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Dringende Mahnung

Nach der Demonstration vom „Bündnis gegen Rechts“ sprach Dompredigern Cornelia Götz zu den Menschen. Foto: T.A.
Dompredigerin Cornelia Götz nach der Demo. Von Ingeborg Obi-Preuß, 11.11.2015. Braunschweig. „Ich bin gebeten worden zu läuten, wenn „Bragida“ heute vor dem Rathaus demonstriert. Das werde ich nicht tun: Unsere Glocken rufen zum Gebet. Sie bringen nicht andere zum Schweigen. Egal wen. Zum Friedensgebet – auch unter Geläut – sind wir aber jederzeit bereit“, begrüßte Dompredigerin Cornelia Götz die Demonstrationsteilnehmer. Bereits um 17 Uhr hatte sie ihre öffentliche Andacht zum 9. November gehalten, um
19 Uhr wiederholte sie ihre Worte.
Auszüge: „Der neunte November ist ein merkwürdig beladener Tag in der deutschen Geschichte (...) Mein Gedenken heute gilt der schrecklichen Nacht im Jahr 1938. Mit ihr verbinden sich nicht nur Schmerz, Scham und Schuld, sondern im Jahr 2015 auch eine dringende Mahnung (...) Man muss es doch gehört haben, wie die Fensterscheiben der Geschäfte zersplitterten! Man muss es doch gerochen haben, wie die Synagogen brannten! Das passierte doch nicht irgendwo draußen vor der Stadt – sondern hier, mittendrin! (...)
Und haben wir das alles längst vergessen? Glauben wir, dass Deutschland ein so anderes Land geworden ist, dass nie wieder Gefahr besteht, dass Menschen sich hier so etwas antun? Warum erreichen die jüdische Gemeinde dann so schreckliche antisemitische Briefe? Warum brennen Flüchtlingsheime? Warum brüllen sich wieder deutsche Bürger heiser mit Hassparolen, die sich gegen Menschen richten, die ihnen nichts getan haben? Warum haben wir wieder Angst und stehen nicht auf? (...) Biblische Erinnerung lehrt uns, dass Vergangenheit nicht zuerst etwas ist, das nicht mehr zu ändern ist, sondern dass sie ins Gedächtnis genommen werden muss, um sie nicht zu wiederholen und endlich Gottes Wege des Friedens zu gehen.“

Hier die ganze Predigt:

Der neunte November ist ein merkwürdig beladener Tag in der deutschen Geschichte. Novemberrevolution, Reichspogromnacht, Mauerfall. Kyrie und Gloria. Mein Gedenken an diesem Tag heute gilt der schrecklichen Nacht im Jahr 1938. Mit ihr verbinden sich nicht nur Schmerz, Scham und Schuld, sondern im Jahr 2015 auch eine dringende Mahnung.
Das kollektive Gedächtnis hat die verstörenden Bilder jener Gewaltorgie mit einem sprachlichen Spagat versehen. Redete man zunächst von der „Kristallnacht“, so sprach man später, um Nazisprache zu vermeiden, von „Pogrom“ und nahm damit in Kauf, dem gesteuerten und geplanten Exzess den Anschein eines plötzlichen antisemitischen Aufruhrs zu geben. Aber Sprache folgt ihren eigenen Gesetzen und so gehört es zu den Unerbittlichkeiten unserer Geschichte und ist zugleich eine Chance wider das Vergessen, dass sich neben Wörtern wie „Kindergarten“ und „Rucksack“ auch die „Kristallnacht“ im angelsächsischen Sprachraum eingebürgert hat.
Richard v. Weizsäcker sagte am 8. Mai 1985 im Bundestag: „Erinnern heißt, eines Geschehens so ehrlich und rein zu gedenken, dass es zu einem Teil des eigenen Innern wird. Das stellt große Anforderungen an unsere Wahrhaftigkeit.“
Und heißt das nicht, sich bewusst zu machen, dass kein judenfeindlicher Akt der Nationalsozialisten von einer so breiten Menge der Menschen unmittelbar erlebt worden ist?
Man muss es doch gehört haben, wie die Fensterscheiben der Geschäfte zersplitterten! Man muss es doch gerochen haben, wie die Synagogen brannten! Das passierte doch nicht irgendwo draußen vor der Stadt – sondern hier, mittendrin!
Wir gehen noch immer dieselben Straßen entlang, auf denen damals gejohlt, und geschrien wurde, wir kaufen noch immer in Geschäften ein, die damals von jüdischen Mitbürgern geführt wurden. Wir leben in der Stadt, in der sich Deutsche, wie wir, besonders eifrig darum kümmerten, möglichst schnell „judenfrei“ zu sein.
Vielleicht hätte also auch ich aus meinen Fenster sehen können, was passiert? Was hätte ich dann gemacht? Hätte ich mich getraut, hinauszugehen, einzuschreiten? Wahrscheinlich nicht.
Und haben wir das alles längst vergessen? Glauben wir, dass Deutschland ein so anderes Land geworden ist, dass nie wieder Gefahr besteht, dass Menschen sich hier so etwas antun? Warum erreichen die jüdische Gemeinde dann so schreckliche antisemitische Briefe? Warum brennen Flüchtlingsheime? Warum brüllen sich wieder deutsche Bürger heiser mit Hassparolen, die sich gegen Menschen richten, die ihnen nichts getan haben? Warum haben wir wieder Angst und stehen nicht auf?

Wenn wir hier heute Abend im Braunschweiger Dom zusammenkommen, um an die Reichskristallnacht zu erinnern, dann tun wir das auch, weil die Bibel Gottes Auftrag sich zu erinnern, festgeschrieben hat. Gott hat mit uns einen Bund geschlossen, einen Gedächtnisvertrag, der sein Symbol nicht nur im Regenbogen hat, der Gott und uns gemahnt, sich nicht noch einmal zu vergessen. Auch das Abendmahl feiern wir „zu seinem Gedächtnis“ und zur Vergebung unserer Schuld. Biblische Erinnerung lehrt uns, dass Vergangenheit nicht zuerst etwas ist, das nicht mehr zu ändern ist, sondern dass sie ins Gedächtnis genommen werden muss, um sie nicht zu wiederholen und endlich Gottes Wege des Friedens zu gehen.
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