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„Die Texte sind extrem, die gehen gar nicht“

Universum zeigte die Dokumentation „Blut muss fließen – Undercover unter Nazis“ – Schüler diskutierten mit Autor Peter Ohlendorf.

Von Martina Jurk, 24.06.2012.


Braunschweig. Extrem, schockierend, krass – so lauteten die Meinungen der Schüler, die im Universum die Dokumentation „Blut muss fließen – Undercover unter Nazis“ gesehen haben. Es geht um Rechtsrockkonzerte.

Das Thema ist brandaktuell und hat lokalen Bezug. Am 9. Juni veranstaltete die „Aktionsgruppe 38“ ein ebensolches Konzert in einer Kleingartenanlage in der Weststadt. Es war nicht die erste Veranstaltung dieser Art in Braunschweig.
Mit versteckter Kamera hat der Journalist Thomas Kuban zehn Jahre lang unter hohem Risiko dokumentiert, was sich in der rechten Szene abspielt, ist immer tiefer eingetaucht, hat die Spur der Rockkonzerte verfolgt. Peter Ohlendorf wiederum hat einen Film über Kuban gemacht und über das, was er schonungslos offenlegt.
Er unternimmt den Versuch zu erklären, was Menschen in die rechtsextreme Ecke treibt. Er zeigt Beispiele, wie andere Menschen dem entgegentreten. Er lässt an Politikern kein gutes Haar, die Rechtsextremismus nicht als Gefahr einordnen. Und er reist durch ganz Europa: Schweiz, Österreich, Ungarn, Italien. Bis nach Rom fährt er und berichtet über den Bürgermeister, der wegen rechtsextremistischer Umtriebe im Gefängnis gesessen hat, der öffentlich einem Märtyrer der Szene huldigt.
Bei den Rockkonzerten, die illegal veranstaltet werden, geht es zur Sache. Eine U-Bahn „von Jerusalem nach Auschwitz“ zu bauen, den Berliner Stadtbezirk Kreuzberg dem Erdboden gleichzumachen, Hitler herniedersteigen zu lassen, um Deutschland wieder zu führen – davon handeln die Liedtexte. Die Musik ist laut, Rock und Metal von der härtesten Gangart. Und immer „Sieg heil!“-Rufe dazwischen.
Das Fascho-Outfit – Bomberjacke, Springerstiefel, Caps mit der Aufschrift 88 (steht für „Heil Hitler“, das H ist der achte Buchstabe im Alphabet) – und das musikalische Equipment gibt‘s über den Versandhandel im Internet.
Das Universum-Team hat den Film auf der Berlinale im Februar dieses Jahres entdeckt. 250 Besucher sahen ihn am Mittwochabend, 140 Schüler am Donnerstagvormittag. Wie gebannt verfolgten sie das Geschehen auf der Leinwand. Als am Ende Regisseur Peter Ohlendorf für Fragen zur Verfügung stand, herrschte erst mal Stille. Man brauchte einen Moment Zeit, um das Gesehene zu verarbeiten, und es wird lange nachwirken. Ohlendorf brach das Schweigen und fragte die Schüler, wer von ihnen denn schon Berührung mit der rechten Rockmusik hatte. Zögern. Dann vier bis fünf Hände, die hochgingen. Die Gruppe Lanzer, eine der bekanntesten der Szene, hätten sie schon gehört – bei Freunden, in der Sportmannschaft. „Die Texte sind extrem, die gehen gar nicht“, sagte einer der Schüler. Ein anderer erzählte, dass sie das U-Bahn-Lied von Hertha-Fans in Berlin grölen hörten. Andere meinten, dass das Ganze nicht ernsthaft genug thematisiert werde.
Eine Schülerin fühlte sich provoziert, weil der Film keine Antworten darauf geben würde, warum gegen Rechtsextremismus nicht härter vorgegangen werde. „Der Film gibt sehr wohl Antworten“, entgegnete Peter Ohlendorf. „Die Polizei, die in Berlin bei einer Demo einschreitet, das Aktionsbündnis gegen Rechts, das in Kirdorf von mutigen Pensionären initiiert wird, die Diskothekenbetreiberin, die eine Rechtsrockveranstaltung abbricht“, zählte er auf.
Frustrierend sei, dass Politiker und Behörden zum Teil ein Klima förderten, in dem sich Rechtsextremismus entwickeln könne. „Die Botschaft des Films lautet: Null Toleranz, weil sich Rechtsextremismus gegen geltendes Menschenrecht richtet“, so Ohlendorf.
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