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Alltagsbegleiter vom Arbeitsamt

Pflegekasse finanziert neue Betreuungskräfte

Von Annette Heinze

Braunschweig. Malen, Basteln oder Spazierengehen: Die Pflegekassen finanzieren jetzt „Alltagsbegleiter“ als zusätzliche Betreuungskräfte für Demenzkranke. Die Agentur für Arbeit sieht darin eine Chance für Arbeitslose.

Bis zum Jahresende will die Agentur 60 Qualifizierungen fördern. Die Pflegeeinrichtungen reagieren bisher jedoch zurückhaltend auf die neuen Arbeitskräfte. „Der Bedarf wächst bei uns von Monat zu Monat“, sagt zwar Detlef Folwaczny von der Nachbarschaftshilfe der Caritas. Dort werden zur Betreuung Demenzkranker bereits zertifizierte Helferinnen eingesetzt. „Der große Unterschied zu der geplanten Maßnahme ist: Unsere Mitarbeiterinnen melden sich freiwillig und sind sehr motiviert“, sagt Folwaczny.
Hinter der Betreuung demenzkranker Menschen stehe ein sozialer Anspruch: „Ob Arbeitslose dazu geeignet sind, sei dahingestellt.“ Viele seien vielleicht gezwungen, den Job zu machen und würden ihn nur deshalb tun.
Alltagsbegleiter vom Arbeitsamt, dies stößt auch an anderen Stellen auf Skepsis. Dr. Burkhard Budde, Direktor des Marienstiftes, sieht die Freiwilligkeit als wichtige Grundvoraussetzung für die Arbeit mit Demenzkranken.
Zum Marienstift gehört Bethanien, eines der größten Altenpflegeheime der Stadt. „Freiwilligkeit muss da sein“, sagt Budde, „man kann niemanden zwingen, diese Arbeit zu tun.“ Die Pflege demenziell Erkrankter sei ein besonders sensibler Bereich. Die Vergütung der Alltagsbegleiter müsse sich in das Tarifsystem der Diakonie, Träger des Marienstifts, einfügen: „Wir wollen keine Mitarbeiter zweite Klasse“, sagt der Direktor des Marienstifts.
Alltagsbegleiter könnten mit einem Monatsverdienst von 1000 bis 1200 Euro für eine Halbtagsbeschäftigung rechnen, sagte Eike Klingberg von der Altenpflegeschule des DRK. Das Deutsche Rote Kreuz bietet die Qualifizierung, neben anderen Wohlfahrtsverbänden, wie Ambet oder dem Malteser Hilfsdienst, an.
Nach der jetzt vom Bundesgesundheitsministerium genehmigten Pflegerichtlinie sollen die geplanten Betreuungskräfte mindestens 160 Unterrichtsstunden erhalten und ein zweiwöchiges Betreuungspraktikum absolvieren.
In diesem Umfang seien die derzeit eingesetzten zertifizierten Helferinnen bei der Caritas nicht geschult, sagte Detlef Folwaczny. Sie erhalten 8,50 Euro pro Stunde. Dr. Burkhard Budde vom Marienstift sieht außerdem das Problem, dass der Einsatz der neuen Alltagsbegleiter mit dem Ehrenamt kollidiert.
Die Agentur für Arbeit am Cyriaksring lud jetzt rund 70 Jobsuchende zu einer Informationsveranstaltung über die Weiterbildung zum Alltagsbegleiter ein. Die Teilnahme sei freiwillig, sagte Katrin Ruschinzik von der Agentur für Arbeit. Für die Qualifizierung sei kein bestimmter Schul- oder Berufsabschluss notwendig. Die Agentur für Arbeit habe die Teilnehmer aufgrund beruflicher Erfahrungen im hauswirtschaftlichen oder pflegerischen Bereich ausgesucht.
„Das wäre nichts für mich“, sagte eine Teilnehmerin bei der Informationsveranstaltung der Agentur für Arbeit im Gespräch. Mit alten Menschen möchte sie eigentlich nicht mehr arbeiten. Die seit Mai Jobsuchende ist gelernte Schneiderin und hat zehn Jahre lang in der Wäscherei eines Altenheims gearbeitet. Die gebürtige Polin sieht die Sprachbarriere als Problem an. Alte Menschen hätten Schwierigkeiten, sie zu verstehen.
„Wo es brennt, müssen sie da sein“, sagte eine weitere Teilnehmerin im Gespräch. Die Arbeit der Alltagsbegleiter werde in der Praxis kaum auf die in der Pflegerichtlinie definierten Aufgaben beschränkt bleiben, befürchtet sie. Sie sei als examinierte Altenpflegerin zuletzt zu 90 Prozent administrativ tätig gewesen, obwohl ihr Betreuungsarbeit mehr am Herzen gelegen habe: „Das hat mich krank gemacht“, sagt die 56-Jährige.
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