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DAS SCHWEINE SYSTEM

Dies stand am letzten Samstag in der Berliner Zeitung. Mir liegt sehr am Herzen, dass dies alle wissen, damit soetwas gestoppt wird!


Das Schweinesystem

Fleischproduzenten lassen gern in Deutschland schlachten, das ist hier besonders billig. Allerdings auch, weil Tausende von zugereisten Bulgaren und Rumänen unter Bedingungen arbeiten, die an moderne Sklaverei denken lassen

VON BERNHARD HONNIGFORT

O LDENBURG. So lange hat Daniela Reim ihr Stelle noch nicht, gut sechs Monate, aber seit sie diesen neuen Job hat in Oldenburg, fragt sie sich jeden Tag, ob sie noch in Deutschland lebt. In dem Deutschland jedenfalls, das sie schätzte, als sie vor 14 Jahren aus Rumänien kam, das sie fortschrittlich, gesetzestreu und ordentlich fand.

Eigentlich ist die junge Frau Geschichtslehrerin, aber seit Oktober 2013 hat sie diesen neuen Job, weil sie Rumänin ist und also rumänisch spricht. Die Stelle hat die Landesregierung in Hannover im vergangenen Herbst neu eingerichtet. Daniela Reims Aufgabe ist es, sich um Vertragsarbeiter zu kümmern, um mobile Arbeitskräfte, rumänische, bulgarische, polnische, ukrainische. Es gibt Tausende von ihnen im Oldenburger Land und im Emsland, eine Geisterarmee. Die allermeisten arbeiten auf Schlachthöfen, zerlegen im Akkord Schweine, Rinder, Hähnchen.

Wer redet, fliegt

Sie sitzt in ihrem kleinen Büro in der Nähe des Oldenburger Bahnhofs, es ist das Ende eines langen Arbeitstages. Meistens fährt sie mit ihrer bulgarischen Kollegin im VW Bulli durchs Land, um mit Schlachtern zu reden. Anonym, man verabredet sich. Manchmal steht sie dann allein herum, weil der Anrufer nicht kommt, sich doch nicht traut. "Die reden nicht viel", sagt sie. "Mit der Presse und der Gewerkschaft schon gar nicht. Wenn herauskommt, dass einer geredet hat, fliegt er sofort raus."

Ihr Diensttelefon klingelt mindestens dreimal pro Stunde. Nach dem Auflegen erzählt sie: Das gerade sei ein Schlachtarbeiter aus Emstek gewesen. Er wolle Urlaub nehmen, aber sein albanischer Vorarbeiter verlange 400 bis 500 Euro. Sonst gebe es keinen Urlaub. "Ein wirklich aggressiver Typ."

Noch ein Fall, ein Pole, seine Frau ist schwer krank. Er will heim, sie im Krankenhaus besuchen. Man lässt ihn nicht. Mal sehen, was sie machen kann.

Ein Rumäne, der seinen Vorarbeiter beschimpft haben soll, flog fristlos raus, rief bei Daniela Reim an, wollte sich mit ihr treffen. Aber er kam nicht. Später erfuhr sie, dass er nach Rumänien zurückgegangen ist.

Oder in Ahlhorn. Da gebe es einen türkischen Subunternehmer, der sofort kündige, wenn einer krank werde. Ein Rumäne rief sie an, er traue sich nicht zum Arzt, obwohl es ihm sehr schlecht gehe. Daniela Reim rief im Schlachtbetrieb an, drohte mit der Presse. Der Rumäne durfte zum Arzt. Er war so krank, dass er für zwei Wochen ins Krankenhaus musste.

Seit sieben Monaten klingelt ihr Telefon, es gibt Dutzende solcher Geschichten. "Viele dieser Menschen sind entrechtet, werden ausgebeutet. Es ist furchtbar", sagt sie. Manchmal kann sie helfen, manchmal nicht.

Nordwestdeutschland. Wiesen, Maisfelder, Mastställe, Schlachthöfe. Bäuerliche Landwirtschaft ist nur noch ein Märchen, das für schöne Bilder in der Wurstreklame taugt. Die Wahrheit ist knallharte Agroindustrie: 33 Millionen Mastplätze für Hähnchen, über zehn Millionen Schweine, mehr Gülle, als Boden und Grundwasser vertragen. Moderne Mastanlagen mit Solardächern, Biogasanlagen, die aus Gülle Strom machen. Und in Stallnähe konzentriert sich Deutschlands Fleischindustrie: 58,3 Millionen Schweine, 3,24 Millionen Rinder, 37,7 Millionen Puten, eine Million Schafe und 627,9 Millionen Hühner werden laut "Fleischatlas 2014", herausgegeben vom BUND, pro Jahr hierzulande geschlachtet. Zwar gibt es bundesweit etwa 350 Schlachtereien, doch das große Geschäft machen die ganz großen Schweineschlachter Tönnies, Vion und Westfleisch, bei Geflügel ist es die durch die Marke Wiesenhof bekannte PHW-Gruppe.

Das reiche Deutschland ist ein Billigland für Schlachter geworden, so billig, dass Danish Crown, Europas größter Schweineschlachter, Tausende Arbeitsplätze von Dänemark nach Deutschland verlegte. Die EU-Richtlinie zur grenzüberschreitenden Entsendung von Arbeitnehmern sorgte für die große Umwälzung in Deutschlands Schlachtbetrieben: Die einheimische Belegschaft wurde zusammengekürzt und durch Billigarbeiter auf Werksvertragsbasis aus Rumänien, Bulgarien und Polen ersetzt.

Die Regel ist: Der Schlachthof vergibt die Aufträge an einen Subunternehmer. Der wieder an Subunternehmer, der möglicherweise noch einmal an einen Subunternehmer. Am unteren Ende der undurchsichtigen Kette steht der Fleischarbeiter.

Er ist der Ausgebeutete: 60 Stunden Arbeit die Woche, manchmal nur 4,79 Euro netto. Davon gehen 200 bis 300 Euro Monatsmiete für ein Bett in einer Bruchbude mit Sperrmüll weg, außerdem Abgaben an den Subunternehmer für den Transport zur Arbeit. Manchmal wird auch noch Geld für Werkzeug und Arbeitskleidung kassiert. "Da bleibt nicht viel", erzählt Daniela Reim. "Aber die Leute kommen trotzdem nach Deutschland, in Rumänien sind die Zustände noch schlechter." Wenn jemand am Monatsende 100 Euro nach Hause überweisen könne, sei das schon viel.

Seit Jahren geht das so im Nordwesten. Ein Zweiklassenlandstrich ist entstanden: Armer Balkan mitten in Norddeutschland. Und es sind nicht sehr viele, die sich über die Zustände empören oder etwas ändern wollen.

Einer von ihnen ist Prälat Peter Kossen. Er ist katholischer Geistlicher in Vechta, 46 Jahre alt, sein Titel: Offizial. Er ist Stellvertreter des Weihbischofs des zum Bistum Münster zählenden Oldenburger Landes. Kossen kommt aus der Gegend, aus Rechterfeld, kennt Land und Leute. Ein früher eher armer Landstrich, Moor und Sand. Die Böden taugten wenig für Getreide- oder Kartoffelanbau, mehr als Weideland. Kossens Eltern waren Heuerleute und Pächter. Sein Onkel war auch Schlachter, aber er konnte von seinem Lohn eine Familie ernähren und ein Haus bauen. "Harte Arbeit, aber man hatte sein Auskommen", sagt Kossen. Er spricht präzise, sein Tonfall ist nüchtern und sachlich, auch wenn es ihn zutiefst empört, was um ihn herum geschieht. Was er zu sagen hat, ist eine Anklage.

Er lächelt bitter. Heute verdiene man ein kleines Vermögen, wenn man eine alte Bruchbude besitze und an 14 rumänische Fleischarbeiter vermiete, sagt er. "Oder gleich 16 Leute. Ist auch kein Einzelfall."

Es ist anderthalb Jahre her, da hing an seiner Tür ein noch blutiges Kaninchenfell mit Kopf dran. Wer ihm das tote Tier zugedacht hat, ist nie geklärt worden. Ein Gruß aus der Fleischindustrie, vermutete man.

Irgendwann, nachdem er 2011 sein Amt in Vechta angetreten hatte, bekam er nämlich mit, wie es so läuft im zutiefst katholischen Landstrich. Er bekam Einblicke in eine düstere Parallelwelt, die sich überhaupt nicht verträgt mit sonntäglichem Kirchgang, Kreuzen und Marienstatuen an Wegkreuzungen und vor alten Bauerhöfen.

Etwa 9 000 ausländische Fleischarbeiter leben im Oldenburger Land und im Emsland, die Zahlen sind geschätzt, niemand weiß es genau. Sie wohnen in alten Häusern, Sammelunterkünften, meistens außerhalb des Ortes. Sie arbeiten von sehr früh bis sehr spät. Sie treten nicht in Erscheinung, nur im Aldi fallen sie auf, wenn sie sich etwas zu essen holen.

Über Caritas und Kolpingwerk drangen Geschichten aus der Nebenwelt zu Kossen vor. In Rumänien würden den Arbeitslosen bunte Lügen erzählt, sagt er, 1 300 Euro Lohn, warme Mahlzeiten, Doppelzimmer, Ferien. Und dann die Wirklichkeit: Der anheuernde Subunternehmer kassiere erst einmal 500 Euro Vermittlungsgebühr für den Job. Dann werde der Pass einbehalten. Der neue Schlachtarbeiter unterschreibe einen Blanko-Auflösungsvertrag. Zum Teil gebe es überhaupt keine Arbeitsverträge, keine Lohnabrechnung, höchstens Geld bar auf die Hand. "Wir reden hier nicht von einigen schwarzen Schafen", sagt Prälat Kossen. "Es ist ein Sumpf aus Subunternehmern, der alles abschöpft. Es ist eine hoch kriminelle Szene."

Prälat Kossen redet Klartext. Anfang des Jahres, beim Neujahrsempfang des Osnabrücker Bischofs Franz-Josef Bode mit 150 Prominenten aus Kirche, Politik und Wirtschaft, forderte Kossen die Kirche auf, endlich etwas zu tun. Für Kossen sind die Werkverträge und das Geflecht der Subunternehmer ein Teufelswerk, die Zustände in seiner Heimat ein Schande: "Man muss an vielen Stellen von moderner Sklaverei sprechen", sagte er. Und sagt es seitdem bei jeder Gelegenheit. "Es geht um Lohndrückerei. Minimalste Standards werden unterlaufen", schimpft Kossen. "Arbeitsmigranten werden bei uns gedemütigt, ausgebeutet und betrogen."

Ihm wird geraten, sich aus wirtschaftlichen Dingen rauszuhalten als Geistlicher. Es wird geraunt, er solle aufhören, die Gegend schlecht zu reden. Vergangenes Jahr bereits forderte die niedersächsische Landvolk-Bewegung, man solle sie informieren, wenn in Kirchen kritische Dinge gepredigt würden.

Es stört ihn nicht, aber er steht einigermaßen allein auf weiter Flur. Kritische Töne des zuständigen Bischofs sind nicht bekannt geworden. Man schweigt und zählt entgeistert Kirchenaustritte. "Gott steht auf der Seite der Kleinen und Schwachen", hält Kossen dagegen und mischt sich ein. Er zitiert gerne den neuen Papst Franziskus: "Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts."

Er rechnet vor: Wenn ein Fleischarbeiter eine Mindestlohn von 8,50 Euro bekäme, das wäre doch etwas. Das ginge, sagt er. "Kein Problem, für uns wäre das Kilo Fleisch nur 5,7 Cent teurer. Das ist Gerechtigkeit, die wir uns leisten können."

Matthias Brümmer hat Schlachter gelernt. Er ist 55, lange raus aus dem Beruf, heute ist er Gewerkschafter in Oldenburg. Wahrscheinlich kennt er die Zustände noch am besten. "Das glaubt einem doch alles keiner", sagt er immer wieder, während er erzählt, wie sich sein Nordwestdeutschland verändert hat in den vergangenen 20 Jahren. "Das muss man sich einmal vorstellen", sagt er und zeigt ein Foto eines Rumänen, ein paar Jahre ist es her. Der Mann habe mehr Lohn gewollt und mit der Gewerkschaft geredet. Das Foto zeigt einen jungen Mann mit kurzen Haaren in einer Windjacke, das Gesicht verschrammt, blutig. "Der wurde zusammengeschlagen."

Brümmer spricht von einer "mafiosen Subunternehmerszene", von einer "hochgradig kriminellen Branche", in die sich im Laufe der Zeit auch Rockerbanden einmischten. Es sei einfach so viel Geld zu verdienen mit dem Elend und der Not dieser Leute. "Die Bandidos sind noch aktiv", sagt er. "In Nordrhein-Westfalen und hier oben auch."

Schlafen zeitversetzt

2003, erzählt Brümmer, sei er einmal nachts mit der Kripo in einer Massenunterkunft für Fleischarbeiter gewesen. Es sei zugegangen wie in einem U-Boot: Acht Leute, die zeitversetzt in vier Betten schliefen. 2013 sei er in einer alten Molkerei gewesen, in der Polen untergebracht waren. "Nichts hatte sich geändert." Nun gebe es wenigstens die Unterkunfts-Richtlinie des Landes Niedersachsen und Selbstverpflichtungen einiger Fleischbetriebe.

Aber ändert sich wirklich etwas, wenn das Werkvertragssystem mit den Subunternehmern bleibt? Brümmer lacht und erzählt statt einer Antwort den Fall eines rumänischen Subunternehmers, der seinen Vertragsarbeitern nur 174 Euro Monatslohn zahlte.

Ab Juli soll es einen Mindestlohn geben, 7,75 Euro. Wie viel von dem Geld tatsächlich in den Portemonnaies der Leute ankommt, die die eigentliche Arbeit machen, weiß Brümmer natürlich auch nicht. Es muss mehr passieren, sagt er. Bundesweite Regelungen für menschenwürdige Unterkünfte, massive Eingrenzung der Leiharbeit, Abschaffung von konzerninternen Subunternehmen, massive Verfolgung durch Polizei und Staatsanwaltschaft.

Manchmal verfällt er ins Grübeln. Dann kommen ihm Gedanken wie: "So viel Leid und Elend mitten unter uns. Und wieso regen sich nicht mehr Leute auf?" Er wundert sich darüber, dass Tierschicksale offenbar mehr Menschen bewegen, Hühner in engen Käfigen oder Rinder und Schweine, die auf kahlen Spaltböden gehalten werden. "Diese Empörung müsste auch für Menschen gelten", sagt er. Aber dann wundert ihn alles auch wieder nicht. Er kennt es schon zu lange.
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6 Kommentare
85
Uwe Poppe aus Braunschweig - Nordstadt | 14.04.2014 | 13:58  
213
Susanne Schmedt aus Braunschweig - Innenstadt | 14.04.2014 | 14:33  
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Susanne Schmedt aus Braunschweig - Innenstadt | 14.04.2014 | 14:33  
85
Uwe Poppe aus Braunschweig - Nordstadt | 14.04.2014 | 16:49  
213
Susanne Schmedt aus Braunschweig - Innenstadt | 14.04.2014 | 18:17  
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Uwe Poppe aus Braunschweig - Nordstadt | 15.04.2014 | 10:18  
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