Anzeige

Aktenlage lückenhaft

Inventarbericht zur Asse: Müll strahlt stärker als angenommen.

Von Marion Korth, 15.09.10

Braunschweig. „Wir sind vor nichts gefeit“, sagte Wolfram König, Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz, am Montag in Braunschweig. Der Inventarbericht zum Atommüll in der Asse liegt vor, aber das schützt nicht vor Überraschungen – zu lückenhaft ist die Aktenlage.

Eines aber steht fest: In dem einsturzgefährdeten Salzbergwerk strahlt es stärker als bisher angenommen. Fast 14 800 Fässer enthalten keinen schwachradioaktiven, sondern nach heutiger Bewertung mittelradioaktiven Abfall. Um Strahlung abzuschirmen, waren die Gebinde seinerzeit mit Beton ummantelt worden. Das erlaubte die Einstufung als schwachradioaktiven Abfall, denn entscheidend war die an der Außenwand der Gebinde gemessene radioaktive Dosisleistung.
Der Bericht hat zudem bestätigt, dass auch Fässer eingelagert worden sind, die stärker strahlten als erlaubt, und das in der Asse 28,1 Kilo Plutonium und nicht 11,8 Kilo, wie zwischenzeitlich angenommen, lagern. Bevor die Stollen einbrechen oder die Asse absäuft, sollen die Fässer geborgen werden – ein Auftrag mit vielen Unbekannten. „Wir haben es seit den 60er Jahren mit einer systematischen Unterschätzung zu tun“, sagte der Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz.
Mehr als 40 Jahre sind vergangen, seitdem die ersten Fässer mit Atommüll in die Asse kamen. Das macht es jetzt schwer, Licht ins Dunkel zu bringen. Die Aufbewahrungszeit der Akten von damals ist längst abgelaufen. Auch die Genauigkeit der Dokumentation lässt aus heutiger Sicht zu wünschen übrig.
Das Bundesministerium für Forschung kommt zu dem Schluss, dass „eine Auswertung der Aktenlage eine Faktenüberprüfung vor Ort nicht ersetzen kann“. Das Bundesamt für Strahlenschutz bereitet derzeit erste Probebohrungen vor, prüft im Salzstock das Bohrgerät sowie die Sicherheitstechnik, die verhindern soll, dass radioaktiv belasteter Staub, Gase oder Flüssigkeiten austreten können. Wenn alle Genehmigungen vorliegen, könnte die erste Atommüll-Kammer noch in diesem Jahr geöffnet werden. Was sich hinter den Mauern verbirgt, da tappt auch Wolfram König im Dunklen. „Wir haben keine Hinweise auf hochradioaktive Abfälle, aber die Dokumente sind unvollständig“, sagt er. Auch sonst bestehen derzeit mehr Fragen als Antworten. König: „Wie sehen die Gebinde aus? Wie die Kammern?“ Unsicherheiten müssten ausgeräumt werden, denn nur dann könnten entsprechende Sicherheitsvorkehrungen für die Mitarbeiter getroffen werden. Die Atommüllfässer müssen raus aus der Asse. „Wegen der begrenzten Standfestigkeit haben wir nur die Möglichkeit der Rückholung“, erläutert König. Nach einer ganzen Pannenserie hat das Bundesamt das Helmholtz-Zentrum als Betreiber der Asse abgelöst. „Wir räumen jetzt Missstände aus, die wir nicht zu verantworten haben“, sagt König.
Den direkt betroffenen Menschen ist das egal. Längst hat sich Widerstand formiert, auch gegen die Pläne, die Assefässer praktisch nach nebenan, in die Schachtanlage Konrad zu bringen. Und auch in Gorleben weht der Wind schärfer. Die Bundesregierung schließt Enteignungen nicht mehr aus, um die Erkundung des Atommüllendlagers vorantreiben zu können. 47 Millionen Euro seien dafür in der Haushaltsplanung für 2011 vorgesehen. „Die Bundesregierung hat sich entschieden, allein auf Gorleben zu setzen“, sagt König. Es geht darum, ein Endlager für rund 17 200 Tonnen hochradioaktiven Müll zu finden, 4500 Tonnen kämen über längere Laufzeiten der Kernkraftwerke dazu.
Vulkanausbrüche, Erdbeben, Meteoriteneinschläge, Eiszeiten oder Menschen, die nichts von der Gefahr wissen: Atommüll müsse nach Expertenmeinung möglichst tief gelagert werden, an einem Ort, der für eine Million Jahre Sicherheit verspricht. Als umgebende Steinschicht komme aus heutiger Sicht außer Granit grundsätzlich auch Ton oder Salz in Frage, erläuterte König. Salz wie in Gorleben, wo bislang eine Erkundungsstrecke gegraben worden sei. Der Salzstock in der Asse ist dagegen ausgehöhlt wie ein Schweizer Käse. „Man wollte möglichst viel Salz herausholen und hat auch die Schutzschicht zum angrenzenden Gebirge verletzt“, sagte König. Die Folge: Jeden Tag dringen 12 000 Liter Wasser ein. Die Asse droht abzusaufen.
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.