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„Eigentlich kommt das Buch viele Jahre zu spät“

Daniel Weßelhöft arbeitet nach dem Buch über die Opfer nationalsozialistischer Verfolgung an der Hochschule an einem Werk über die Täter.

Von Jens Radulovic, 23.01.11

Braunschweig. „Das Buch über Opfer nationalsozialistischer Verfolgung an der Technischen Hochschule ist das ‚Kind‘ von Michael Wettern“, sagt Co-Autor Daniel Weßelhöft. Aber er hat das dunkle Kapitel in der Braunschweiger Hochschulgeschichte längst für sich entdeckt. Im Sommer erscheint ein Nachfolge-Band von ihm – darin wird es um die Täter gehen.

Wettern, Professor am Institut für Pflanzenbiologie, habe, nachdem er eher zufällig im Universitätsarchiv auf Unrechtsakte in der NS-Zeit stieß, in jahrelanger privater Recherchearbeit die Biografien von Professoren, Arbeitern und wissenschaftlichen Mitarbeitern zusammengetragen, die Opfer nationalsozialistischer Verfolgung wurden.
Mitte 2007 stieß Weßelhöft zu dem von Dr. Hans-Ulrich Ludewig wissenschaftlich begleiteten Buch-Projekt „Opfer nationalsozialistischer Verfolgung an der Technischen Hochschule Braunschweig 1930 bis 1945“. „Michael Wettern stellte dem Präsidium das Projekt vor, woraufhin eine Projektstelle für einen wissenschaftlichen Mitarbeiter ausgeschrieben wurde“, erzählt der 38-Jährige. Weßelhöft, der in Braunschweig bis 2003 Geschichte mit dem Schwerpunkt Regionalgeschichte studiert hatte, erhielt den Zuschlag.
Nach dem Studium wollte sich der Historiker erst einmal nicht mehr mit der Zeit des Nationalsozialismus beschäftigen, fand, andere Zeitepochen und Fragestellungen seien schließlich auch spannend. Er machte sich selbstständig und bietet seither „historische Dienstleistungen und Webdesign“ an. „Das richtet sich zum Beispiel an Unternehmen, die ihre Firmengeschichte präsentieren wollen.“
Als er das Angebot bekam, die Aufarbeitung nationalsozialistischen Unrechts an der damaligen Technischen Hochschule (TH), der heutigen TU, wissenschaftlich zu begleiten, sagte er trotzdem sofort zu.
„Der regionale Charakter des Themas hat mich interessiert. Viele Gebäude, in denen die Menschen gearbeitet haben, stehen noch, ihre Namen sind vielen noch ein Begriff.“ Wie zum Beweis posiert der Jung-Historiker für das Foto auf der Treppe des Altgebäudes der Universität. Derselben Treppe, die das Cover des Buches ziert. Das zeigt eine Kundgebung zum 1. Mai 1933, auf der sich die TH nach Worten des Rektors Paul Horrmann „vorbehaltlos hinter die Regierung der nationalen Erhebung“ stellte.
Das Buch listet 51 Opfer-Kurzbiografien auf, denen ein historischer Abriss der Vorgänge an der TH vorangestellt ist. „Diese Arbeit, da pflichte ich dem amtierenden TU-Direktor Jürgen Hesselbach bei, kommt eigentlich viele Jahre zu spät.“
Das Buch sei nicht nur als Gedenken an die Opfer für das Selbstverständnis der heutigen TU wichtig, sondern auch aus Historikersicht. „Braunschweig ist ein besonderer Fall, weil hier die Nationalsozialisten bereits 1930 mit an die Regierung kamen. Insbesondere unter Dietrich Klagges, ab 1931 Volksbildungsminister, nahmen sie Einfluss auf die Hochschulpolitik.“
Die politische Vorgeschichte in Braunschweig führte zu einigen Auffälligkeiten. Zum einen war der Anteil des an der TH entlassenen Lehrpersonals, insgesamt 35 Prozent der Lehrenden, weit über dem reichsweiten Durchschnitt, zum anderen gab es einen weit überdurchschnittlich hohen Anteil an aus politischen Gründen entlassenen Hochschulangehörigen (64 Prozent).
„Das liegt daran, dass die SPD während ihrer Regierungszeit viele SPD-nahe Professoren berufen hatte, insbesondere in der Abteilung Kulturwissenschaften für die Lehrerausbildung.“ An deren fachlicher Qualifikation sei allerdings nicht zu zweifeln – im Gegensatz zu vielen, die unter den Nationalsozialisten nachrückten.
Klagges habe den Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund in seinem Kampf gegen Rektor und Senat unterstützt und so 1931 den so genannten Braunschweiger Hochschulkonflikt provoziert, in dem die TH um ihre Unabhängigkeit kämpfte.
Durch diesen Konflikt seien auch viele konservative Hochschulangehörige in direkte Gegnerschaft zu Klagges geraten. Wegen ihres Kampfes für die Hochschulautonomie wurden so beispielsweise auch drei nationalkonservative Professoren von der TH vertrieben. 70 Prozent der Opfer waren bereits bis 1933 von der Hochschule entfernt worden.
In seiner kommenden Publikation über die Täter an der TH sei „Selbstgleichschaltung“, ein zentrales Stichwort, „vieles geschah nicht von oben erzwungen, sondern ganz viel ging von den Leuten selber aus“.
Er gibt ein Beispiel: „Als der demokratisch gewählte Rektor Georg Gustav Gassner nach der Machtergreifung der Nazis 1933 zurücktrat, formulierte der Senat der TH eine Solidaritäts-Note, gerichtet an den neuen nationalsozialistischen Rektor Paul Horrmann. Noch bevor das Schreiben Horrmann erreichte, distanzierten sich die Professoren nacheinander von dieser Stellungnahme. Am Ende blieben nur drei von etwa 20 Professoren standhaft.“
Das Thema wird ihn auch in Zukunft nicht loslassen. „Ich plane, über die Hochschule in der Nachkriegszeit zu promovieren.“ Bei dem Forschungsprojekt soll thematisiert werden, wie mit den Opfern und Tätern im Nachkriegsdeutschland umgegangen wurde.
Am Sinn der eingehenden Beschäftigung mit den Folgen des NS-Unrechts hat er keine Zweifel und verweist auf den geplanten Aufmarsch von Rechtsextremen in Braunschweig am 4. Juni: „Das solche Leute immer noch marschieren, zeigt, wie wichtig die Aufklärung über historische Tatsachen bleibt.“
Und Weßelhöft lässt seinen Worten Taten folgen: Am 24. Februar hält er um 19 Uhr am Institut für Braunschweigische Regionalgeschichte in der Reihe zum Themenbereich Faschismus und Nationalsozialismus in Deutschland einen Vortrag zum Thema „Vom Hochschulkonflikt zur Selbstgleichschaltung - die Machtübernahme der Nationalsozialisten an der Technischen Hochschule Braunschweig“.
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