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„Vielleicht sind sie schon da“

Die Asiatische Tigermücke kann das Denguefieber übertragen. Ohne sofortige Behandlung sterben 40 bis 50 Prozent der Infizierten. Foto: ZALF/Dr. Doreen Walther
 
Jeder Mückenfang hilft der Forschung weiter und vervollständigt den Mückenatlas. Dr. Doreen Walther würde sich über Mücken aus Braunschweig freuen.

Stechmücken aus Asien sind eine reale Gefahr.

Von Marion Korth, 06.08.2016.

Braunschweig. Virtuelle Pokémon-Monster zu jagen, ist gerade der Hit, aber die Braunschweiger sollten lieber Mücken fangen – im Dienst der Forschung. Im deutschen Mückenatlas ist noch ein weißer Fleck, wo Braunschweig liegt.

Nicht, dass es hier keine Mücken gibt, aber die zugereisten Arten, die gefährliche Tropenkrankheiten übertragen können, sind bislang nicht aufgetaucht. „Vielleicht sind sie auch schon bei Ihnen in Braunschweig, nur wir wissen es noch nicht“, sagt dagegen die Biologin und Mückenforscherin Dr. Doreen Walther.
Dank der Arbeit von Dr. Walther, ihren Kollegen und den Laien unter den Mückenfängern ist mittlerweile bewiesen, dass die Asiatische Buschmücke gleich in der Nachbarschaft, im Großraum Hannover, heimisch geworden ist – bislang die nördlichste Grenze ihrer Verbreitung. Für die CDU im Landtag Anlass genug, eine Kleine Anfrage an die Landesregierung zu richten, um zu erfahren, ob es schon ein gezieltes Monitoring, Forschungs- und Vorbeugungsmaßnahmen gibt.

Von „Panikmache“ hält Dr. Doreen Walther nichts. „Aber die Mücken sind eine schlummernde Gefahr“, sagt sie. Die Tiere haben starke Verbündete, um immer neue Gebiete in Europa und Deutschland zu besiedeln: die Globalisierung und den Klimawandel.

Stichwort Globalisierung: Als Massentransportmittel für Mücken haben sich Altreifen erwiesen, die weltweit verschifft werden. Kleine Pfützen in deren Rundungen sind ideale Kinderstuben. Dazu kommt unsere Reiselust. „Wir sind innerhalb weniger Stunden an jedem Punkt der Erde“, sagt Walther. Das birgt zweierlei Risiken – zum einen können Mücken aus anderen Ländern und Kontinenten als blinde Passagiere mitreisen, zum anderen kehren Urlauber mit ansteckenden Tropenkrankheiten zurück. Hier nur zwei Beispiele, in denen Stechmücken als Krankheitsüberträger eine Rolle spielen: Das Robert-Koch-Institut verzeichnet jährlich zwischen 800 und 1000 Malariafälle und schätzt die Zahl der Menschen, die an Denguefieber erkrankt sind und sich hierzulande behandeln lassen, auf rund 300. Treffen Menschen, die sich infiziert haben, nun in Deutschland auf die „passenden“ Mücken, die den Krankheitserreger nicht nur aufnehmen, sondern auch weitergeben können, könnte das der Beginn einer gefährlichen Spirale mit Krankheitsepidemien an deren Ende sein.

Stichwort Klimawandel: Die Asiatische Tigermücke mag es gern warm. Einen „echten Winter“ bei uns überlebt sie möglicherweise nicht, aber so richtig kalt waren die letzten Winter ohnehin nicht. Und dann gibt es für sie noch ein wohltemperiertes Schlupfloch – der Weg in die Kanalisation. Was anfangs nur eine Vermutung war, ist heute Gewissheit – die Tigermücke hat in einigen Regionen Deutschlands Fuß gefasst. Mückeneinsendungen aus Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Bayern und Thüringen beweisen das.

Eines steht schon jetzt fest: „2016 ist ein wahnsinnig gutes Mückenjahr“, sagt Dr. Walther. Schön nass, schön warm. Ein Blick zu Hause in die Regentonne bestätigt sie in dieser Aussage, dazu die Menge an „Mückenpost“, die das ZALF erhält. Seit 2012 gibt es den Mückenatlas, 50 000 Mücken aus dem gesamten Bundesgebiet sind seitdem bestimmt und erfasst worden. 20 000 Mücken allein in diesem Jahr, das sei enorm. 100 bis 150 Einsendungen erreichen Dr. Walther und ihr Team jeden Tag – so viele, wie sie gerade an einem Tag bestimmen kann, meistens sitzt sie auch am Wochenende noch übers Mikroskop gebeugt. Dazu kamen mehr als 1000 Medienauftritte in den vergangenen Wochen, in diesen Tagen ist sie unterwegs auf Spitzbergen, um – wie könnte es anders sein – Mücken zu sammeln.

Zusammengenommen ist das mehr Arbeit als genug, trotzdem freut sich die Wissenschaftlerin über jede Nachricht, die den Mückenatlas bekannter macht, und jede Mückenzusendung, speziell auch aus Niedersachsen und Braunschweig.
Was der Asiatischen Buschmücke in unseren Breiten schon gelungen ist, soll nicht auch noch der Tigermücke gelingen. „Wir wollen die Tigermücke nicht bei uns haben“, sagt die Biologin. Als sie im Mai einen neuen Hinweis aus Heidelberg erhielt, ging sie diesem persönlich nach. „Wir suchen pedantisch jeden Blumenuntersetzer ab“, sagt sie. Auch spezielle Fallen kommen zum Einsatz. Dann die Entdeckung im Apfelbaum eines Gartens: „Unter jedem Blatt saß eine Tigermücke.“ Spezialisten rückten an, um die Tiere zu bekämpfen. „Vielleicht ist es ein Kampf wie bei Don Quijote“, räumt sie ein. Sieht aber im Moment eher noch die Möglichkeit, die invasive Tigermücke kleinräumig zu bekämpfen und nicht erst dann, wenn sie überall fest zum Arteninventar gehört.
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