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„Die haben uns belogen“

Pizza.de hat seinen Firmensitz – noch – im Park Löbbeckes Insel. Foto: Susanne Hübner

Pizza.de verkauft – Mitarbeiter packen aus.

Von Martina Jurk, 08.10.2014.

Braunschweig. Das Braunschweiger Unternehmen Pizza.de ist verkauft worden. Hinter der nüchternen Wirtschaftsnachricht stehen Mitarbeiter, die ihren Job los sind oder werden – 128. Und die sind geschockt.

„Die Mitarbeiter haben aus dem Internet erfahren, dass das Unternehmen an Delivery Hero verkauft wurde“, berichtet ein Betroffener, der sich an die nB wandte, aber nicht genannt werden möchte.

Delivery-Hero-Geschäftsführer Niklas Östberg habe versprochen, dass in Braunschweig keine Entlassungen geplant seien und dass der Standort bestehen bleibe. Sechs Wochen später habe es anders ausgesehen. „Es gibt schlechte Nachrichten“, habe Östberg verkündet.

Der Standort werde in drei Schritten bis August 2015 geschlossen. Die Mitarbeiter hätten mit Fassungslosigkeit, Traurigkeit und Protesten darauf reagiert, wie mit ihnen umgegangen wird. „Die haben uns belogen“, sagt der Betroffene.

Andere betroffene Mitarbeiter, die mit der nB sprechen wollten, haben plötzlich einen Rückzieher gemacht. Sie hätten Redeverbot, hieß es. Bei Nichteinhaltung seien ihnen rechtliche Konsequenzen angedroht worden.

Zu fragen ist, warum die Pizza.de GmbH – Marktführer in Deutschland für Online-Essensbestellungen – ein gut funktionierendes Unternehmen verkauft hat. Jochen Grote gründete es 1997 unter dem Namen Bringdienst.de und benannte es 2007 in Pizza.de um. Die Geschäftsführer Jochen Grote und Sybille Steinbach hätten sich immer sehr um ihre Mitarbeiter bemüht, auch nach dem Verkauf, und das gesamte Team sei wie eine große Familie gewesen, erzählt der anonyme Mitarbeiter. Wie passt das zusammen?

Die Delivery Hero Holding mit Sitz in Berlin, zu der auch die Marke Lieferheld gehört, habe eine Schlammschlacht geführt, um Pizza.de zu erwerben – die einzige Firma der Branche mit schwarzen Zahlen und ohne Investoren, erklärt ein Insider, der Start-up-Unternehmen betreut. Auch Pizza.de ist ein solches Start-up-Unternehmen. Bei diesen seien normalerweise die Mitarbeiter am Unternehmen beteiligt. Bei Pizza.de sei das nicht der Fall gewesen. Dass alle Mitarbeiter „nackt“ auf der Straße stehen, liege auch in der Verantwortung von Jochen Grote.

Die Geschäftsführer seien mit sofortiger Wirkung freigestellt worden, hätten Haus- und Branchenverbot, berichten beide Insider. Andere Mitarbeiter sprächen von „feindlicher Übernahme“. Knapp 50 Mitarbeiter hätten noch am selben Tag ihre Kündigung erhalten, der zweite Schwung dürfe bis Ende Januar bleiben und die Übrigen voraussichtlich bis Ende August.

Im Verdrängungswettbewerb habe Grote dem verlockenden Kaufangebot offensichtlich nicht widerstehen können. Die Rede ist von 290 Millionen Euro.
Für Delivery Hero ist das Braunschweiger Unternehmen, das sich über Jahre ein bundesweites Netz an Lieferanten aufgebaut hat, mehr als lukrativ. Die Delivery Hero Holding ist in 23 Ländern auf fünf Kontinenten aktiv. 75 000 Restaurants können auf ihren Internetplattformen abgerufen werden. „Mit Pizza.de und Lieferheld haben wir nun starke Marken in unserem Heimatmarkt, die unsere Position entscheidend verbessern“, lässt Geschäftsführer Niklas Östberg verlauten. Delivery Hero sei jetzt das einflussreichste Unternehmen der Branche mit einem Marktwert von etwa einer Milliarde Euro, schätzt der Insider aus Braunschweig ein. Pizza.de wird laut Angaben seines Mutterkonzerns eine eigenständige Marke bleiben.

Auf die Frage der nB, warum Delivery Hero entgegen der vorherigen Aussage den Standort Braunschweig nun doch aufgeben will, antwortete Unternehmenssprecher Bodo von Braunmühl: „Wachstumssynergien waren von Anfang an die Treibkraft für die Übernahme von Pizza.de. Wir haben gehofft, diese Synergien mit einer Zwei-Standort-Strategie zu erreichen. Dies hat sich nach genauer Analyse des Geschäftsbetriebes in Braunschweig als nicht durchführbar erwiesen im Sinne einer dauerhaft zukunftsfähigen Marktpositionierung.“ Von Braunmühl bemerkte außerdem: „In unserer Kommunikation haben wir zu keinem Zeitpunkt versichert, dass der Standort erhalten bleibt.“ Doch von eben dieser Standorterhaltung sind möglicherweise Jochen Grote und Sybille Steinbach ausgegangen.

„Ein trauriges Ende für ein wundervolles Unternehmen. Hier zählen nicht mehr der Mensch und seine Fähigkeiten, hier regieren nur noch das Geld und die Macht“, fasst der anonyme Mitarbeiter resigniert zusammen.
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3 Kommentare
74
Patrick W. Müller aus Braunschweig - Innenstadt | 09.10.2014 | 09:21  
6
Thomas Prangs aus Außerhalb der Region | 06.02.2015 | 19:37  
6
Rüdiger von Schulz aus Burgdorf | 11.03.2015 | 10:21  
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