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Dicker Aktenberg zum Berg

Millenium: Staatsanwaltschaft rechnet zum Herbst hin mit Ergebnis

Von Marion Korth

Braunschweig. Das Millenium-Projekt, zur Jahrtausendwende angeschoben, hat zumindestens etwas von einem Jahrhundertwerk. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt wegen des Verdachts auf unerlaubten Umgang mit gefährlichen Abfällen. Bis darüber entschieden ist, liegt das von der Stadt gegen Milleniums-Initiator Werner Lindemann eingeleitete Ordnungswidrigkeitsverfahren erst einmal auf Eis. Darin geht es um den Vorwurf, am Madamenweg viel mehr Material angehäuft zu haben, als genehmigt war.

„Derzeit sind 16 Aktenordner der Stadt auf dem Weg zu uns“, sagt Klaus Ziehe, Sprecher der Staatsanwaltschaft. Die müssen erst einmal durchgeackert, die gesamte Historie aufgearbeitet werden. Mit einem Ergebnis rechnet Ziehe nicht vor Spätsommer, eher wird es sogar Frühherbst werden. Erst dann wird sich herausgestellt haben, ob es überhaupt einen Straftatbestand gibt. Immerhin bestehe der Verdacht, „dass da nicht liegt, was genehmigt war“. Die Frage nach dem/den Schuldigen, sagt Ziehe, dürfte allerdings nicht einfach zu beantworten sein. Da ist der Betreiber der Deponie, aber da sind auch die Firmen, die eventuell angeliefert haben, was sie niemals hätten anliefern dürfen. Milleniums-Initiator Werner Lindemann hält an seinen Plänen für ein Amphitheater fest. „Ja, ich habe dazu immer noch Lust“, sagt er. Aber es gehe nicht um ihn allein. Die Vorwürfe, denen er sich ausgesetzt sieht, lassen ihn nicht kalt: „Mein Familienfrieden ist gestört.“ Die Stadt hat ein Ordnungswidrigkeitsverfahren eingeleitet wegen der Menge des Materials, das über die Jahren am Madamenweg angehäuft worden ist. Am 29. April hatte die Verwaltung mitgeteilt, dass es sich um schätzungsweise rund 400 000 Kubikmeter zu viel handelt (die nB berichtete). Nach oben hin hat der Berg mit einer Höhe von 109 Metern über dem Meeresspiegel zwar noch einen Meter Luft, bis er an die Grenzen der Baugenehmigung stoßen würde, dafür aber ist er insgesamt deutlich massiger geworden, als die ursprünglichen Planungen vorsahen.
Das gibt Lindemann auch unumwunden zu, aber der Berg sei im Wesentlichen im Einverständnis mit den damaligen Verwaltungsmitarbeitern über sich hinausgewachsen. Lindemann verweist auf nachträgliche Anlagen zur Baugenehmigung von 1995 und auf mündliche Absprachen. „Die nördliche Ausdehnung war von der Stadt gewollt. Damals sagte man uns, eine Genehmigung dafür sei nicht erforderlich. Darüber gibt es Schriftstücke und persönliche Aktennotizen von mir und vom Architekten“, sagt Lindemann. Auch in Richtung der Veranstaltungshalle sei der Berg mit Absicht vorgezogen worden. „Der Altlastenexperte wollte das, weil ein dort verlaufender Graben bis über den Rand überdeckelt werden sollte“, erläutert Lindemann anhand der Pläne. Ein Abschnitt sei tatsächlich unbeabsichtigt zu hoch geraten. „Eine Stunde Baggerarbeit“, schätzt Lindemann, um das rückgängig zu machen.
Die Gemengelage auf dem Milleniums-Gelände ist kompliziert: Auf dem Grundstück der ehemaligen Tongrube und Ziegelei Grimme hat erst die Stadt von 1963 bis 1972 eine Hausmülldeponie betrieben, Ende der 70er-Jahre wird damit begonnen, die alte Deponie zu verfüllen und aufzuschütten, und dann kommt Geländeeigentümer Lindemann auf die Idee, ein Amphitheater nach antikem Vorbild entstehen zu lassen. „Der Stadt ist es aber immer mehr um die Sicherung der alten Deponie gegangen, damit dort kein Regenwasser eindringt“, glaubt Lindemann. Mit der alten Deponie habe er aber wirklich nichts zu tun.
„Hausmüll ist ein nettes Wort, aber damals handelte es sich dabei auch um Lacke oder Ölschlämme“, sagt Bibs-Ratsfrau Rosemarie Wanzelius, die sich stark in der Weststadt engagiert. Später sei noch belasteter Schutt aus dem Buchler-Abriss (darauf würden Naphthalin-Spuren hindeuten) und eventuell asbesthaltiger Abfall hinzugekommen. Insgesamt sei mit der Deponie zu leichtsinnig umgegangen worden. „Eine Deponie-Nachsorge ist unabdingbar“, sagt Rosemarie Wanzelius. Sie fordert ein unabhängiges Gutachten, um Aufschlüsse über die Beschaffenheit des Grundwassers, des Berges und des Parkplatzes zu erhalten. „Danach wird man abwägen müssen, ob man das Ganze liegen lässt und abdichtet oder aber zumindestens zum Teil abtragen muss“, sagt sie. Wichtig sei dabei, dass nicht allein aus Steuermitteln saniert werde. Wanzelius: „Man muss sich der Verantwortung stellen, und ich glaube, das will Herr Lindemann auch.“
Die Grünen fordern ebenso wie die Linke, die das Millenium-Thema in die Öffentlichkeit gebracht hat, einen Rückbau des Berges, bis die in der Baugenehmigung vorgesehenen Höhenfestsetzungen erreicht sind.
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