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Warum Champagner klimafreundlich(er) perlt

Michael Braungart (r.) und der Moderator des „Energiecafés“, Braunschweigs Klimaschutzmanager Matthias Hots. Foto: T.A.

Revolution statt „Ökodiktatur“: Im „Energiecafé“ sprach mit Michael Braungart der Vordenker der „Cradle-to-Cradle“-Bewegung.

Von Christoph Matthies, 08.04.2016.

Braunschweig. Sätze, die hängenbleiben, hat Michael Braungart reichlich im Repertoire. „Wir sind nicht zu viele, wir sind nur zu dumm“, sagt der promovierte Chemiker und Ökovisionär etwa über die Menschheit. Am Dienstag sprach Braungart, dessen progressive bis radikale Thesen besonders in den USA viel Gehör finden, bei der Veranstaltung „Braunschweiger Energiecafé“ im Haus der Wissenschaft.

Es erinnert ein bisschen an einen „Science Slam“, wie Braungart dem sehr gut besuchten Seminarraum seine Idee des „Cradle-to-Cradle“ (C2C) näherbringt. Ein sarkastischer Parforceritt durch alltägliche Umwelt- und Gesundheitsskandale, die der Verbraucher oft schweigend hinnimmt – immer wieder garniert mit einer guten Pointe. „Überraschungseier heißen so, weil sie überraschend viel Blei enthalten“, sagt er und hat die Lacher auf seiner Seite. Durch den Genuss von Champagner statt Prosecco ließe sich der CO²-Fußabdruck merklich verkleinern, weil keine Kohlensäure zugesetzt werde. Und das Kinderkriegen sei eine gute und lohnende Sache – vor allem, weil die Mutter sich durch das Bruststillen wunderbar entgiften könne.

Trotz seines lockeren Vortragsstils ist Braungart kein Ökoclown. Im Gegenteil, der ehemalige Greenpeace-Aktivist und erfolgreiche Buchautor hat ein ernstes Anliegen. Müsste man sein revolutionäres C2C-Konzept mit einem Wort zusammenfassen, so lautete es wohl Abfallvermeidung. Allerdings nicht durch weniger Konsum, sondern durch intelligentere Herstellung. „Ein Produkt, das zu Abfall wird, ist kein gutes Produkt“, sagt er, und es könnte der Mottosatz für sein Prinzip geschlossener Verwertungsketten sein. „Cradle-to-Cradle“, also Wiege-zu-Wiege: Produkte sollen in der Biosphäre voll kompostierbar oder in der Technosphäre hundertprozentig wiederverwertbar sein. Der Mensch dürfe sehr wohl einen ökologischen Fußabdruck hinterlassen, aber eben einen positiven. Der Weg müsse zudem dahin gehen, beispielsweise nicht eine Waschmaschine zu kaufen, sondern für die Dienstleistung, etwa 2000 Waschladungen, zu bezahlen, ehe die Maschine zum Hersteller zurückgeht.

Mehr als 4500 C2C-zertifizierte Produkte gebe es bereits. Braungart nennt Beispiele, den „essbaren Sitzbezug“, kompostierbares Leder oder das erste TV-Gerät, das für Innenräume geeignet sei, ohne giftige und nicht recyclingfähige Chemikalien und mit geringem Stromverbrauch. „Als ich 1986 als Student einen Fernseher auseinandergebaut habe, fand ich darin 4360 Chemikalien“, erinnert sich der Wissenschaftler.

Braungarts Vortag ist interessant, unterhaltsam – und provokant. Der C2C-Vordenker hält seinen Ansatz für die einzige Lösung. Für Ideen zum Umweltschutz, wie man sie seit Jahrzehnten praktiziert, hat der Professor der Erasmus-Universität in Rotterdam dagegen bestenfalls ein Kopfschütteln übrig.
„Es ist kein Schutz, wenn Sie die Umwelt nur ein bisschen weniger kaputtmachen“, sagt er über Ansätze zur Mäßigung oder Nachhaltigkeit. Selbst „schwarze Listen“ für giftige Chemikalien belächelt er, würden jene dann doch nur durch andere ersetzt. Das Konzept der Klimaneutralität lehnt er ab, vehement wendet er sich gegen das „Schuldmanagement“ einer moralisierten „Ökodiktatur“. Neben Braungarts erstrebenswerter Vision der abfallfreien Kreislaufwirtschaft ist kein Platz für weniger progressive, wenn auch kurzfristig vielleicht realistischere Ansätze.
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