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„Die Menschen müssen jetzt im Alltag ankommen“

Die Sozialdezernentin Dr. Andrea Hanke. Archiv: Ammerpohl
 
Im Hungerkamp in Gliesmarode entsteht derzeit ein dezentraler Wohnstandort für Flüchtlinge. Insgesamt sind acht geplant; im Frühjahr sollen die ersten Unterkünfte bezugsfertig sein. Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle hatte die Stadt zusätzlich noch Leichtbauhallen angedacht – die sind mit den sinkenden Asylbewerberzahlen allerdings erst einmal vom Tisch. Foto: Ammerpohl

Erst Unterbringung, jetzt Integration: Die Aufgaben in punkto Flüchtlinge reißen nicht ab – Ein Interview mit der Sozialdezernentin.

Von Birgit Leute, 18.01.2017.

Braunschweig. Die Anspannung ist etwas von ihr abgefallen. Mit der Flüchtlingskrise musste Dr. Andrea Hanke gleich zu Beginn ihrer Amtszeit dicke Bretter bohren. Alles sei noch nicht gelöst, aber man könne inzwischen ruhiger arbeiten, besser planen, ist die Sozialdezernentin froh.

Vor einem Jahr sah das anders aus: Zum ersten Mal musste die Stadt Braunschweig die bislang durch die Landesaufnahmebehörde (LAB) einen Sonderstatus hatte, Flüchtlinge aufnehmen. Anfang 2016 schätzte man die Zahl auf 1000. Fieberhaft suchte die Verwaltung nach Lösungen.
Was wurde erreicht, was steht noch an? Die nB fragte nach:


?Frau Dr. Hanke, wenn Sie die Zeit vor einem Jahr in einem Wort zusammenfassen müssten, welches würde Ihnen da einfallen?


!Herausfordernd. Ganz ehrlich: Ich bin wirklich nicht erst seit gestern im Amt, musste auch früher schon manche Hürde nehmen, aber was wir im vergangenen Jahr zu stemmen hatten, habe ich in dieser Form noch nicht erlebt.

?Hat die Flüchtlingskrise Sie und die Stadt verändert?

!Was mich persönlich betrifft, glaube ich das nicht. Ich war aber beeindruckt, wie schnell die Verwaltung reagiert hat, wie flexibel sie letztlich ist. Und: Wie viel ehrenamtliches Engagement es gibt. Da gab es plötzlich überall Leute, die ohne lange zu überlegen, Hilfe organisierten.

? Aber es gab auch Gegenwind...

!Ja, aber auch dafür habe ich Verständnis. Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle wurde den Menschen vor allem in Kralenriede viel abverlangt. Wenn die Belegung in der LAB plötzlich um das Drei- bis Vierfache steigt, dann verändert das ein Viertel. In dieser Hinsicht hatten wir Glück, als die Zuweisungen nach dem Türkei-Abkommen sanken. Statt den erwarteten 1000 musste die Stadt letztlich nur 437 Asylsuchende aufnehmen. Das hieß für uns: Erst Vollgas, dann Vollbremsung.

?Das kommende Jahr wird also ruhiger?

!Ich weiß es nicht. Niemand kann sagen, was in der Türkei passiert, ob das Abkommen hält oder der Zustrom wieder zunimmt. Sicher ist nur, dass wir jetzt besser vorbereitet sind. Deutschland ist anders aufgestellt, wir sind anders aufgestellt. In den kommenden Wochen werden die dezentralen Wohnstandorte in Gliesmarode, Melverode, der Gartenstadt und Bienrode fertig. Insgesamt werden es acht sein.

?Mit der Unterbringung allein ist es vermutlich nicht getan ...

!Nein, und das ist die Herausforderung, die uns in diesem und in den kommenden Jahre erwartet: Wir müssen die Menschen integrieren. Im März 2016 verabschiedete der Rat ein entsprechendes Konzept. Inzwischen wurden Sprachlernklassen eingerichtet und Gesundheitslotsen ausgebildet. Eine Studie der TU soll helfen, traumatisierte Menschen gut zu integrieren. Die Flüchtlinge werden sozialpädagogisch begleitet und es gibt Angebote für eine berufliche Qualifizierung.

? Und wie klappt es?

!Im Großen und Ganzen gut. Vor allem die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge sind sehr motiviert. Es ist wirklich eine Freude zu sehen, wie engagiert sie die Sprache lernen. Dennoch ist die Zeit zu kurz, um schon ein Urteil abgeben zu können. Die Menschen leben ja immer noch in einer Ausnahmesituation. Sie müssen erst einmal anfangen, im Alltag anzukommen.

?Vor allem die Unternehmen jubelten ja am Anfang. Mit den Flüchtlingen ließe sich endlich der Fachkräftemangel lösen, hieß es. Mittlerweile ist klar: Rund 78 Prozent haben nach einem aktuellen Bericht der Agentur für Arbeit keine Ausbildung, die anerkannt wird. 73 Prozent haben zumindest berufliche Erfahrung. Was sagen Sie dazu?

!Ich weiß nicht, wer da was erwartet hat. Natürlich sind nicht nur Ärzte und Akademiker aus Syrien geflüchtet. Und natürlich müssen die Leute auch erst einmal die Sprache lernen. Was ich aber sehe ist, dass die Betriebe vor allem jungen Flüchtlingen die Chance für Berufspraktika geben.


?Köln, Paris, Berlin, die Meldung der Sonderkommission Zerm, Flüchtlinge hätten Sozialleistungen missbraucht – es ist viel passiert und nicht immer waren es positive Dinge. Hat das die Haltung der Braunschweiger verändert? Kurz: Ist die Hilfsbereitschaft so groß wie zu Beginn?

!Ich kann keinen Unterschied feststellen. Es ist klar, dass es unter den Asylsuchenden auch Menschen mit krimineller Energie gibt, aber die gibt es auch unter Deutschen. Ich denke, die Braunschweiger können hier differenzieren.
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