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Diskussion: Wo fährt die Bahn?

Stadtbaurat Heinz-Georg Leuer. Foto: Stadt Braunschweig
 
Architekt Professor Walter Ackers. Foto: Frank Bierstedt/oh

Stadtbahnausbaukonzept: Infos am 16. Januar.

Von Ingeborg Obi-Preuß, 04.01.2017.

Braunschweig. Stadtbahnausbau im Kreuzfeuer: Zu teuer, zu aufwendig, nicht zukunftsorientiert – das sagen die Gegner und setzen auf moderne Busse. Viel ruhiger, viel sicherer, viel beliebter – so argumentieren die Befürworter der Bahn.

Wie auch immer, die Verkehrsforscher um Professor Wermuth haben in einem Bericht dargelegt, dass der Stadtbahnausbau in Braunschweig grundsätzlich wirtschaftlich ist. Dazu haben sie Empfehlungen abgegeben, auf welchen Trassen Straßenbahnen zusätzlich fahren können oder sollen. Ein wesentlicher Knackpunkt ist die westliche Innenstadtstrecke. Theoretisch gibt es hier zwei Möglichkeiten: durch die Güldenstraße oder durch die Gördelingerstraße. Praktisch gibt es darüber jetzt schon Streit.

Einladung: Vor- und Nachteile offen diskutieren

Der Ausbau der Stadtbahn ist ein heißes Eisen. Am 16. Januar (Montag) lädt die Verwaltung alle Bürger in die Stadthalle ein, um mögliche Ausbauvarianten zu diskutieren. „Wir starten mit unserem großen Informationsabend um 18 Uhr“, sagt Stadtbaurat Heinz-Georg Leuer, „ich hoffe auf hohe Beteiligung“.

Das von der Stadt beauftragte Büro WVI hatte in einem Werkstattbericht festgestellt, dass der Stadtbahnausbau in Braunschweig grundsätzlich wirtschaftlich sei. Und es wurden auch Empfehlungen für Korridore gegeben, die genauer untersucht werden sollen: Campusbahn, die Strecke nach Volkmarode, die nach Rautheim, die Salzdahlumer Straße, nach Lehndorf und die westliche Innenstadtstrecke in beide Richtungen.

„Schon 2014 hatten wir das Thema bei einem öffentlichen Informationsabend diskutiert“, sagt Leuer. Nach einem standardisierten vom Land entwickelten Programm ist der Untersuchungsstand jetzt weit fortgeschritten. „Vor einem möglichen Baubeginn muss nun für jede Strecke bewiesen werden, dass der Nutzen größer ist als die Höhe der Kosten“, erklärt der Stadtbaurat. Betriebskosten, Investitionskosten, Fahrgastpotenziale, Emissionen, Auswirkungen auf den Busverkehr, Einsparungen und viele Faktoren mehr fließen in diese Berechnungen ein.

Umstritten ist das Thema vor allem bei der Führung der „westlichen Innenstadtstrecke.“ Zwei Streckenverläufe sind theoretisch möglich – durch die Güldenstraße oder durch die Gördelingerstraße. Gerade beim Thema Gördelingerstraße regt sich bereits im Vorfeld viel Widerstand (siehe auch Artikel mit Walter Ackers).

„Ich habe zugesagt, dass wir uns beide Varianten gleichwertig anschauen“, versichert Leuer, „und das ist auch erfolgt. Wir werden es in der Veranstaltung im Januar vorstellen“.

Die Gördelinger habe den Vorteil, dass die Bahn die Menschen sehr dicht an ihre Ziele bringen könne; die Angst der Anlieger vor der Bauzeit sei aber ernst zu nehmen.

„In die Güldenstraße lässt sich die Stadtbahn gestalterisch leichter integrieren, besondere Herausforderungen ergeben sich aber in der Verkehrsabwicklung“, erläutert Leuer. Noch sei jedenfalls alles offen, beim Informationsabend werden alle Vor- und Nachteile offen diskutiert werden, verspricht der Stadtbaurat.
Im Februar soll der Rat einen Beschluss über das weitere Vorgehen fassen. Und auch eine Priorisierung ist nötig, welche Strecke zuerst begonnen wird. Für den Fall, dass die Entscheidung für einen der vorgeschlagenen Korridore fällt, würde ein Planfeststellungsverfahren beantragt werden, die Fördermittel von Bund und Land müssten eingeworben werden („rund 75 Prozent der zuwendungsfähigen Kosten werden erwartet“, erklärt Leuer). „Insgesamt reden wir von einer Bauzeit von 10 bis 15 Jahren“, macht er die Dimension deutlich.

„Bestimmte Straßen sind für die Stadtbahn tabu“

„Brabandtstraße, Altstadtmarkt und Gördelingerstraße müssen tabu sein“, sagt Stadtplaner Professor Walter Ackers. Der Braunschweiger Architekt kämpft für diesen Straßenzug: „Es gibt einen inneren Cityring, zu dem auch die Gördelingerstraße gehört; ursprünglich gedacht für Anlieferung und Anlieger, müsste er heute vor allem auch den Radverkehr übernehmen“, erklärt Ackers, „während der äußere Tangentenring vorrangig dem motorisierten Verkehr dient“.

Die Stadt habe aus ihrer Geschichte heraus eine faszinierende Grundstruktur, betont der Architekt, die es zu verteidigen gelte. „Wir haben traditionell in Braunschweig eine starke Dominanz bei den technischen Verkehrsformen“, bemängelt Ackers, hingegen sollten heute deutlicher die Fußgänger in die sprichwörtliche Mitte genommen werden.

Nicht nur bei den Zufahrtsstraßen wie Wolfenbüttler oder Cellerstraße würden die Proportionen nicht stimmen, „die Bürgersteige wurden minimiert, die Menschen buchstäblich an den Rand gedrängt“.
Dies sei zugunsten der Anwohner zu verbessern und vor allem bei neuen Planungen anders auszubilden. „Wir müssen in der Gestaltung unserer Stadträume stärker die Nähe fördern.“ Aber Ackers will den Autoverkehr auf keinen Fall aus der Stadt verdrängen: „Verkehr ist etwas Positives, wenn er gut integriert ist.“

Sein Büro hatte auch die Verträglichkeitsuntersuchung beim Bau der Schloss-Arkaden durchgeführt. „Anfangs dachte ich, ich muss das Einkaufszentrum verhindern, aber im Laufe der Arbeit kam ich zu der Überzeugung, die Schloss-Arkaden müssen nach Braunschweig, es wird die Stadt insgesamt stärken“, blickt Ackers zurück. Seine Planung für den Schlossvorplatz verbinde die Innenstadt mit dem Einkaufszentrum. „Der Fußgänger steht mehr im Mittelpunkt“, macht er deutlich. Auch im Fall der Gördelingerstraße empfiehlt er dringend eine Stärkung der sozialen Qualität. „Ich würde beidseitig eine Baumzeile für diese Straße vorschlagen mit breiten Bürgersteigen, Radwegen und Anlieferzonen“, erklärt Ackers. Die heutigen Fußwege sind viel zu schmal angelegt. Jetzt dazu noch eine Straßenbahntrasse wäre „ein fataler Fehler, der das Quartier mit seiner eigenen Mischung inhabergeführter Geschäfte, Gaststätten, Gewerbe, Wohnen und Kultur schädigen würde. Ein funktionierendes Viertel zwischen Bankplatz und Gördelingerstraße würde durchschnitten, die „Traditionsinsel“ Altstadtmarkt mit Gewandhaus beeinträchtigt.

„Gegenüber funktionalen Anforderungen spielen Fragen der Raumqualität leider bei vielen Planungen und politischen Entscheidungen nur eine untergeordnete Bedeutung“, bedauert der Stadtplaner.
Diese Sorge bewegt ihn besonders in der Frage des Stadtbahnausbaus, der hier bereits in den 90er Jahren Thema war.

Wenn also eine Entscheidung für die westliche Innenstadt fallen sollte, dann dürfte eine neue Stadtbahntrasse nur durch die Güldenstraße geführt werden. „Mit klug geplanten Haltestellen würden wichtige Laufwege in die Innenstadt ausgebildet und damit das ganze Altstadtviertel belebt und aufgewertet“, ist sich Walter Ackers sicher.
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5 Kommentare
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Bernd Kowalewski aus Wolfsburg - Stadtmitte | 03.01.2017 | 18:37  
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Burckhard Dr.Scheffer aus Cremlingen | 07.01.2017 | 15:16  
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Bernd Kowalewski aus Wolfsburg - Stadtmitte | 07.01.2017 | 19:12  
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Burckhard Dr.Scheffer aus Cremlingen | 08.01.2017 | 08:52  
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Burckhard Dr.Scheffer aus Cremlingen | 08.01.2017 | 18:22  
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