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Demobericht zum Welt-Psychiatrie-Kongress in Berlin (mit Radio-Interview)

Demonstrant*innen vor der Messe in Berlin
 
"Psychiatrischen Zwang stoppen"
 
Redebeitrag
Vom 8. bis zum 12. Oktober 2017 fand in der Messe Berlin ein Kongress der WPA (World Psychiatric Association) und der DGPPN (Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie) statt – der Welt-Psychiatrie-Kongress. Ca. 15 000 Menschen wohnten diesem bei. An mehreren Tagen haben einige Menschen gegen die dort stattfindenden Beschönigungen und die vorgetragenen reaktionären (=rückschrittlichen), psychiatrischen Haltungen vor der Messe demonstriert.

Der Protest war vielseitig: verschiedene Gruppen und Einzelpersonen hielten Schilder und Transparente hoch, sangen psychiatriekritische Lieder und redeten am Mikrophon. Auch die Initiative Zwangbefreit war dabei – unter anderem mit einem Redebeitrag, der unten angefügt ist.

Innerhalb der Messe gab es einen Pharmabereich, den nicht alle Pressevertreter*innen betreten durften. Auch Betroffenen-Vertreter*innen, Student*innen und Auszubildende durften diesen Bereich nicht aufsuchen. Wer darf dann eigentlich noch rein? Vielleicht Special-Psychiater*innen (sagt das mal 10 Mal hintereinander – und gebt das mal bei Google-Übersetzer ein – dann kommt „Special psychiatrist*inside“ (= Spezial-Psychiater*innen*drinnen) -Na, wenn das kein Beweis ist – kleine Verschwörungstheorie am Rande ;-) - )??? ...

Obwohl der Protest unsererseits friedlich verlief, gab es Beschimpfungen und Beleidigungen von Seiten einiger Kongressbesucher*innen. Dieser Trend nahm seinen Höhepunkt als ein* Besucher* auf seinem* Weg zur Messe mit einem Rollkoffer erst sämtliche an die Wand gelehnte Schilder umfuhr und dann eine demonstrierende Person mit einem gezielten Schubser zu Fall brachte. Als die Polizei eintraf, begrüßte er diese mit Handschlag, drückte sich auf einmal wieder mit gesprochenen Sätzen aus und bestritt seine Tat. Außerdem erklärte er seine Abneigung zum psychiatriekritischen Protest: er kenne eine Person, die sich weigere eine „Behandlung“ in der Psychiatrie einzugehen, da diese sich von Psychiatrie-Gegner*innen gewarnt fühle. Mit dieser Einstellung übersieht er, dass Psychiatrie-Kritiker*innen wohl weniger die Schuld zugewiesen werden kann als den tatsächlichen Täter*innen, die Protest erst notwendig machen. Wenn in der Psychiatrie-Maschinerie Menschenrechte eingehalten werden würden, würde es auch keine Demonstrant*innen geben, die die Psychiatrie als menschenverachtende Institution bewerten. Es ist traurig, dass Menschen nicht die Hilfe geboten bekommen, die sie bräuchten – Schuld daran ist aber immernoch das Psychiatrie-System.

!Aber nicht alle Messebersucher*innen waren den Protestierenden gegenüber abgeneigt. Einige nahmen Flyer mit, zeigten sich interessiert und suchten sogar das Gespräch. Durchaus gab es auch kritisch eingestellte Menschen, die diesen Kongress besuchten. Das stimmt uns freudig und macht Hoffnung.

Ein Interview zum Welt-Psychiatrie-Kongress 2017 wurde auf RadioHBW.de (Sendereihe „Radio Depressione“ vom Moderator* Thomas Rettig) veröffentlicht. Auch kritische Stimmen kommen hier zu Wort – ab Minute 46:26 geht es um den Kongress.
Kleiner Hinweis: wenn euer Browser das Audio Plug-In nicht unterstützt, kann man mit der rechten Maustaste auf „Herunterladen“ klicken und dann „Ziel speichern unter“ wählen. Das Format ist .mp3:

http://www.radio-hbw.de/mediathek/?20171010000000

Mehr Bilder sind hier auf Zwangspsychiatrie.de zu finden: https://www.zwangspsychiatrie.de/bilder-der-demo-g...

Hier der Redebeitrag der Initiative Zwangbefreit:

"Heute und in den nächsten Tagen bis zum 12.10.2017 findet hier in der Messe Berlin der Weltkongress 2017 der World Psychiatric Association (WPA) statt - In Zusammenarbeit mit der DGPPN (Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie und Neurologie), die ihren jährlichen Kongress mit dem der WPA zusammengelegt hat. Es sollen Fort- und Weiterbildungen sowie Vernetzungen zwischen verschiedenen (psychiatrischen) Akteur*innen geben. Das geschieht unter anderem mit einem Angebot an Vorträgen, Diskussionsrunden, Rollenspielen etc..

Zwar wird auf diesem Kongress auch die Sicht von Betroffenen aufs psychiatrische Geschehen thematisiert, z.B. durch den Psychiatrie-Kritiker Peter Lehmann, dennoch bleibt eine psychiatriefreundliche Atmosphäre bestehen. Denn unter anderem treten Menschen wie der Comedy-Psychiater Manfred Lütz auf die Bühne, der sich nur scheinbar gegen Diskriminierung von Menschen mit psychiatrischen Diagnosen einsetzt und das System Psychiatrie, wie es gerade ist, stark verharmlost und medial wirksam gutheißt.
Aber nicht nur erfolgreiche Buch-Autor*innen wie Lütz stützen hier die stabilen Säulen der menschenverachtenden Psychiatrie – Auch die Veranstalterin selbst – die DGPPN- , spricht sich für Zwangsmaßnahmen in der Psychiatrie aus und ist in der Vergangenheit dadurch aufgefallen Körperverletzungen, Freiheitsberaubung, Fremdbestimmung erheblich zu unterstützen.

Dazu zählt auch das Menschen-in -Schubladen-stecken mithilfe von psychiatrischen Diagnosen ohne Betroffene danach zu fragen, wie sie selbst ihren Zustand und/oder ihre Situation beschreiben würden. Das stabilisiert die Plattform für Menschenrechtsverletzungen. Denn sobald über Köpfe von Betroffenen (fremd)definiert wird, wird die Autonomie (Selbstbestimmung) dieser verletzt und ihre Handlungsfähigkeiten eingeschränkt. In Psychiatrien, wie sie sich um uns herum befinden, werden Menschen auch gegen ihren Willen mit Medikamenten „behandelt“, an Betten gefesselt, eingesperrt und elektrogeschockt.

Wir – die Initiative Zwangbefreit - wollen uns mit solchen Menschen, die sich bemühen Kritik auf diese Veranstaltung zu bringen solidarisieren und gleichzeitig Abstand nehmen von den hier ebenfalls auf die Bühne gebrachten reaktionären (rückschrittlichen) psychiatrischen Ideen und Haltungen.

Für Alternativen zur Zwangspsychiatrie!
Für eine befreite Gesellschaft ohne Diskriminierung!"

Website der Initiative Zwangbefreit: initiative-zwangbefreit.jimdo.com
Kontakt: zwangbefreit [at] web.de

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