber allein sein will, bitte.
Reich ist niemand von ihnen, jedenfalls nicht im materiellen Sinn. Aber 3,30 Euro Kaltmiete, das ist drin. „Ich möchte nicht zum Amt gehen“, sagt eine Bewohnerin. Bisher muss sie nicht „aufstocken“.
Noch ein paar Wochen Schonfrist, dann beginnt die Komplettsanierung: neue Fenster, fest installierte eigene Bäder, Fernwärme, Fassadendämmung und, und, und. An größere Erneuerungen in den vergangenen Jahrzehnten kann sich hier niemand erinnern. „Ach doch, die Bleileitungen wurden ausgetauscht.“ Nun soll mit einem Schlag alles schöner und besser werden. „Zentralheizung mit Fernwärme ist ja auch nicht verkehrt“, sagt Matthias Witte. Aber Fernwärme ist auch teuer, so werde die Energieeinsparung durch neue Fenster gleich wieder aufgefressen. Teurer wird es in jedem Fall: mindestens 5,20 Euro je Quadratmeter Wohnfläche, nach drei Jahren dann 5,70 Euro. Im Hof herrscht Einigkeit: Damit wäre die Schmerzgrenze erreicht, wenn nicht überschritten. Ein paar Zugeständnisse haben die Bewohner erreicht: Wenn alle sich einig sind, werden nicht alle vier Häuser Balkone bekommen, auch beim Zuschnitt der Wohnungen sollen die „Altmieter“ mitreden dürfen.
Das ändert aber nichts am Grundproblem: Die Sanierungswelle reißt die Geringverdiener mit sich. „Jeder Magerrasen wird geschont, aber nicht dieses Soziotop“, sagt Matthias Witte. Die Häuser in der Kalandstraße liegen im Projektbereich der „Sozialen Stadt“. Und damit ist ein Fünkchen Hoffnung (Artikel unten) verbunden …
Die Häuser nebenan sind schon schick saniert. Die Rasenfläche grün und leer, kein Tisch, kein Grill. Dort sitzt man abends nicht beisammen. Das kommt den Leuten aus der Kalandstraße 6-9 komisch vor. Dann lieber umgekehrt. Neulich hat Matthias Witte zwei kleine Jungs aus der Nachbarschaft vor dem Haus miteinander tuscheln hören. „Sie wollten sich die Hippies anschauen“, sagt er und lacht.

Ein Fünkchen Hoffnung …

Der Sanierungsbeirat setzt sich für weitere Verhandlungen ein

Unverhofft hat sich der Sanierungsbeirat, der das Förderprogramm „Soziale Stadt“ begleitet, hinter die Hausgemeinschaft gestellt. Udo Sommerfeld (Die Linke) bekam für seinen Antrag „Gentrifizierung der Kalandstraße verhindern“ die Zustimmung der Bürgervertreter in dem Gremium als auch die der anderen darin vertretenen Parteien (CDU, SPD und Grüne).
Sommerfeld spricht von einem „starken Signal“. Die Stadtverwaltung wolle nun das Gespräch mit der BBG suchen. Laut Antrag wird angestrebt, dass vor Modernisierungsbeginn „einvernehmliche und auch individuelle Lösungen mit den verbliebenen Bewohnern gefunden werden“ und sichergestellt wird, dass auch nach der Modernisierung die Mieten für die Bewohner noch tragbar sind. Dies wünscht sich der Sanierungsbeirat auch für künftige Mieter: Weiterhin sollen Menschen mit niedrigem und/oder unsicherem Einkommen dort eine Wohnung finden können.
Ein zentrales Ziel der „Sozialen Stadt“ sei es, die Wohn- und Lebensbedingungen im Stadtteil zu verbessern und die Bewohner bei allen Projekten zu beteiligen. Dies setze aber voraus, dass die bisherige Bewohnerschaft überhaupt in ihren Wohnungen bleiben kann.
Als „Gegenleistung“ – schließlich gehen durch solche Forderungen Mieteinnahmen verloren – wird die Verwaltung gebeten, ein Konzept zu entwickeln, wie die Modernisierung der Häuser Kalandstraße 6-9 mit Städtebaufördermitteln unterstützt werden kann, so wie es beispielsweise in der Jahnstraße für drei Häuser geschehen ist. Bislang hat die Braunschweiger Baugenossenschaft, die Eigentümerin der Häuser in der Kalandstraße ist, keine Fördermittel beantragt.

GENTRIFIZIERUNG

Laut Wikipedia hat die britische Soziologin Ruth Glass den Begriff der Gentrifizierung in den 1960er-Jahren geprägt. Sie untersuchte damals die Veränderungen im Londoner Arbeiter-Stadtteil Islington, in den seinerzeit immer mehr Mittelschichtfamilien zogen.
Schon gibt es auch kritische Stimmen: Der Begriff der Gentrifizierung würde zu inflationär benutzt. Doch der Strukturwandel beschäftigt mittlerweile viele Großstädte, in denen die Nachfrage nach Wohnraum kaum noch zu decken ist, und der Druck auch auf bislang vernachlässigte Wohnquartiere wächst. Die Meldung, dass Braunschweig laut einer Rangliste zu den attraktivsten deutschen Städten für Immobilienanleger zählt, ist noch nicht alt. Mehr sozialer Wohnungsbau oder auch die Nutzung kommunaler Vorkaufsrechte werden als Möglichkeit gesehen, um die Veränderungsprozesse abzufedern.

KOMMENTAR

Städtische Vielfalt hat viele Gesichter

Schuntersiedlung, Holzmoor, jetzt die Kalandstraße: Es gibt spezielle Orte, die einen mit menschlicher Wärme empfangen, wo es keiner Städteplanung mit Begegnungsfläche und Bänken unter der neu gepflanzten Linde bedarf, wo Nachbarschaft funktioniert und sich von selbst regelt, wo sonst Ämter und Beratungsstellen tätig werden müssen.
Die Schuntersiedlung ist mittlerweile weitgehend saniert, das Holzmoor wird geräumt, nun ist die Kalandstraße dran. Für neue Fenster ist es wirklich Zeit, das bestreiten auch die Bewohner nicht. Aber es ist ein hoher Preis, den sie dafür zahlen werden, trotz geminderter Übergangsmieten. Die Braunschweiger Baugenossenschaft ist um einen Interessenausgleich bemüht, aber es wäre schön, wenn noch mehr möglich wäre.
Da ist vor allem die Stadt gefragt, um auch einmal ein Experiment zu wagen: Wo entsteht ein „St. Leonhards Garten“ – also ein Vorzeigeprojekt – für alternative Wohnformen, wo dürfen Mietervereine in Eigenregie öffentliches Wohneigentum mitgestalten, wo ist der Platz für eine Wagenburg oder „Micro Homes“; kurzum, wo ist nicht alles normiert und glatt gebügelt? Der deutsche Durchschnittsmensch „Thomas Müller“ ist bestimmt lieb und nett, aber städtische Vielfalt hat mehr Gesichter.

Marion Korth
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