Anzeige

Am Start: Neue Patienten-Karte

Einführung für Oktober geplant – viel Kritik

Von Jens Radulovic

Braunschweig. Jetzt soll es losgehen: Die Ausgabe der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) ist für den 1. Oktober geplant. Aber nach wie vor scheiden sich an der neuen Patientenkarte die Geister. Die nB lässt die Pro- und Contrapositionen zu Wort kommen.

Seit 2005 gibt es Testläufe zur Einführung der neuen Karte, eine Anhörung des Gesundheitsausschusses im Bundestag im Mai 2009 zeigte, dass die Gesundheitskarte unter Experten weiterhin umstritten ist. Kritiker sehen durch die neuen Datenspeicherungsmöglichkeiten der Karten den Datenschutz gefährdet.
Die privaten Krankenversicherungen wollen ihren Versicherten die neuen Karten erst einmal nicht ausstellen. „Ärzte, Zahnärzte, Apotheker und Kliniken sind bislang nicht verpflichtet, die Karte von Privatpatienten anzunehmen. Damit hängt der Erfolg der Karte vom guten Willen der Leistungserbringer ab. Dieser Zustand ist nicht hinnehmbar“, erklärte Volker Leienbach, Direktor des Verbandes der privaten Krankenversicherung, den Schritt.
Einige gesetzliche Krankenversicherungen haben unterdessen begonnen, ihre Mitglieder zur Abgabe eines für die Gesundheitskarte notwendigen Passbildes aufzufordern. Das Lichtbild sei ein zwingender Bestandteil der elektronischen Gesundheitskarte, die die herkömmliche Krankenversichertenkarte ablösen soll, erklärt Ina Klaus vom Bundesministerium für Gesundheit auf Anfrage.
Ohne die Vorlage eines Lichtbildes könne die Gesundheitskarte daher nicht ausgestellt werden. Die bisherige Krankenversichertenkarte werde zu einem von den Krankenkassen festgelegten Zeitpunkt ihre Gültigkeit verlieren. Versicherte, die über keine Gesundheitskarte verfügen, müssten dann über ein Ersatzverfahren, zum Beispiel durch Vorlage einer Bescheinigung der Krankenkasse, ihren Leistungsanspruch nachweisen. Sie behielten aber ihren Versicherungsschutz, führt Klaus aus.
Derzeit läuft noch immer der Feldversuch in sieben Testregionen, unter anderem in Wolfsburg.
Die Ausgabe der Karten soll ab dem 1. Oktober 2009 zunächst in der Region Nordrhein starten. Der Ausgabestart in Niedersachsen ist in der zweiten Einführungsphase geplant. Diese wird voraussichtlich Anfang 2010 gestartet.
Viele Ärzte sehen allerdings durch das neue System das Arzt-Patienten-Verhältnis gestört und verweigern die Anschaffung der notwendigen Lesegeräte.



Pro eGK: Rainer Rinne

„Die elektronische Gesundheitskarte (eGK) trägt für alle Beteiligten zur Transparenz im Gesundheitswesen bei und ist der Schlüssel zu einer Reihe neuer Anwendungen, die die medizinische Versorgung und die Qualität der Behandlung verbessern sollen.
So hat der Gesetzgeber beispielsweise auf der Gesundheitskarte die Angaben zur europäischen Versichertenkarte vorgesehen. Diese ersetzt den Auslandskrankenschein für alle Staaten, mit denen Deutschland Sozialversicherungsabkommen hat.
21 000 Apotheken, 123 000 niedergelassene Ärzte, 65 000 Zahnärzte, 2200 Krankenhäuser und knapp 190 Krankenkassen werden über die neue Telematik-Infrastruktur miteinander vernetzt.
Im Rahmen der Erweiterung werden später Rezepte elektronisch gespeichert. Diese werden in den Apotheken eingelesen und danach automatisch gelöscht. Das spart viel Papier und verringert den Verwaltungsaufwand in erheblichem Maße.
Die neue Karte liefert dann auch den behandelnden Ärzten – sofern Patientinnen und Patienten zustimmen – wichtige Informationen für Diagnose und Therapie.
Hierzu gehören Notfalldaten, Dauermedikationen, Allergien und Arztbriefe, zum Beispiel um vermeidbare Interaktionen von Arzneimitteln oder individuelle Unverträglichkeiten aufzuzeigen. Die Speicherung und schnelle Verfügbarkeit dieser Daten kann im Ernstfall Leben retten.
Das in der Gesundheitskarte integrierte Lichtbild sichert den Behandlern die Personen-Identität der auf der Karte gespeicherten Gesundheitsdaten.
Mit der neuen Gesundheitskarte haben Versicherte die Möglichkeit, mitzubestimmen, wer persönliche Dokumente einsehen darf und wer nicht. Durch entsprechende „Zugriffsrechte“ können Informationen ausgeblendet oder nur bestimmten Ärzten zugänglich gemacht werden.
Zudem müssen sich Leistungserbringer bei Zugriff auf die Karte mit ihrem elektronischen Heilberufsausweis identifizieren.
Wir empfehlen zur Verbesserung der Behandlungssicherheit, zum Beispiel im Not- oder Vertretungsfall und auch zur Vermeidung von Doppeluntersuchungen, diese Chance verantwortungsvoll zu nutzen.“

Contra eGK: Dr. Friederike Speitling

„Die elektronische Gesundheitskarte (eGK) hat weder für Ärzte, noch für Patienten einen medizinischen Nutzen. Die oft ins Feld geführte Möglichkeit, Notfalldaten auf der Karte abzuspeichern, bringt keine Vorteile. In einem echten Notfall spielt die Karte keine Rolle, denn dann werden festgelegte Standarduntersuchungen durchgeführt. Es bleibt in einem solchen Fall keine Zeit, die Karte einzulesen. Außerdem darf sich ein Arzt nicht blind auf die abgespeicherten Daten verlassen.
Bei der eGK handelt es sich nur um einen Schlüssel zum Abrufen der Daten. Die eigentlichen Informationen werden auf zentralen Servern abgelegt und sind damit weltweit abrufbar. Dieses System öffnet Datenschutzverletzungen Tür und Tor. Die Patienten können nicht mehr kontrollieren, was mit ihren Gesundheitsdaten passiert. Der weltweite Datenhandel floriert. Die DAK hat 200 000 Patientendaten weitergegeben. Die IKK gab Daten an die private Iduna Krankenversicherung. Die Patienten hatten nicht eingewilligt.
Die eGK schafft eine riesige Datensammlung sensibelster Informationen. Bei einer Änderung der rechtlichen Rahmenbedingungen entsteht so die Möglichkeit, die Gesundheitsdaten mit anderen Datensätzen abzugleichen und ein umfassendes Persönlichkeitsprofil zu erstellen.
Das wird Begehrlichkeiten wecken. Welches Unternehmen wüsste nicht gerne, wie es um die Gesundheit eines Bewerbers gestellt ist? Die Bürger können mühelos in Risikogruppen eingeteilt werden. Die Krankenkassen erhalten durch die Karte sofortige Einsicht in die Behandlung des Patienten durch den Arzt. Damit wird der Rationierungsdruck auf den Arzt steigen. Die bestmögliche Therapie wird auf diese Weise durch Standardtherapien ersetzt.
Außerdem hat sich die eGK in der Praxis nicht bewährt. Im Sachstandsbericht der Bundesärztekammer vom 11. Mai 2009 heißt es: ‚Die ernüchternden Testergebnisse waren nicht geeignet, um zur Steigerung der Akzeptanz der eGK beizutragen, im Gegenteil: Sie haben das Zutrauen selbst der technikaffinen Ärzte in den Testregionen erschüttert.‘
Schlussendlich sprechen auch die Kosten gegen die eGK: Geschätzte zehn bis 15 Milliarden Euro wird die Einführung in den nächsten zehn Jahren kosten.“
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.