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Streit um Bäume - Diskutieren Sie mit!

Bevenroder Straße, stadtauswärts.

Fällarbeiten am Querumer Forst.

Von Andreas Konrad, 10.03.2015.

Braunschweig. Am Montag haben umfangreiche Fällarbeiten an Bäumen, die an Straßen entlang des Querumer Forstes grenzen, begonnen. Noch bis zum Ende des Monats lässt die Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz als Eigentümerin des Waldes diese Arbeiten auf einer Länge von rund drei Kilometern durchführen – gegen den Widerstand des Bundes für Umwelt und Naturschutz und der Bibs-Fraktion.

Das sagt die Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz:

Äste, die in das Lichtraumprofil wachsen und trockene Äste, die nach Gewitterstürmen auf den Straßen im Querumer Wald liegen, sind schon länger ein Ärgernis für die Straßenbenutzer und die Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz als Eigentümerin der angrenzenden Waldstücke.

In der Zeit vom 09. bis zum 31. März 2015 werden entlang der Tiefen Straße, Bevenroder Straße, Peterskamp und Forststraße in Braunschweig Querum umfangreiche Fällarbeiten stattfinden. Sie dienen der Herstellung eines verkehrssicheren Zustandes entlang der öffentlichen Straßen. Da der Fällbereich aus Sicherheitsgründen während der Fällarbeiten frei von unbefugten Personen und Fahrzeugen sein muss, werden die Straßen und Fußwege bei Bedarf mit Ampeln kurzfristig gesperrt. Um den Berufsverkehr möglichst wenig zu beeinträchtigen, dürfen die Straßen- und Wegesperrungen nur von 9.00 bis 15.00 Uhr erfolgen. Dennoch wird es zu unvermeidbaren Behinderungen kommen. Dafür bittet der zuständige Stiftungsförster, Burkhard Röker, um Verständnis und entschuldigt sich schon vorsorglich.

„Die Ansicht des Waldrandes wird sich verändern und nicht alle werden erfreut sein“, sagt Burkhard Röker, „aber was soll ich tun. In der Vergangenheit haben die Mitarbeiter der Straßenmeistereien tagelang in ihrem Hubsteiger Äste, die in das Lichtraumprofil ragten, abgeschnitten und dabei auch gleich die trockenen Äste mit entfernt. Heute hat sich die Rechtslage geändert und für Waldbäume, die im Fallbereich von öffentlichen Straßen stehen, besteht seitens des Eigentümers eine Verkehrssicherungspflicht, die in § 823 Abs. 1 BGB verankert ist und nicht durch § 14 Abs. 1 Satz 3 und 4 BWaldG aufgehoben wird. Sie beinhaltet sowohl eine Kontroll- als auch eine Gefahrenabwendungspflicht“. Die Konsequenz daraus ist, dass die Waldbesitzer entlang öffentlicher Straßen - in einem kontinuierlichen Prozess - die Waldbäume auf einem etwa 10 m breiten Streifen aus der Grenze herausnehmen und dort einen Waldrand aus Licht liebenden Sträuchern entwickeln.

Dass dieses Vorgehen Proteste hervorrufen wird, ist Burkhard Röker klar, hat er doch schon mehrere Waldränder im Lappwald in Helmstedt aus Gründen der Verkehrssicherung zurückgenommen und dann einen Sturm der Entrüstung über sich ergehen lassen müssen. Heute, sechs Jahre danach, ist von dem damaligen Eingriff nichts mehr zu bemerken. Die Waldränder sind mit Licht und Wärme liebenden Sträuchern bewachsen und viele Insekten haben den neu entstandenen Lebensraum freudig angenommen.

Wer allerdings glaubt, der Forstbetrieb würde bei dieser Maßnahme Geld verdienen, der irrt sich. Burkhard Röker wird froh sein, wenn er diese Maßnahme überhaupt kostendeckend durchführen kann.


Das sagt der Bund für Umwelt und Naturschutz:

Im Querumer Forst plant die Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz
(SBK) umfangreiche Fällmaßnahmen. Da die Maßnahmen ein Eingriff in ein LSG (Landschaftsschutzgebiet) sind, wurde mit Datum vom 24.02.2015 eine Mitteilung der Verwaltung (Drucksache 14260/15) außerhalb einer Sitzung an den Planungs- und Umweltausschuss versandt. Über Eingriffe in LSGs ist nach Ratsbeschluss aus 2014 der Rat der Stadt Braunschweig zu informieren.

Der BUND Braunschweig lehnt die als Verkehrsicherungsmaßnahmen geplanten Fällungen in einer Breite von 10 - 20 m entlang der aufgeführten Straßen (Tiefe Straße (L 635; ca. 900 m), Bevenroder Straße (ca. 600 m), Peterskamp (K 32; ca. 670 m), Forststraße (ca. 470 m), Boeselagerstraße (ca. 350 m)) strikt ab.

Rechnet man auf dieser Länge von ca. 3 km eine Breite von "nur" 10 m, ergibt sich bereits eine Fläche von 3 ha, die abgeholzt wird. Dies ist nicht als unerheblicher Eingriff in das LSG zu sehen! Das Landschaftsbild würde sich erheblich verändern.

Eine forstlich angemessene Lösung, wie sie üblicherweise auch praktiziert wird, ist eine regelmäßige, zweimal jährliche Begehung und punktuelle Entfernung gefährdender Bäume bzw. Äste. Dies erfordert natürlich fachkundiges Personal, an dem hier offenbar gespart werden soll.

Würde eine derartige - wie von der SBK hier vorgebrachte - Argumentation überall angewandt, dürfte es nirgendwo Straßenbäume und Alleen geben!

Bei einigen der gekennzeichneten Bäumen handelt es sich zudem um seltene Flatterulmen, die augenscheinlich gesund sind und keine Gefährdung für den Straßenraum darstellen.

Die SBK verkauft ihre Maßnahmen mit dem ökologischen Mäntelchen, dass wertvoller Waldsaum geschaffen würde. Dem möchten wir hier
widersprechen: Ein Waldsaum gehört in einen Waldrandbereich, aber nicht an Verkehrswege, die mitten durch einen Wald führen. Eine Entwicklung zu einem blütenreichen Waldsaum aus Hasel und anderen Sträuchern ist eher fragwürdig, da der Unterwuchs auf vielen Bereichen aus Ahorn und anderen Baumarten besteht, die in kurzer Zeit zu einer starken Beschattung führen würden. Um ein solches ökologisches Ziel zu erreichen, müssten umfangreiche Pflegemaßnahmen erfolgen.

Ein weiterer Aspekt ist, dass sich die Gefahr von Wildunfällen durch die vorgesehene Entwicklung eines unübersichtlichen Gebüschsaums voraussichtlich deutlich erhöhen wird.

Bezüglich der geplanten Maßnahme ergeben sich weitere Fragen mit rechtlichen Konsequenzen:
- Stehen alle der zur Fällung vorgesehenen Bäume tatsächlich auf Flächen, die der SBK gehören? Zumindest im Randbereich der Bus-Wendeschleife an der Bevenroder Straße scheint dies nicht der Fall zu sein, aber auch für andere randständige Bäume ist dies fragwürdig.
- Wenn es sich nicht um Wald- sondern um Straßenbäume handelt, wer ist zuständig für die Verkehrssicherungspflicht? Die SBK oder die Staßenmeisterei?
- Aus einem Kommentar zum Waldgesetz geht hervor, dass auch für Waldbäume an Straßenrändern die Verkehrssicherungspflicht als Straßenbaulast anzusehen ist. Gelten hier BGH-Urteile oder das Waldgesetz? - Hier ist eine rechtliche Klärung erforderlich.

Bei der vorliegenden Sachlage fordert der BUND-BS die sofortige Einstellung der Fällungsarbeiten bis zu einer umfassenden juristischen Klärung und der notwendigen politischen Diskussion im Planungs- und Umweltausschuss der Stadt Braunschweig.


Das sagt die Bibs:

Die BIBS-Fraktion kritisiert die geplanten, umfangreichen Baumfällungen der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz (SBK) entlang der Straßenabschnitte Tiefe Straße, Bevenroder Straße, Peterskamp und Forststraße in Braunschweig-Querum, die ab dem heutigen Tage bis zum 31.03.2015 durchgeführt werden sollen.

„Auch bei Straßen, die durch die Wälder der SBK führen, hat die Stadt unseres Erachtens eine Mitwirkungspflicht bei Verkehrssicherungsmaßnahmen, die stra-ßennahe Bäume betreffen", so BIBS-Fraktionsvorsitzender Dr. Dr. habil Wolfgang Büchs. „Ich fordere deshalb, dass der Oberbürgermeister auf die SBK dahinge-hend einwirkt, dass die Fällungsmaßnahmen ausschließlich auf Gefahrenbäume beschränkt werden. Eine Durchforstung sollte erst nach Ende der Brut- und Setz-zeit, also frühestens ab Oktober 2015 erfolgen.“
„Bei einem Vergleich der Forstkarte mit den Standorten markierter Bäume ergab sich zudem, dass verschiedene Bäume sich nicht auf dem Gelände der SBK, son-dern auf städtischem Grund befanden. Dies muss die Verwaltung schnell aufklä-ren“, erklärt Büchs. „Bis zur Klärung müssen die Fällungen auch deshalb ausge-setzt werden. Nach Aussage von Forstexperten und auf Grund des allgemeinen fachlichen Grundverständnisses ist es nicht sinnvoll, bei allen durch Waldgebiete führenden Straßen gestaffelte Waldsäume mit vorgelagerten Hochstauden und Sträuchern von bis zu 20m Ausdehnung zu schaffen, da sie zum einen infolge erhöhter Unübersichtlichkeit und Deckung vermehrt zu Wildunfällen führen kön-nen und zum anderen oft im Hinblick auf die Vermeidung der biologisch-ökologischen Zerschneidungswirkungen von Straßen (als Wärmebarriere z.B. für Insekten, Kleinsäuger etc.; s. einschlägige Literatur) die Aufheizung von Straßen durch Sonneneinstrahlung vermieden werden soll, indem man den Kronenschluss über der Straße fördert. Dies gilt gerade für Straßen, die mitten durch Wälder führen wie im vorliegenden Fall z.B. die Bevenroder Straße oder die Tiefe Straße. Die Entwicklung von 20m breiten Waldsäumen ist nur sinnvoll bei Waldrändern die an Offenland (z.B. an Wiesen, Weiden, Äcker etc.) grenzen.

Nach Darstellung des Forstbeauftragten Herrn Röker ist aber offenbar tatsächlich geplant, auch bei den durch Wald führenden Straßen in einem Abstand von 20m längerfristig alle Bäume zu entfernen und gestufte Säume zu entwickeln, auch wenn dadurch die Zerschneidungswirkung verstärkt wird. Hierfür wird mit den vorgesehenen Fällungen jetzt die Basis geschaffen. Auf welcher fachlichen Grundlage sind diese Planungen durchgeführt worden und teilt die Stadt Braun-schweig aus fachlicher Sicht dieses Konzept?“, fragt Dr. Dr. Büchs abschließend.
Die BIBS-Fraktion wird diese Problematik nun in einem Dringlichkeitsantrag und einer -anfrage zum Planungs- und Umweltausschuss am 11.03. thematisieren.
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2 Kommentare
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Wilfried Schäfer aus Hondelage | 12.03.2015 | 22:50  
129
Friedemann Grün aus Braunschweig - Innenstadt | 02.04.2015 | 16:29  
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