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Maispflanze Nummer 23 000 hat Stress

Der Acker-Fuchsschwanz erweist sich zunehmend als widerstandsfähig gegen verschiedene Wirkstoffe. Foto: Arno Littmann, JKI/oh
 
„Wir betrachten Unkraut gar nicht als Feind“, sagt Dr. Peter Zwerger (rechts), Leiter des JKI-Instituts für Pflanzenschutz in Ackerbau und Grünland. Weniger Dünger, weniger Wasser, weniger Spritzmittel: „Eine Minimierung macht aus jedem Blickwinkel betrachtet Sinn“, sagt Dr. Henning Nordmeyer (links).Fotos: T.A.

„Unkrauttagung“: Experten am Julius-Kühn-Institut beschäftigen sich mit gezieltem Pflanzenmanagement – Dabei ist weniger für sie mehr.

Von Marion Korth, 09.03.2014.

Braunschweig. Café Crema oder doch lieber Latte Macchiato? Was hat der moderne Coffeeshop, in dem auf Knopfdruck ganz verschiedene Getränkespezialitäten aus dem Automaten kommen, mit der Landwirtschaft der Zukunft zu tun? Die Antwort gibt es im nB-Interview.

Rund 250 Experten treffen sich vom 11. bis 13. März zur „Unkrauttagung“, die das Julius-Kühn-Institut gemeinsam mit dem Institut für Geoökologie der Technischen Universität Braunschweig und dem Arbeitskreis Herbologie der Deutschen Phytomedizinischen Gesellschaft veranstaltet. Ein Themenschwerpunkt sind die Unkräuter, die sich mit den üblichen Spritzmitteln nicht mehr bekämpfen lassen, weil sie eine Widerstandsfähigkeit (Resistenz) entwickelt haben.
Warum das so ist, und was man dagegen tun kann, darüber sprachen wir mit Professor Dr. Peter Zwerger, Leiter des Instituts für Pflanzenschutz in Ackerbau und Grünland des Julius-Kühn-Instituts sowie seinem Kollegen Dr. Henning Nordmeyer von der Arbeitsgruppe Herbologie.

? Wir kennen antibiotikaresistente Keime beim Menschen, aber woran liegt es, dass Unkrautvernichtungsmittel ihre Wirksamkeit verlieren, gibt es Parallelen?

! Dr. Henning Nordmeyer: Es gibt schon Parallelen. Durch den einseitigen Einsatz von Wirkstoffen haben sich Biotypen mit Resistenzen entwickelt. Sie überleben, vermehren sich und werden immer mehr. Dies ist ein Problem, das zunehmend an Bedeutung gewinnt, das aber im Bewusstsein der Landwirte noch nicht zur Genüge angekommen ist.

? Was wünschen Sie sich von den Landwirten, was sollen sie tun?

! Nordmeyer: Ein Wirkstoffwechsel, also keine einseitige Anwendung, ist eine geeignete Maßnahme, um Resistenzen zu verhindern, das ist aber auch mit Kosten verbunden. Deshalb fällt die Wahl dann eben doch immer wieder auf das günstigste Mittel.

! Dr. Peter Zwerger: Dazu muss man sagen, dass die Palette der zur Verfügung stehenden Mittel eingeschränkt ist. Es gibt zwar verschiedene Wirkstoffe, seit mehr als 20 Jahren sind aber keine neuen Wirkstoffgruppen mehr auf den Markt gekommen. Da sind wir dann wieder bei den Antibiotika.

? Kommen durch den Klimawandel neue „ungebetene Gäste“ auf die Felder, die die bisherigen Bekämpfungsstrategien unterlaufen?
! Zwerger: Von einem Problem würde ich in diesem Bereich noch nicht sprechen, aber es gibt schon Pflanzen, die sich freuen, wenn sie in einem milden Winter nicht absterben und stark und konkurrenzkräftig ins Frühjahr starten. Dann ist die Frage, wie sie bekämpft werden, ob Pflanzen überleben und sich weiter vermehren, so schaukelt sich eine neue Art hoch. Ambrosia spielt auf den Äckern noch keine Rolle, macht aber wegen ihrer allergenen Wirkung Probleme, was die menschliche Gesundheit angeht, und wird daher gezielt bekämpft. In Saatgut ist der Amarant zu uns gekommen, der sich verbreitet, aber dem kommen wir mit unseren Mitteln noch bei.

? Müssen „Unkräuter“ automatisch unsere Feinde sein, die den Ertrag mindern, oder gibt es auch Versuche, sie als Erosionsschutz, um Nährstoffe und Wasser im Boden zu halten oder die biologische Vielfalt insgesamt erhöhen, aktiv in die Boden- und Pflanzenpflege einzubinden (Stichwort „Mischkultur“)?

! Zwerger: Also ein Unkraut ist nur ein Unkraut, wenn es stört. In diesem Sinn betrachten wir Unkraut auch gar nicht als Feind. Wir bekämpfen es nur dort, wo es angebracht ist. Ansonsten erhöhen diese Pflanzen ohne Frage die Biodiversität. Ich würde zur Bodenbegrünung zwar nicht unbedingt Vogelmiere nehmen, aber zum Schutz vor Erosion und als Gründüngung werden ja schon gezielt Pflanzen wie Senf, Leguminosen (zum Beispiel Klee oder Erbsen, Anm. d. Red.) oder Phacelia eingesät. Wir versuchen, Begrünungspflanzen zu haben, aber es gibt auch Grenzen. So ein „grüner Teppich“ braucht Wasser, um zu wachsen. Untersuchungen aus den USA haben aktuell gezeigt, dass Mais schon im Jugendstadium erkennt, ob er Konkurrenz hat oder nicht. Schon in diesem Stadium bildet er seine Samenanlagen, die dadurch kleiner ausfallen, das bedeutet wiederum geringeren Ertrag.

? Können wir aus der biologischen Landwirtschaft lernen?

! Zwerger: Auf jeden Fall, indem wir die Fruchtfolge gezielt einhalten und darauf achten, dass die Anfangsverkrautung auf den Äckern geringer ist. Auch Methoden der mechanischen Unkrautbekämpfung können wir übernehmen, vorausgesetzt, die Bearbeitung erfolgt vorsichtig, und der Betrieb wird genau darauf abgestimmt.

? Wenn Sie an die Landwirtschaft der Zukunft denken, wie sieht sie aus? Neue, andere Spritzmittel, gentechnikveränderte Kulturpflanzen mit eingebautem Pflanzenschutz, neue Bearbeitungs- und Pflanzmethoden? Oder etwas gänzlich anderes?

! Nordmeyer: Wir setzen moderne Technik ein, um eine gezielte Unkrautbekämpfung möglich zu machen, dabei betrachten wir die Ackerfläche nicht als Ganzes, sondern in Teilflächen. In Versuchen überfliegen wir derzeit die Flächen in in fünf Metern Höhe mit Drohnen, die Fotos liefern uns Informationen über die Unkrautarten und ihre Dichte. Der Knackpunkt ist derzeit noch die Auswertungssoftware. Die Situation ist komplex. Wir haben es mit drei, vier oder auch fünf Leitkräutern auf den Äckern zu tun, dazu kommen fünf bis zehn Arten, die begleitend vorkommen. Manche Pflanzen können auch in größerer Anzahl toleriert werden, beim Klettenlabkraut ist aber schon eine Pflanze auf zehn Quadratmetern zu viel.
Derzeit wird daran gearbeitet, mehrere Mittel gleichzeitig auf einem Spritzgerät mitzuführen, die dann direkt auf dem Acker passend gemixt und dosiert und punktgenau ausgebracht werden.
? Wie bei einem Kaffeeautomaten, bei dem auf Knopfdruck verschiedene Getränke aus den Düsen kommen?

! Nordmeyer: Ja, genau. Das Ziel wäre es, ein Mittel nur da einzusetzen, wo es gebraucht wird, und nur so viel, wie gerade nötig. Der Pflanzenschutz der Zukunft wird situationsgerechter sein. Das wird vielleicht bis hin zur Einzelpflanze gehen. Über GPS und Sensoren im Boden wissen wir dann genau, wo die Maispflanze mit der Nummer 23 000 steht, ob ihr irgendetwas fehlt, und können sie dann gezielt versorgen.

? Auch in Bezug auf Wasser?

! Zwerger: Gerade in Bezug auf Wasser! Ein Beispiel dafür ist die Tröpfchenbewässerung in Israel. Wir hoffen noch auf eine billigere Technik, denn gerade die Beregnung von Mais oder Sonnenblumen könnte so viel effizienter werden.
Die Pflanzenzüchtung zielt darauf ab, widerstandsfähigere Pflanzen zu bekommen. Nicht widerstandsfähiger gegen Unkräuter, aber mit einer höheren Toleranz gegenüber Krankheitserregern und der Versorgung mit Wasser und Nährstoffen. Ich glaube nicht, dass wir in absehbarer Zeit gentechnisch veränderte Pflanzen auf die Felder bekommen, dafür fehlt die Akzeptanz. Auf dem herkömmlichen Weg ist die Resistenzzüchtung ebensogut möglich.

? Was erhoffen Sie sich von der Tagung?

! Nordmeyer: Es geht vor allem um den Austausch mit Kollegen, um voneinander zu lernen.

! Zwerger: Probleme in die Forschung tragen und umgekehrt Forschungsergebnisse in die Praxis, das ist das Ziel.
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