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Diskussion über Roselies: „Das Massaker ist eine Fiktion“

Die Sitznachbarn Dietrich Kuessner (l.) und Michael Gandt trennten inhaltlich Welten. Foto: T.A.

„Schlag auf Schlag“: Bei der BZ-Veranstaltung im Pressehaus kochten die Emotionen hoch.

Von Christoph Matthies, 15.11.2014.

Braunschweig. Die mutmaßlichen Weltkriegsverbrechen im belgischen Dorf Roselies und die Folgen für die Erinnerungskultur halten die Stadt schon seit einiger Zeit in Atem. In ihrer Reihe „Schlag auf Schlag“ lud die Braunschweiger Zeitung am Donnerstagabend zu einer Diskussionsrunde.

Die Verärgerung einiger der über 80 Besucher des neuen Pressehauses (Hintern Brüdern) über zu wenige bereitgestellte Stühle war beileibe nicht die einzige laute Gefühlsregung an diesem Abend. Wenn die Premiere an neuer Wirkungsstätte organisatorisch auch noch nicht ganz rundlief – inhaltlich ging es direkt zur Sache.

„Sie sind das Letzte!“, bekam Peter Rosenbaum von einem ehemaligen Soldaten zugeraunt, als dieser aus Protest wütend den Vortragsraum verließ. Kurz zuvor hatte Rosenbaum, Chef der Bibs im Rat, mitgeteilt, dass die Stadt die Kranzniederlegung an den „Ehrensteinen“ der Traditionsverbände am Volkstrauertag abgesagt hatte – gewiss auch wegen der Kritik der Bibs-Fraktion.
Bereits vor diesem Vorfall war klargeworden, dass die Themen Krieg, Verbrechen, Schuld und Gedenken noch immer Emotionen hochkochen lassen – selbst 100 Jahre nach den Ereignissen im belgischen Dorf Roselies, wo das Braunschweiger Infanterieregiment 92 schwere Kriegsverbrechen begangen haben soll.

„Das Massaker von Roselies ist eine Fiktion“, behauptete Michael Gandt, Geschäftsführer der Deutschen Kriegsgräberfürsorge in Braunschweig und einer der beiden Gäste auf dem Podium. Der 44-Jährige verwies auf die Literatur zu den Kriegsereignissen in Belgien, in der das Dorf Roselies als Ort eines Massakers keine Rolle spielt. Die Quellen, auf die sich der zweite Podiumsgast, der Historiker Dietrich Kuessner bezog, Erinnerungen und Tagebücher deutscher Soldaten, teilweise „vom Hörensagen“ niedergeschrieben, seien dagegen „nicht unbedingt die zuverlässigsten.“

Kuessner warf seinerseits Gandt vor, Roselies aus dem Zusammenhang zu reißen. Dass es überall Kriegsverbrechen gegeben habe, nur ausgerechnet in Roselies nicht, sei trotz der wenigen Quellen kaum glaubwürdig. Auf das Problem der schwierigen Quellen- und Erkenntnislage hatte auch Moderator Henning Noske, der manchmal etwas lehrerhaft, aber doch sehr geschickt auf dem Grat zwischen Proseminar und Bürgerfragestunde balancierte, schon zu Beginn hingewiesen.

So entspann sich eine zweistündige leidenschaftliche, teils „großartige Debatte“ (Museumsdirektorin Heike Pöppelmann) über Geschichte und Gedenken. Wer da früher den Vortragsraum verließ, war selber schuld.



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Peter Rosenbaum aus Braunschweig - Innenstadt | 16.11.2014 | 14:36  
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