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„Auszubildende sind bei uns willkommen“

Werben offensiv um Lehrlinge und fürs Bauhandwerk (v. l.) Stephan Wendland (Innungsobermeister Bau), Gerald Peters (Innungsobermeister Steinmetze), Carsten Lehmann (Geschäftsführer Ausbildungszentrum Bauhandwerk) und vorn Rolf Dipp (Innungsobermeister Fliesenleger). Foto: Korth

Perspektive für die Zukunft: Das Bauhandwerk wirbt offensiv um Berufsnachwuchs, speziell auch um junge Flüchtlinge.

Von Marion Korth, 06.07.2016.

Braunschweig. Gesucht: Jungs und Mädchen, „tough“ (zäh), leistungs- und lernbereit, teamfähig, mit Lust, eine Herausforderung anzunehmen und Durchhaltevermögen, das gesteckte Ziel zu erreichen. Geboten werden: eine gute Bezahlung, ein zukunftssicherer Job, viele Aufstiegsmöglichkeiten. Die Rede ist: vom Bauhandwerk.

Die Argumente sprechen für eine solide handwerkliche Ausbildung, trotzdem haben es Fliesenleger, Maurer, Dachdecker, Zimmerer und Steinmetze schwer, Lehrlinge zu finden. „Unser Hauptproblem ist unser Image“, sagt Rolf Dipp, Obermeister der Fliesenlegerinnung. Das Bauhandwerk werde unterschätzt. Dipp kennt die Sprüche wie „Bauarbeiter sind blöd“. Eins von vielen Vorurteilen, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben. Wenn er an seine eigenen Aufträge, an Schwimm- und private Luxusbäder denkt, dann gehen die Anforderungen bis ins Künstlerische. „Ein guter Fliesenleger ist ohne Smartphone nicht denkbar“, sagt Dipp. Und ein Polier auf der Baustelle ohne Laptop ebensowenig. „Wir sind nicht in der Steinzeit stehengeblieben, und man kann 40 Jahre in unseren Berufen arbeiten, ohne anschließend körperlich kaputt zu sein“, betont Innungsobermeister Stephan Wendland (Bau).

Noch vor zehn Jahren hätte er zehn bis fünfzehn Bewerbungen in jedem Jahr gehabt, jetzt sind es nicht einmal mehr eine Handvoll. Zwei Lehrlinge hat er angenommen. „Es könnten auch doppelt so viele sein“, meint Wendland. Die Bewerberzahl steht in krassem Missverhältnis zur Auftragszahl. In der Baubranche stehen alle Zeichen auf Wachstum.

„Die Leute investieren in Stein und Beton“, sagt Carsten Lehmann, Geschäftsführer des Ausbildungszentrums Bauhandwerk in der Robert-Bosch-Straße. Dort wird das Fundament der Ausbildung gelegt, weil es direkt auf der Baustelle unter Realbedingungen schwierig wäre, alle Kenntnisse zu vermitteln. 17 Lehrgangswochen verbringen etwa die Fliesenleger und Maurer in dem Ausbildungszentrum, dazu kommt noch je Woche ein Berufsschultag, obendrauf der Urlaub. „Im ersten Jahr sehen wir unsere Lehrlinge nicht oft“, sagt Dipp. Ein Lehrling beginnt mit 700 Euro im Monat, im dritten Jahr sind es 1400 Euro. Lehmann: „Damit ist die Baubranche Spitze.“ 50 000 Euro kostet die in der Regel dreijährige Ausbildung den Betrieb. Das rechnet sich zunächst nicht. Auszubilden sehen Dipp und seine Kollegen als Investition in die Zukunft ihres Betriebes, ihres Lehrlings und als gesellschaftliche Verpflichtung.

Deshalb wollen sie so gut es geht, „aus der Not eine Tugend machen“ und gezielt Flüchtlinge mit Bleiberecht fürs Bauhandwerk gewinnen. Und dies auf möglichst direktem und unkompliziertem Weg. Flüchtlinge, Betreuer, ehrenamtliche Paten, Berufsberater sollen sich einfach melden. Im Ausbildungszentrum bestehe die Möglichkeit, dass die jungen Menschen eine Woche in den regulären Lehrgängen „mitlaufen“, sich einen ersten Eindruck von einem oder gleich mehreren Berufen im Bauhandwerk verschaffen. Auch bei der Suche nach Betrieben, die ausbilden oder Praktikumsstellen haben, will man helfen. Berührungsängste gibt es keine. „Mit Migrationshintergründen kennen wir uns aus“, sagt Wendland. Aus welchem Land jemand komme, sei letztendlich egal, deshalb heißt es ausdrücklich: „Flüchtlinge willkommen!“ Zwar würden die Mittel fehlen, um im Ausbildungszentrum zusätzlich Sprachlehrer oder Sozialpädagogen einzustellen, aber Lehmann denkt an Kooperationen. Wenn sich genügend Interessenten finden und sich herauskristallisiert, welche zusätzliche Förderung nötig ist, um Flüchtlingen den Start ins Berufsleben zu ermöglichen, werde sich eine Lösung finden. Die ersten Erfahrungen sind mehr als gut. Nach einem Jahr Vorlaufzeit in einem Betrieb als Praktikanten absolvieren vier junge Somalis ihre Ausbildung. „Die laufen hier durch wie eine Eins“, freut sich Lehmann. Was an Sprachkenntnissen fehlt, macht die Motivation wett. Das gelte im Übrigen für alle Bewerber: Wichtiger als die Zwei in Mathe ist der Wille.

Sollten wieder friedlichere Zeiten kommen und die Flüchtlinge in ihre Heimatländer zurückkehren, dann würden sie dort als Fachkräfte mehr denn je gebraucht. Wäre es nicht eine schöne Vorstellung, sagt Lehmann, wenn die antike Oasenstadt Palmyra, Weltkulturerbestätte und vom „IS“ zerstört, einst von Steinmetzen aus Braunschweig wieder aufgebaut würde? Kontakt unter Telefon 23 03 10.
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